Fußball-EM

"Gegen Polen könnte es knallen" BKA fahndet nach deutschen Hooligans

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Die Bundespolizei hatte vor dem ersten EM-Spiel in Lille die Kontrollen im deutsch-französischen Grenzbereich verschärft.

(Foto: dpa)

In Lille schlagen deutsche Gewalttäter bei der EM zu. 18 Jahre, nachdem Hooligans aus Deutschland den Polizisten Daniel Nivel fast zu Tode geprügelt haben. Das BKA sucht Videoaufnahmen, ein Fanforscher warnt vor dem nächsten Spiel der DFB-Elf.

Als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am Sonntag in Lille ihr Auftaktspiel bei der Europameisterschaft mit 2:0 gegen die Ukraine gewann, saß auch Daniel Nivel auf der Tribüne des Stade Pierre-Mauroy. Deutsche Hooligans hatten den französischen Polizisten vor 18 Jahren bei der Weltmeisterschaft in Frankeich beinahe tot geprügelt. Nivel war damals 43 Jahre alt, der Vater zweier Söhne lag wochenlang im Koma. Er kann bis heute kaum sprechen, er kann nicht mehr riechen, er kann nicht mehr schmecken und er ist auf dem rechten Auge blind. Die Fans im Stade Bollaert-Delelis in Lens bekamen an jenem 21. Juni 1998 beim 2:2 gegen Jugoslawien von diesem Gewaltverbrechen nichts mit. Sie riefen, Tonaufnahmen belegen das: "Hurra, hurra, die Deutschen, die sind da!"

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Daniel Nivel war auf Einladung Gast des DFB beim deutschen EM-Auftakt in Lille. Vorher randalierten deutsche Hooligans in der Innenstadt.

(Foto: AP)

Der Deutsche Fußballbund hatte Nivel nun nach Lille eingeladen, und dass er der Einladung am Sonntag gefolgt war, zeugt von Größe. DFB-Präsident Reinhard Grindel sagte: "Wir haben nie vergessen, was ihm Deutsche angetan haben, welches Leid über ihn und seine Familie gebracht wurde. Es war uns wichtig, ihm noch einmal persönlich zu sagen, dass wir auch in Zukunft immer für ihn da sein werden." Er sagte auch, "dass so etwas nie mehr passieren darf".

Er sagte dies an dem Tag, an dem dreieinhalb Stunden vor dem Anpfiff um 21 Uhr etwa 50 deutsche Hooligans mit mutmaßlich rechtsradikalem Hintergrund zuschlugen. Auf der Place Charles de Gaulles, auf der sich Tausende Fans aus der Ukraine und Deutschland den ganzen Tag über friedlich aufgehalten hatten, griffen die Gewalttäter zuerst eine Gruppe ukrainischer Anhänger an. Dann warfen sie mit Flaschen, Stühlen und Rauchbomben. Nach wenigen Minuten zogen sie sich zurück und hinterließen einige Leichtverletzte. Aufgehalten hat sie niemand, wer wagt das schon? Und die Polizei schien überfordert.

Es muss doch jemand etwas gesehen haben

Nun sucht das Bundeskriminalamt, wie es heute mitteilte, Menschen, die das Geschehen mit dem Handy oder gefilmt haben. Auf einem Internetportal der Behörde können die Aufnahmen hochgeladen werden. Ob jemand etwas gesehen hat? Oder gar fotografiert und gefilmt? Es waren ja sehr viele Deutsche auf der Place Charles de Gaulles. Insgesamt sollen am Tag des ersten Spiels der DFB-Elf bei der EM gut 20.000 Fans in der Stadt gewesen sein, unter ihnen 150 polizeibekannte Gewalttäter, wie der Sportinformationsdienst berichtete. Da muss, diese Vermutung liegt nahe, doch irgendjemand was gesehen und auch aufgenommen haben.

Im Grunde ist dieser Aufruf des BKA eine Chance für alle, die den Fußball lieben. Und somit die Chance für alle, die ins Stadion gehen wollen, ohne verprügelt zu werden, den Hooligans zuzurufen: Der Fußball hasst euch! Die Polizei aus Dresden war bereits erfolgreich. Auf Twitter kursierte nach der Randale am Sonntag ein Foto, auf dem etwa 30 Hooligans mit einer großen Reichskriegsflagge posieren. Einer von ihnen zeigt den Hitlergruß. Eine Polizeisprecherin sagte der "Bild"-Zeitung: "Unsere szenekundigen Beamten konnten einige der Personen auf dem Foto vom Hauptbahnhof in Lille identifizieren. Sie gehören zu den Dresdner Dynamo-Anhängern." Sie erwartet nun ein Ermittlungsverfahren.

Hochrisikospiel in Paris

Doch in Saint Denis steht an diesem Donnerstag das zweite Spiel der deutschen Mannschaft an. Im Stade de France geht es (ab 21 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) gegen Polen. Die Uefa hat diese Partie als Hochrisikospiel eingestuft. "Sowohl die deutsche als auch die polnische Hooliganszene haben in den vergangenen Monaten massiv für diese Partie mobil gemacht, insofern kann man davon ausgehen, dass diese Leute versuchen werden, dorthin zu gelangen und für Unruhe zu sorgen", zitiert die Münchner "Abendzeitung" den Gewaltforscher Gunter A. Pilz: "Ob es ihnen gelingt, hängt natürlich davon ab, ob die französische Polizei ihre Hausaufgaben macht. Wenn sie das nicht tut, dann könnte es knallen." Er gehe davon aus, dass es zu weiteren Krawallen kommen werde. Ein Grund mehr für die friedlichen deutschen Fans, zu zeigen, dass sie nicht auf dem rechten Auge blind sind.

Im Stadion allerdings drängte sich der Eindruck auf, als sei es zumindest mit dem Gespür für sensible Situationen bei den Anhängern der DFB-Elf nicht allzu weit her ist. "Hurra, hurra, die Deutschen, die sind da", skandierten sie sie am Sonntag vor dem Anpfiff im Pierre-Mauroy. Vielleicht ist es so, dass sie einfach nicht nachgedacht haben. In den Ohren Daniel Nivels aber muss das wie Hohn geklungen haben. Zweieinhalb Jahre, nachdem die Hooligans so lange auf ihn eingeprügelt hatten, bis sein Blut über den Bürgersteig lief, hat ihn ein Kamerateam besucht. In einer Szene sitzt Nivel mit seiner Familie im Wohnzimmer. Er bekommt Bildkarten gezeigt. "Was ist das?" Angestrengt sucht er nach den passenden Begriffen. Nicht immer findet er sie. Zu sehen sind die Aufnahmen in einer Dokumentation des NDR: "Die Schande von Lens ". Es zerreißt einem das Herz.

Quelle: n-tv.de

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