Formel1

"Keiner zweifelt mehr daran" Warum Schumacher in die Formel 1 gehört

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Schumacher ist nicht nur der formstärkste, sondern auch der konstanteste Fahrer in der Formel 2.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Vier Rennen vor Ende der Formel-2-Saison fährt Mick Schumacher dem verdienten Titel entgegen. Der 21-Jährige legt eine beeindruckende Entwicklung hin, sagt ntv-Motorsport-Experte Felix Görner. Für einen Aufstieg in die Formel 1 gibt es viele gute Gründe.

Mick Schumacher ist kein Mann der großen Worte. Der 21-Jährige lässt lieber seine Leistungen für sich sprechen, und das gelingt dem Formel-2-Gesamtführenden schon seit Wochen eindrucksvoll. Nicht allein deshalb, weil er nach 20 von 24 Rennen die Fahrerwertung souverän anführt und mit konstant starken Auftritten dem Titel in der wichtigsten Nachwuchsserie unterhalb der Formel 1 entgegenfährt.

Sondern weil er mit seiner Entwicklung im Saisonverlauf beweist, dass er einen Platz in der Königsklasse des Motorsports absolut verdient hat. Oder wie er es selbst in gewohnt unaufgeregtem Ton ausdrückte, nachdem er am Wochenende seinen Vorsprung in der Meisterschaft ausgebaut hatte: "Wenn ich so weitermache, dann sieht es gut aus."

Dabei es sieht längst nicht mehr nur gut aus, sondern hervorragend. Denn Schumacher ist der aktuell stärkste Pilot der Formel 2, war in den jüngsten elf Rennen nie schlechter als Platz sechs und fuhr achtmal aufs Podium. Er gewann dabei die Hauptrennen im italienischen Monza und im russischen Sotschi und verwandelte in diesem Zeitraum einen 45-Punkte-Rückstand auf den damaligen Führenden Callum Ilott in eine 22-Punkte-Führung. Der Ferrari-Junior "ist definitiv bereit für die Formel 1", sagt ntv-Motorsport-Experte Felix Görner und ist mit dieser Einschätzung offenbar nicht allein: "Zu Saisonbeginn war man sich noch nicht sicher, ob er so weit ist - aber jetzt zweifelt keiner mehr daran."

Görner, der den (motorsportlichen) Werdegang des Sohnes von Michael Schumacher eng begleitet, sieht gleich mehrere Gründe für dessen Aufstieg zum heißesten Anwärter auf den ersten deutschen F2-Champion seit Nico Hülkenberg im Jahr 2009. "Ein Schlüsselfaktor sind seine guten Starts, die hat er über das ganze Jahr sehr gut hinbekommen." Das stellte Schumacher etwa bei seinem Sieg in Italien und dem dritten Platz beim Abbruch-Rennen in Russland unter Beweis. Beim Ferrari-Heimspiel in Monza deklassierte der 21-Jährige nach dem Erlöschen der Startampel die Konkurrenz und schob sich bis zur ersten Kurve vom siebten auf den zweiten Platz nach vorne. In Sotschi ging der Prema-Pilot als Achter ins Rennen und hatte sich schon nach wenigen Hundert Metern auf Rang vier nach vorne gearbeitet.

Dem Instinkt im richtigen Moment vertraut

Als weiteren Erfolgsgaranten hat Görner die "Rennkonstanz" des 21-Jährigen ausgemacht: "Die hat er inzwischen einfach drauf." Was der Sportreporter damit meint, wird beim Blick in die Jahresbilanz offensichtlich. In 20 Saisonläufen fuhr Schumacher zehnmal unter die Top drei und verpasste nur dreimal die Punkteränge, davon zweimal in den ersten vier Rennen. Seitdem sammelte der Ferrari-Junior in 15 von 16 Rennen wichtige Zähler. Angesichts dieser Entwicklung merkte auch Schumacher selbst an: "Wir haben jetzt Konstanz, wir holen Podien und viele Punkte - so gewinnt man am Ende Meisterschaften."

Auch die "Rennintelligenz" des Nachwuchsfahrers stellt Görner heraus. Schumacher hat seine Fehlerquote minimiert und weiß mittlerweile genau einzuschätzen, welches Risiko er eingehen kann und welches lieber nicht. "Er traut sich, im richtigen Moment seinem Instinkt zu folgen und Überholmanöver dann auch durchzuziehen", sagt Görner. In Sotschi sicherte sich Schumacher mit einer herausragenden Aktion gegen den bis dahin Führenden Yuki Tsunoda den Sieg, als er den Red-Bull-Junior am Ende der Start-Ziel-Geraden beim Bremsen zu einer defensiven Linie zwang und beim Herausbeschleunigen aus der Kurve locker vorbeizog.

Zusätzlich investierte Schumacher viel Arbeit, um seinen "Schwachpunkt", wie Görner es nennt, zu eliminieren: "das Reifenmanagement. Das hat er extrem verbessert." Dadurch gelingt es dem 21-Jährigen, die richtige Balance aus schnellen Rundenzeiten und akzeptabler Abnutzung zu finden, um auch in der Schlussphase noch genügend Grip zu haben. Gerade in den Nachwuchsserien gilt dieser Lernprozess für viele Fahrer als Herausforderung.

