Formel1

Nach dem F1-Crash mit Leclerc Vettel ist der große Verlierer bei Ferrari

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Die unangefochtene Nummer eins bei Ferrari ist Vettel nicht mehr.

(Foto: imago images/HochZwei)

Der Ferrari-Konflikt eskaliert in Sao Paulo. Der Crash von Sebastian Vettel und Charles Leclerc ist der Tiefpunkt einer enttäuschenden Saison. Vor allem für den deutschen Formel-1-Piloten ist der Unfall ein Problem. Denn er weckt Erinnerungen an die Saison 2010.

In einer ohnehin enttäuschenden Saison war die 66. Runde in Sao Paulo der Tiefpunkt für Ferrari. Als Sebastian Vettel und Charles Leclerc ihre demolierten Autos am Rande des Autodromo Jose Carlos Pace abstellten, war der Streit um die Führungsrolle bei der Scuderia endgültig und unübersehbar eskaliert. Teamchef Mattia Binotto kündigte zwar an, kein vorschnelles Fazit ziehen zu wollen. Doch schon vor der angekündigten Analyse des rot-roten Crashs steht fest: Sebastian Vettel ist der Verlierer dieser Auseinandersetzung.

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"Ich dachte, ich wäre vorbei und dann sind wir zusammengekommen", sagte Vettel, und setzte dabei die Team-Direktive um, keine öffentlichen Schuldzuweisungen vorzunehmen. Der 32-Jährige hatte seinen zehn Jahre jüngeren Teamkollegen auf dem Weg zu Kurve vier außen überholt, dabei kam es zur Kollision. Wenige Hundert Meter später war das Rennen für beide vorbei. "Es ist blöd für das Team, mit zwei Autos nicht die Zielflagge zu sehen", fasste er das Offensichtliche zusammen. Leclerc ließ verlauten: "Er hat mich nach innen reingequetscht. Es ging sehr schnell. Dann haben wir uns berührt und ich hatte einen Reifenschaden.“ Das ist die nüchterne - und von der Ferrari-Führung gewünschte - Version des Crashs, dessen Bilder an den Großen Preis der Türkei im Jahr 2010 erinnerten.

Red Bull war damals vor den Toren Istanbuls auf dem Weg zu einem Doppelsieg, als der Zweitplatzierte Vettel den Führenden Mark Webber attackierte. Vettel nutzte den Windschatten, zog mit Geschwindigkeitsüberschuss vorbei – und lenkte wie nun auch in Brasilien zu früh zurück auf die Ideallinie. Was diesmal Leclercs rechtes Vorder- und Vettels linkes Hinterrad waren, waren vor neun Jahren Vettels rechter Hinter- und Webbers linker Vorderreifen.

Damals Webber, heute Vettel

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Vettel war damals 22 Jahre alt, Webber 33. Und auch wenn es wie in Istanbul der Deutsche war, der das Überholmänover initiierte, sind die Rollen in Sao Paulo vertauscht. Vettel ist heute das, was vor neun Jahren Webber war. Nicht nur, weil Leclerc Mitte Oktober seinen 22. Geburtstag feierte und damit so alt ist wie Vettel seinerzeit. Sondern weil damals wie heute der junge, aufstrebende Pilot dem älteren, erfahreneren Teamkollegen aufzuzeigen versucht, dass er die interne Führungposition für sich beansprucht.

2010 war es Webber, der die Fahrerwertung anführte, als Vettel im siebten von 19 Rennen aufbegehrte. Am Saisonende jubelte der Deutsche, der mit drei Siegen in den letzten vier Rennen und in einem packenden Finale in Abu Dhabi jüngster Weltmeister der Formel-1-Historie wurde. Zwar fuhr Webber danach noch drei weitere Jahre für Red Bull. Allerdings als klare Nummer zwei hinter Vettel, der ihn auf dem Weg zu seinem WM-Titeln zwei, drei und vier jeweils deutlich deklassierte. 2019 ist es Leclerc, der dem mittlerweile vierfachen Titelträger die Rolle als Alphatier streitig macht.

