Formel1

Die Luft macht Probleme Red Bull versteht das eigene Konzept nicht

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Dass Max Verstappen seinen Boliden kurz vor dem Start zum Großen Preis von Ungarn schwer beschädigte, machte Red Bulls Probleme nur größer.

(Foto: imago images/HochZwei)

Formel 1, das heißt Autofahren am Limit. Und dieses Limit ist das Problem von Red Bull. Denn deren Auto reagiert nicht verlässlich, wenn es an der Grenze bewegt wird. Für Hoffnungsträger Max Verstappen ist das ein Problem. Vor allem eine Kurve macht das deutlich.

Helmut Marko wirkte durch und durch optimistisch, was bei der grauen Red-Bull-Eminenz schon was heißen will. "Wir haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt, nämlich, dass wir erst zu Mitte der Saison richtig wettbewerbsfähig waren", sagte der Teamberater im Juni, gut einen Monat vor dem Formel-1-Start, im RTL-Interview. Dieses Mal aber ginge die Saison wegen Corona ja praktisch erst in der Mitte los und auch die Vorbereitung der "Bullen" sei heuer besser gewesen als in den Vorjahren.

Kurzum, so Marko: "Wir sehen uns als ersten und ernsten Herausforderer von Mercedes." Markos Optimismus kam nicht von ungefähr. Der corona-bedingte Saisonstart mit einem Doppel-Grand-Prix in Österreich und dem direkt folgenden Budapest-Rennen schien für Red Bull wie gemalt. Schließlich hatte Verstappen 2018 und 2019 in Österreich triumphiert und im Vorjahr in Ungarn die erste Pole Position seiner Karriere eingefahren.

In Red-Bull-Hauptquartier in Milton Keynes hoffte man, Mercedes mit einem starken Saisonstart direkt unter Druck zu setzen und im Titelkampf endlich von Anfang an mitzumischen. Es blieb bei der Hoffnung. Zwar sammelte Max Verstappen mit einem zweiten und einem dritten Platz ordentlich Punkte. Allerdings blieb der Holländer beim Auftaktrennen mit einem technischen Defekt liegen, zum WM-Führenden und Titelverteidiger Lewis Hamilton klafft deshalb vor dem Großen Preis von Großbritannien (Sonntag, 14 Uhr live bei RTL und TVNOW, die Freien Trainings live bei ntv.de) schon eine riesige Lücke.

Ein neues Setup reicht nicht

Was die Sache aus Red-Bull-Sicht so schlimm macht: Der Rückstand auf Mercedes ist, verglichen mit 2019, nicht kleiner, sondern noch größer geworden. Weder in Spielberg noch in Budapest waren Verstappen und Alex Albon in der Lage, die ehemaligen Silberpfeile, die jetzt schwarz lackiert an den Start gehen, ernsthaft zu gefährden. Am deutlichsten zeigten sich Red Bulls derzeitige Gebrechen in Budapest.

"Red Bull war auf dem Hungaroring, mit viel Abtrieb, immer eine Bank", hatte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff im Vorfeld noch gewarnt. Auf der kurvenreichen Piste klagten Verstappen und Albon dann aber von Beginn an über die schlechte Balance des Autos, rutschten durch manche Kurven mehr als hindurchzufahren und hoffnungslos hinterher. Das Fahrverhalten des Boliden war so mies, dass Red Bull einen von zwei Jokern zog, um die in der F1 vorgeschriebene Nachtruhe für die Mechaniker - am Samstag zwischen ein Uhr nachts und neun Uhr morgens - aufzuheben.

So durfte das Team zwar bis tief in die Nacht am Setup des RB16 schrauben. Allein, die Setup-Bastelei brachte nichts, die Balance war immer noch nicht richtig. Der Blick auf die Zahlen und Daten des Ungarn-Wochenendes attestiert Red Bull einen Rückschritt: Während Mercedes 1,3 Sekunden schneller war als noch 2019, fehlte Verstappen im Qualifying eine Zehntel zur Hamilton-Zeit des Vorjahres, die damals wohlgemerkt nur zu Platz drei hinter Polesitter Verstappen und Valtteri Bottas gereicht hatte.

Vor allem in Kurve 1, wo die Piloten in Ungarn Schwung für den ersten Sektor holen, büßte Verstappen Zeit ein. Im Vergleich zu 2019 machte der Holländer im ersten Bogen deutlich mehr Lenkbewegungen - ein klares Zeichen für die mangelhafte Balance. "Man pusht das Auto ans Limit, aber wenn man das Limit erreicht, wird es etwas heikel. Man verliert leicht das Heck oder untersteuert heftig", fasste Verstappen die Macken seines Dienstfahrzeugs zusammen. Eine Fehlkonstruktion wie Ferraris SF1000 ist der RB16 sicher nicht. Dennoch hat Red Bull ein Problem. Und zwar ein grundsätzliches, das sich nicht mit einem neuen Setup mal eben aus der Welt schaffen lässt.

Das Auto ist unberechenbar

"Nach allen Untersuchungen können wir sagen. Der Hund liegt in der Aerodynamik. Irgendwas mit der Anströmung passt nicht. Verbiegen der Teile ist sicher ein Punkt, aber der Luftstrom reißt auch aus anderen Gründen ab", erläutert Teamberater Marko bei "Auto, Motor und Sport". Übersetzt heißt das: Die Aerodynamik des RB16 ist im wahrsten Sinne des Wortes windig. Ein abreißender Luftstrom bedeutet, dass sich der Abtrieb je nach Fahrsituation ändert. So wie es Verstappen beschreibt: Mal verliert man das Heck, mal untersteuert man plötzlich - ein unberechenbares Ungleichgewicht.

Womöglich hat sich Red Bull auch selbst überfordert. Zum Auftakt in Spielberg baute das Team direkt all seine während der Corona-Pause im Windkanal erarbeiteten Updates an das auf der Strecke noch ungeprüfte Auto. Offenbar zu viel für Maschine, Pilot und Ingenieur. "Deshalb kommen jetzt auch nicht mehr alle neuen Teile am Stück ans Auto, sondern eins nach dem anderen, damit wir sehen, ob sich da irgendwo ein Fehler eingeschlichen hat", sagt Marko. Immerhin: Der Österreicher versichert, dass Red Bull die Problematik verstanden habe. "Wir wissen jetzt, was funktioniert und was nicht. Von dieser Basis aus entwickeln wir weiter. Die Fehler versuchen wir so schnell wie möglich zu korrigieren."

Was schnell in diesem Zusammenhang bedeutet ist die spannende Frage. Und: Ob tatsächlich das (Ingenieurs-)Team oder nur Design-Guru Adrian Newey versteht, was los ist. Es wäre nicht das erste Mal, dass dem Herr der Luftströme bei Red Bull keiner so recht folgen kann. Noch schlimmer wäre für Verstappen und Co. allerdings, wenn Newey selbst im Vakuum hinge - es wäre auch nicht das erste Mal.

Quelle: ntv.de