Zwei Formel-1-Optionen sind offensichtlich

Die Kombination dieser Faktoren führt Görner zufolge dazu, "dass Schumacher über das ganze Jahre weniger Aufs und Abs hatte als seine Konkurrenten". Seinen ärgsten Verfolger Ilott bezwang der Deutsche achtmal in den vergangenen neun Rennen. Beim Blick auf die Podiumsplatzierungen liegt Schumacher mit zehn Top-drei-Ergebnissen deutlich in Front, keinem anderen Fahrer gelang das in dieser Saison öfter als fünfmal. "Deswegen wird er in meinen Augen in Bahrain (beim Saisonfinale am 28./29. November und 5./6. Dezember; Anm. d. Red.) vorzeitig die Formel-2-Meisterschaft gewinnen", prophezeit Görner.

Für den ntv-Experten gilt es als so gut wie sicher, dass Schumacher 2021 in die Formel 1 aufsteigt: "Die Frage wird sein, ob er dann bei Alfa Romeo oder bei Haas an den Start geht." Beide Rennställe haben noch beide Cockpits zu vergeben. Auch Ferrari-Teamchef Mattia Binotto macht dem Sohn des siebenfachen Weltmeisters Michael Schumacher Hoffnungen, dieser habe "große Chancen", den nächsten Schritt in seiner Karriere zu machen. Ralf Schumacher attestierte seinem Neffen eine "sehr vielversprechende Lernkurve" und glaubt fest daran, dass neben Sebastian Vettel im kommenden Jahr ein zweiter Deutscher zum F1-Fahrerfeld gehört.

Ähnlich optimistisch ist auch Franz Tost, unter dessen Führung bei Alpha Tauri und dessen Vorgänger Toro Rosso etwa Sebastian Vettel und Max Verstappen ihre ersten Stammcockpits in der Königsklasse erhielten: "Ich bin davon überzeugt, dass Mick auch in der Formel 1 erfolgreich fahren wird." Allerdings nicht von Anfang an, sagt der Österreicher: "Bis ein neuer Fahrer weiß, wo es in der Formel 1 langgeht, braucht er zwei, drei Jahre."

Eine Phase der Eingewöhnung und der Anpassung ist für den jungen Schumacher aber ohnehin typisch, sagt Görner: "An seiner Entwicklung ist interessant, dass er immer in einer Rennserie ein zweites Jahr braucht", um seine Topform zu erreichen. Dabei tut sich eine erstaunliche Parallele auf - denn in der Formel 4, der Formel 3 und auch der Formel 2 belegte Schumacher in seinen jeweils ersten Saisons die Plätze zehn, zwölf und zwölf. Diesen ließ er den Vizetitel in der F4 und die Meisterschaft in der F3 folgen und ist jetzt in der F2 klar auf Championship-Kurs.

Erst das Formel-1-Debüt, dann die Formel-2-Krönung?

Bis die Formel 2 aber Ende November zum Saisonfinale nach Bahrain reist, winkt dem 21-Jährigen erst einmal das Formel-1-Debüt mit einem Einsatz im Freitagstraining. Beim Großen Preis der Eifel auf dem Nürburgring (9. bis 11. Oktober) wird Schumacher im ersten Freien Training den Alfa Romeo von Stammpilot Antonio Giovinazzi übernehmen. Vielleicht ein Vorgeschmack auf die Beförderung zur nächsten Saison, auf jeden Fall aber eine Belohnung für die Entwicklung in diesem Jahr. "Seine Aufgabe war, sich zu steigern und Fortschritte zu machen. Das tut er", sagte Ferrari-Teamchef Binotto vor Kurzem.

Angesichts dieser beeindruckenden Fortschritte erscheint es wie eine logische Konsequenz, dass Schumacher aus dem Formel-2-Feld die größten Chancen für einen Aufstieg zugerechnet werden. Denn der Ferrari-Junior hat sich laut Görner auch gesteigert, "was die mentale Vorbereitung angeht. Er ist ein reifer Rennfahrer geworden." Der langjährige Formel-1-Reporter fühlt sich mitunter sogar an Michael Schumacher erinnert, wenn er Mick im Fahrerlager beobachtet: "Ich sehe ihn als Ersten kommen und als Letzten gehen", der Sohn hat demnach "einen ähnlichen Arbeitseifer wie sein Vater".

Den jungen Schumacher scheint all das aber wenig zu beschäftigen, zumindest nach außen. Weder die großen Erwartungen, die mit dem Namen Schumacher einhergehen, noch die Aufmerksamkeit, die unvermeidbar ist, wenn der eigene Vater als bester Formel-1-Pilot der Geschichte gilt. Aber Mick Schumacher ist eben niemand, der mit großen Worten um sich wirft. Stattdessen überzeugt er mit starken Leistungen und sagt: "Ich konzentriere mich zu 100 Prozent auf die Saison in der Formel 2, danach schauen wir weiter." Es sieht ganz danach aus, als wäre diese Herangehensweise genau die richtige.

Quelle: ntv.de