Formel1

RTL-F1-Experten erinnern sich "Natürlich Vettels erste Weltmeisterschaft"

Heiko Wasser und Christian Danner sind viele Jahre die Stimmen der ungeheuer erfolgreichen Formel-1-Übertragungen von RTL, am Wochenende steht der vorerst letzte Einsatz des Duos an. Gemeinsam erinnern sie sich an emotionale Entscheidungen, zwölf "deutsche" Titel und die Marotten der "charismatischsten Person in der Formel 1".

Christian Danner, Heiko Wasser: Ihr letztes gemeinsames Rennen aus der RTL-Kommentatorenbox steht an - eine verrückte Vorstellung. Was kommt Ihnen aber als erstes in den Kopf, wenn Sie zurück an das erste Rennen denken, das Sie gemeinsam kommentiert haben?

Wasser: Das, was mir sofort wieder ins Gehirn kommt, ist ein Satz, der nach dem Rennen fiel. Ich habe vorher mit Jochen Mass kommentiert und das hat nicht immer so 100-prozentig geklappt, obwohl Jochen Mass ein sehr netter Kollege ist. Dann habe ich das erste Mal mit Christian Danner kommentiert und hab danach meine Mutter angerufen und sie hat gesagt: 'Du hast dich viel glücklicher angehört.' Also ich war deutlich entspannter, wir standen vorher in der Kritik. Und dann habe ich mit Christian kommentiert und da ist mir einfach der Satz meiner Mutter unauslöschlich im Kopf.

Danner: Es war in Imola (1998 - Anm. der Red.). Und ich habe eigentlich nur immer darauf geachtet, den Standpunkt des Fahrers ein bisschen zu erklären und rüberzubringen und nicht nur "Allgemeingewäsch" von mir zu geben. Wie es sich anfühlt, den Berg hochzufahren und nicht zu sehen, wo ich einlenken muss. Da hat mir der Heiko auch die Freiheit zu gelassen. Und ich habe ihm weiterhin die Freiheit gelassen, durchs Rennen zu führen. Da haben wir gemerkt, dass das gut funktioniert. Wir sind grundverschieden wir zwei. Aber das war einfach eine professionelle Art, die auf Anhieb funktioniert hat. Deshalb habe ich das erste Rennen in guter Erinnerung.

So eine unfassbar lange Zeit der Zusammenarbeit. Welche Marotten haben sich da bei Ihnen eingeschlichen hinter den Kulissen?

Wasser: Christian hat es ja gesagt - wir sind grundverschieden. Er geht früh ins Bett und steht noch früher auf. Er hasst Klimaanlagen. Wenn wir die Chance haben, im Restaurant draußen zu sitzen, dann sitzen wir draußen. Christian hat mit Fußball nicht viel am Hut und kriegt dann immer eine Krise, wenn ich dann doch mal einen Sendehinweis auf Fußball mache. So haben wir natürlich unsere kleinen Marotten. Und wenn ich immer irgendein buntes Thema erwähnt habe, haben wir wieder festgestellt, dass er das so gar nicht auf dem Schirm hat, über wen ich da so gerade rede.

Danner: Chewbacca!

Wasser: Jahrelang hat Red Bull in Monte Carlo Werbung für einen Kinofilm gemacht - also Ocean's 11, Ocean's 12, Batman. Und irgendwann auch mal für Star Wars. Da war die ganze Garage mit dekoriert. Die Mechaniker hatten auch besondere Outfits und für mich war das normal. Aber Christian kümmert sich immer nur um sportliche Dinge. Und dann fing das Qualifying an und Christian fragte: 'Was ist jetzt das da für ein Gorilla?' Dann habe ich es ihm erklärt und gesagt, dass er in seinem Dorfkino wahrscheinlich noch nicht mal Teil 1 oder Teil 2 der Star Wars-Reihe gesehen hat - falls sie überhaupt eins haben. Dann kam er zwei Wochen später ganz stolz mit einem Brief an: 'Sehr geehrter Herr Danner, bitte teilen Sie Herrn Wasser mit, dass wir ein Kino haben.' Ihm hatte dann der Bürgermeister seines Heimatdorfs geschrieben.

