Formel1

Überstunden nach Formel-1-Rennen Sebastian Vettel rettet ein bisschen die Welt

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Nach seinem Dreher fiel Vettel zu Rennbeginn sogar hinter Mick Schumacher im unterlegenen Haas zurück.

(Foto: imago images/Motorsport Images)

Der Große Preis von Großbritannien endet für Sebastian Vettel nicht damit, sein Auto frühzeitig abzustellen. Nach Rennende bleibt der Aston-Martin-Pilot an der Strecke und räumt hinter den Formel-1-Fans auf. Dabei betont er einmal mehr sein Engagement für die Umwelt.

Es hätte vermutlich kaum jemanden gewundert, wenn sich Sebastian Vettel nach dem Großen Preis von Großbritannien schnell auf den Heimweg gemacht hätte. Zurück zur Familie, in die gewohnte Umgebung, um die Enttäuschung über ein von Anfang bis Ende verkorkstes Formel-1-Rennen zu verarbeiten. In der Startphase leistete sich der 34-Jährige einen folgenschweren Fahrfehler, fiel durch einen Dreher vom aussichtsreichen Platz 6 auf den 19. und letzten Platz zurück und hatte im Aston Martin schon früh jegliche Chance auf Punkte selbst aus der Hand gegeben. Als ihn sein Team dann anfunkte, frühzeitig an die Box zu kommen und das Auto wegen Problemen mit der Kühlung abzustellen, war der Sonntag endgültig hinüber.

Doch statt gefrustet zu verschwinden, blieb Vettel bis weit nach Rennende an der Strecke. Um den Abfall aufzusammeln, den die 140.000 Fans nach dem schweren Unfall von Max Verstappen und dem anschließend frenetisch bejubelten Heimsieg von Lewis Hamilton hinterlassen hatten. Bilder und Videos zeigen den vierfachen Weltmeister mit Handschuhen und Müllsack, wie er zwischen den leeren Rängen sauber macht. "Ich denke, es ist wichtig, dass wir alle unsere Umwelt respektieren", sagte Vettel im Gespräch mit der offiziellen F1-Webseite, "und uns nicht darauf verlassen, dass irgendwer schon aufräumt, was wir so liegen lassen." Dem Bericht zufolge kam er am Tag danach noch einmal zurück an die Strecke, um erneut mit anzupacken.

"Wir müssen irgendwo anfangen und jeder von uns kann einen Unterschied machen", so Vettel, der sich immer wieder für Klimaschutz, Umweltschutz und Nachhaltigkeit einsetzt. Was natürlich mindestens im ersten Moment paradox wirkt, denn Motorsport allgemein und die Königsklasse mit ihrer gewaltigen Logistik im Besonderen sind nun nicht gerade dafür bekannt, überdurchschnittlich umweltfreundlich zu sein. Und eine Lobeshymne ist auch unangebracht, nur weil jemand mal ein paar Stunden lang Müll einsammelt. Aber es ist ja zumindest ungewöhnlich, wenn einer der bekanntesten und erfolgreichsten Piloten der Formel-1-Historie sich an dieser Stelle einbringt. Dass Vettel dabei noch Zeit hat, ein paar Fans ihre Autogramm- und Fotowünsche zu erfüllen, ist ein angenehmer Nebeneffekt.

Die Widersprüche sind bekannt

Der gebürtige Hesse, der seinen Hauptwohnsitz inzwischen in der Schweiz hat, weiß dabei um die Widersprüchlichkeit seines Alltags. "Als ich vor Jahren angefangen habe, auf Nachhaltigkeit zu achten", sagte er jüngst in einem ausführlichen "Spiegel"-Interview, "musste ich mir natürlich die Frage stellen, ob ich nicht ein Heuchler bin". Einerseits die Sorge um den fortschreitenden Klimawandel, der Menschenleben bedroht, und andererseits der berufliche Alltag, der darin besteht, durch die Welt zu fliegen und auf den Rennstrecken dieser Welt fossile Brennstoffe zu verbrauchen. Die Formel 1 dient immer wieder als Sinnbild der Ressourcenverschwendung, als Beispiel für aus der Zeit gefallene Beschäftigungen, eine Kritik, die durchaus berechtigt ist.

Für Vettel ist die Rennserie aber auch eine Bühne, die er jüngst bei den Rennen in Österreich nutzte, um mit Schülerinnen und Schülern ein Bienenhotel zu bauen. Eine zweite Klasse gewann den Ideenwettbewerb und errichtete dann gemeinsam mit dem Vater dreier Kinder einen Formel-1-Wagen aus Holz, den nun Bienen bevölkern sollen. In dem "Spiegel"-Interview berichtete Vettel auch davon, er habe "zunächst meine Gewohnheiten geändert, etwa die Vielfliegerei, und dann habe ich darüber geredet". Natürlich rettet es nicht das Weltklima, wenn er nun privat Elektroautos fährt und die aus der Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach speist. Aber Vettel appelliert auch daran, neben den privaten Entscheidungen, die ihm als Multimillionär natürlich leichter fallen, auch die politischen an die Frage zu knüpfen, wer für Klimaschutz und Nachhaltigkeit eintritt.

"Wir sollten für eine Regierung stimmen, von der wir überzeugt sind, dass sie am authentischsten für diese Prinzipien und Werte einsteht", hatte der 53-fache Grand-Prix-Sieger gesagt und sich zahlreiche auch wütende Reaktionen zugezogen, als er erklärte: "Ja, ich werde grün wählen" bei der Bundestagswahl am 26. September dieses Jahres. Den nach vielen Jahren im Motorsport im Vergleich zum Durchschnitt deutlich größeren CO2-Fußabdruck gleicht das nicht aus, und die Kritik an dieser Widersprüchlichkeit ist richtig und wichtig. Aber Vettel hat eben auch recht, wenn er zum Klimawandel sagt: "Das ist ein Thema, das uns alle angeht und das unser aller Leben betrifft." Woraus er die Konsequenz zieht, "meine Stimme für etwas zu erheben, was für unser aller Wohl wichtig ist." Und da reicht eben manchmal auch eine Kleinigkeit wie Müllsammeln. Zwar nicht, um die Welt zu retten, aber um etwas mehr Bewusstsein zu schaffen.

Quelle: ntv.de

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