Offiziell verzichtet Ferrari zwar darauf, einen Fahrer Nummer eins zu benennen. Doch zu Saisonbeginn war klar: Auf Vettel ruhten die Hoffnungen, den ersten WM-Titel seit 2007 nach Italien zu holen. Mit diesem Ziel wechselte der Heppenheimer vor vier Jahren zu den Roten, nach Platz zwei in der vergangenen Saison sollte 2019 das Jahr werden, in dem Ferrari die Mercedes-Dominanz durchbricht.

Zweite Niederlage in 13 Jahren

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Leclerc wäre erst der zweite Teamkollege, der Vettel in der Fahrer-WM schlägt.

(Foto: imago images/LaPresse)

Leclerc sollte derweil nach einer starken Formel-1-Debütsaison für Sauber die Chance bekommen, sich im Schatten seines erfahrenen Teamkollegen mit den hohen Erwartungen aus Maranello vertraut zu machen. Die Lernkurve des 22 Jahre alten Monegassen allerdings verlief steiler als gedacht. Schon im zweiten Rennen in Bahrain stellte Leclerc seinen Ferrari auf die Pole Position, seinen ersten Erfolg verhinderte nur ein Motorenproblem. Statt sich wie sein Vorgänger Kimi Räikkönen hinter Vettel einzusortieren, fährt Leclerc auf Angriff.

Nach 20 von 21 Saisonläufen stehen für Leclerc zwei Siege und sieben erste Startplätze in der Statistik, Vettel kommt auf einen Sieg und zwei Pole Positions. Auch in der WM-Wertung liegt Leclerc (249 Punkte) vor Vettel (230). Um seinen Teamkollegen noch zu überholen, müsste Vettel in Abu Dhabi (Sonntag, 1. Dezember, 14.10 Uhr/RTL und im Liveticker bei n-tv.de) gewinnen.

Es wäre erst das zweite Mal seit seinem Debüt 2007, dass Vettel am Saisonende in der WM-Wertung hinter seinem Teamkollegen steht. Das erste Mal war 2014, als Daniel Ricciardo den nach vier WM-Titeln in Serie schwächelnden Vettel deutlich schlug. Danach wechselte der Deutsche zu Ferrari. Verabschiedet sich Vettel also im Winter? Davon ist nicht auszugehen. Die Plätze bei den Top-Teams Mercedes und Red Bull sind vergeben, andere Rennställe dürften angesichts der hohen Ansprüche des 32-Jährigen nicht in Frage kommen.

Leclerc durchbricht Mercedes-Dominanz

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Zumal Vettels Vertrag bei der Scuderia noch bis Ende 2020 läuft. Eine erneute Verlängerung ist derzeit allerdings wie so unwahrscheinlich wie noch nie, seit er sich der Scuderia anschloss. Statt wie erhofft und dem eigenen Anspruch entsprechend um den Titel zu kämpfen, verliert sich der Rennstall in internen Reibereien. Im Monza-Qualifying gab es Ärger, wer wem den auf dem Highspeed-Kurs so wichtigen Windschatten vorenthielt. In Singapur motzte Leclerc über die Strategie-Entscheidungen der Ferrari-Box, die Vettel statt ihm den Sieg ermöglichten. In Sotschi verweigerte sich Vettel der Anweisung, seinen Teamkollegen vorbeizulassen.

Leclerc wagt nicht nur den Konflikt mit seinem erfahrenen Teamkollegen, er untermauert seinen Anspruch mit starken fahrerischen Leistungen. Dem 22-Jährigen ist es nämlich bereits gelungen, die Vormachtstellung der Silberpfeile zu durchbrechen. Zumindest, was die Siege im Qualifying angeht. Mit sieben Pole Positions holte sich Leclerc mehr als jeder andere Pilot in dieser Saison.

In den vergangenen sechs Jahren, in denen Mercedes jeweils die Fahrer- und die Konstrukteurs-WM gewann, ging auch der Sieg in dieser Wertung an den deutschen Rennstall. Und es sieht ganz danach aus, als stünde Leclerc bald auch in der Ferrari-Hierarchie auf Platz eins.

 

Quelle: n-tv.de