Danner: Man kann sich da schon annähern, aber ich werde nie bunt. Aber das beste Beispiel für solche Kompromisse ist ja, dass ich seit 1982 Vegetarier bin und trotzdem problemlos mit ins Steakhouse gehe. Da esse ich dann Pommes oder Gemüse mit einem Salat. Das geht schon alles irgendwie.

Wie nervös sind Sie damals bei Ihren ersten Rennen gewesen - und wie nervös seid Ihr heute noch vor dem Kommentieren?

Danner: Null. Null. Null.

Wasser: Es gab ein Rennen, da ist Christian kurz vor dem Start in der letzten Werbepause in der Sonne draußen vor der Sprecherkabine eingeschlafen - auch in Imola. Dann bin ich raus, habe ihn geweckt und gesagt, dass er reinkommen muss, um den Start zu kommentieren. Wir sind eigentlich nicht nervös. Wir haben unsere klaren Absprachen, wir haben ja auch Gott sei Dank vor dem Start ein paar Sendeminuten, wo wir ein paar Dinge ansprechen. Und dann wird überlegt, wer beim Start wohin guckt. Und dann geht's los. Dann ist es in der Regel so, dass ich die ersten zehn Sekunden durchziehe und die ersten Szenen einschätze und dann grätscht Christian rein oder ergänzt.

Danner: Also null nervös.

Heiko Wasser, was macht Christian Danner als Experten aus?

Wasser: Dass er nicht nur unglaublich viel weiß, sondern auch die große Gabe hat, das vernünftig - also so, dass Menschen es verstehen - erklären kann.

Christian Danner, welche Macke hat sich Heiko Wasser als Kommentator über die Jahre bewahrt?

Danner: Ich würde es eher Eigenart nennen. Der Heiko weiß sehr genau, wann er die Pace erhöhen muss und wann er sie runterfahren muss. Es gibt Momente, wo ich mit Verwunderung neben ihm sitze, wenn er da aus dem Sattel geht und laut wird - aber das passt dann schon. Da hat er ein sehr gutes Gefühl für.

Welches Rennen ist Ihnen am meisten in Erinnerung geblieben?

Wasser: Der Deutschland-GP von 2018, weil es ein so chaotisches Rennen war mit so vielen Ausfällen. Und dann natürlich Sebastian Vettels erste Weltmeisterschaft in Abu Dhabi 2010. Weil das vom Drehbuch einfach perfekt war. Der frühe falsche Boxenstopp von Ferrari und dass Alonso dann hinter Petrow zurückgefallen ist. Und plötzlich war die Tür auf. Wir hatten eigentlich alle damit gerechnet, dass Alonso Weltmeister wird. Plötzlich hatte Vettel die Chance. Es wurde immer wahrscheinlicher, Runde um Runde. Das war irre.

Danner: Heiko hat vollkommen recht mit dem was er sagt. Aber ich kann nicht sagen, dass ich ein Lieblingsrennen hatte.

Wasser: Christian ist einfach viel pragmatischer. Christian ist Rennfahrer. Es gab Rennen, da hat er sich mehr über Positionskämpfe auf Rang acht und neun gefreut.

Welches war Ihr peinlichster On-Air-Moment?

Danner: Da kann ich mich an nix erinnern.

Wasser: Doch, wir haben einmal einen Start in Japan verhunzt.

Danner: War das peinlich?

Wasser: Peinlich nicht, aber das war ein dickerer Fehler. Da war der Grosjean auf einmal vorne und wir haben es nicht umrissen.

Danner: Aber so ein richtiger Blackout war nicht dabei, nein.

Wasser: Doch! Einmal. Als das Top-Model die Zielflagge im falschen Moment geschwenkt hat.

Danner: Ich habe dann gesagt, man soll halt da einen Profi hinstellen. Und keinen Kleiderständer. Und daraufhin haben wir einen riesigen Anschiss bekommen. Dabei habe ich ja völlig recht gehabt.

Und was war der emotionalste Moment, der Lieblingsmoment?

Wasser: Natürlich war Schumachers erste Weltmeisterschaft toll. Bei dem Unfall, als der Schumacher raus war, habe ich einen Kugelschreiber vor den Monitor geknallt - das kann man auf den Originalaufnahmen noch hören, wenn man lauter dreht. Und natürlich war die Freude, als er dann hinterher trotzdem Weltmeister wurde, riesengroß. Sehr emotional war dann eben auch Vettels erste Weltmeisterschaft. Das war schon irre. Und natürlich die letzte Runde, als Hamilton 2008 im Regenchaos von Sao Paulo Weltmeister wurde. Da bin ich auch sehr stolz auf Christian, dass er sehr früh erkannt hat, dass das nochmal eng wird - obwohl der Massa schon im Ziel war und als Champion gefeiert wurde. Wir haben uns hinterher viele andere Sender angeschaut, wir waren die Ersten und Einzigen, die erkannt haben, dass da noch was passieren kann. Wir haben das dann hochgeredet und dem Zuschauer die Dramatik vermittelt.

Danner: Das war ja die letzte Runde.

Wasser: Da bin ich sehr, sehr stolz, dass der Christian das erkannt hat, dass das die Story des Tages wird. Und ich habe dann Gas gegeben.

Danner: Das ist wieder das, was ich gemeint hab. Ich habe das ganz nüchtern gesehen: 'Oh, das wird nochmal eng.' Und dann ging Heiko aus dem Sattel.

Sie sind bei zwölf deutschen WM-Titeln dabei gewesen - welchen davon haben Sie am liebsten kommentiert?

Wasser: Vettel 2010. Weil es einfach am spannendsten war. Weil es der überraschendste Titel war. Und in dem Moment von der Dramaturgie her der schönste Titel.

Sie haben lange mit Niki Lauda im RTL-Team gearbeitet. Was haben Sie daraus mitgenommen, was fürs Leben bleibt?

Wasser: Für mich ist Niki Lauda die charismatischste Person in der Formel 1, die ich kennengelernt habe. Ich habe ganz viel Spaß mit ihm gehabt, obwohl ich nicht so viel Zeit mit ihm verbracht habe wie Florian König. Aber wir haben oft zusammen dummes Zeug geredet. Er war auch geizig, das war auch immer sehr lustig. Ich kann mich an einen Abend vor dem Geburtstag seiner Frau erinnern, als Niki ab halb zwölf gegähnt und gegähnt und gegähnt hat, weil er wollte, dass wir alle nach Hause gehen und er um Mitternacht keine Runde ausgeben muss. Und dann hat Norbert Haug gesagt: 'Entspann dich, Mercedes zahlt die Rechnung.'

Danner: Ich habe mich unglaublich gut, wirklich unglaublich gut mit Niki verstanden. Wir haben oft so im Stillen gefachsimpelt. Und oft gelacht und über Sachen gesprochen, die man normalerweise nicht bespricht. Und einfach viel gelacht - es war immer sehr fröhlich mit ihm. Ich kannte ihn ja seit meiner aktiven Zeit als Rennfahrer. Wir haben uns einfach gut verstanden - Ex-Rennfahrer zu Ex-Rennfahrer. Das war unglaublich angenehm. Dem musste ich nix erklären und er mir nicht. Da war die Sachlage immer klar, wenn auch nicht immer Mainstream.

Was werden Sie am meisten am Formel-1-Trubel vermissen?

Wasser: Was mir am meisten fehlen wird, das weiß ich jetzt schon, das sind die Abende mit Florian und Christian bei einer guten Flasche Wein und einem netten Essen, wo wir tolle Plätze kennengelernt und tolle Gespräche geführt haben. Trotz all des Reisestresses.

Danner: Das wird mir sicher auch fehlen. Aber auch das freie Arbeiten. 'Geht da mal hin und macht euren Job', das wurde uns gesagt. Und dann haben wir das in Eigenverantwortung gemacht. Das wird es so nie wieder geben glaube ich mit Bezug auf unser Thema, die Formel 1, und das ist sehr schade. Das fehlt mir sicher.

Mit Christian Danner und Heiko Wasser sprach Alessa-Luisa Naujoks

Quelle: ntv.de

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