Fußball-EM

"Das kann nicht sein" DFB kanzelt Scholl-Kritik als "unmöglich" ab

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Der DFB um Bundestrainer Joachim Löw findet wenig Gefallen an den markigen Sprüchen von TV-Experte Mehmet Scholl.

(Foto: Tele5/the blue line media GmbH)

Die heftige Kritik von TV-Experte Mehmet Scholl an der DFB-Taktik und Chefscout Siegenthaler sorgt für großen Unmut beim Fußball-Weltmeister. Teammanager Bierhoff sieht den ganzen Trainerstab diskreditiert und verteidigt "Taktikfuchs" Joachim Löw vehement. Und der sich auch.

Joachim Löw und sein Stab sind sehr verärgert über die scharfe Taktik-Kritik des ARD-Experten Mehmet Scholl. "Eigentlich hat er den gesamten Trainerstab damit irgendwie angegriffen", erklärte Teammanager Oliver Bierhoff nach dem Erfolg im EM-Viertelfinale gegen Italien. "Das war unmöglich, wie Mehmet das dargestellt hat."

TV-Experte Scholl war in der ARD die Umstellung von Bundestrainer Joachim Löw zu einer Dreierkette in der Abwehr und vor allem DFB-Chefscout Urs Siegenthaler persönlich hart angegangen. "Der Herr Siegenthaler möge bitte seinen Job machen, morgens liegen bleiben, die anderen zum Training gehen lassen und nicht mit irgendwelchen Ideen ...", hatte Scholl nach dem Elfmeterkrimi gesagt.

"Was uns unglaublich ärgert, und das kann nicht sein. Mehmet kennt unsere Abläufe nicht, er weiß nicht, wie Entscheidungen hier getroffen werden", betonte Bierhoff. Der ehemalige Bayern-Profi Scholl sah den Schweizer Löw-Helfer Siegenthaler offenbar als ein Auslöser von Löws Taktik gegen die Azzurri. "Ich weiß nicht, ob es nur Siegenthaler ist, aber Jogi Löw wacht nicht nachts auf und sagt: 'Jetzt hab ich's: Dreierkette, Dreierkette, Dreierkette'. Das hätte man heute auch anders lösen können", meinte Scholl.

"Da war das mein erster Gedanke"

Für Löw war die Dreierkette gegen Italien indes seit Tagen logisch. "Es war dringend notwendig, auch die Mannschaft ein bisschen zu verändern", sagte der DFB-Chefcoach. "Für mich war das nach dem Spiel Italien gegen Spanien klar. Da war das mein erster Gedanke."

Scholl bemerkte hingegen, 2008, 2010 und 2012 habe man sich gegen Spanien beziehungsweise Italien angepasst und verloren. "2014 hat Löw der Mannschaft vertraut und ab dem Viertelfinale mit der gleichen Aufstellung gespielt. So gewinnt man Titel!" Dabei gehe es ihm nicht ums "Motzen". Löw hatte in Bordeaux erstmals überhaupt bei einem Turnier auf Dreierkette umgestellt - und letztlich damit gewonnen. Einige Taktikexperten hatten die Umstellung vorab gefordert, zumal die DFB-Elf so schon im Testspiel im März gegen Italien erfolgreich gewesen war.

Die Abkehr vom zuvor praktizierten 4-2-3-1-System begründete der Bundestrainer mit der Qualität der Italiener. "Sie spielen mit zwei Mann auf den Seiten ganz hoch und mit zwei zentralen Stürmern. Vier gegen vier zu spielen, ist gegen sie gefährlich. Ihre Automatismen spielen sie super, aber sie sind leicht berechenbar. Deswegen mussten wir das Zentrum zumachen", erläuterte Löw.

"Ein Taktikfuchs"

"Wer Jogi kennt, der weiß, er ist ein Taktikfuchs. Er hat klare Vorstellungen über das, was er machen will", betonte Bierhoff mit Hinweis auf die Teamfähigkeit des Freiburgers: "Er bespricht sich mit seinen Fachleuten. Viele Experten machen hier sehr gute Arbeit."

Scholl, der als Trainer der zweiten Mannschaft des FC Bayern München wenig Erfolg hatte, sorgte als ARD-Experte schon mehrfach mit heftiger Kritik für Aufsehen. So ging er 2012 bei der EM Mario Gomez hämisch an ("Ich hatte zwischendrin Angst, dass er sich wund gelegen hat, dass man ihn wenden muss.") und entschuldigte sich später dafür.

Für Gomez hatte die populistische Scholl-Kritik indes langwierige Folgen. In einem Interview nannte er sie 2014 als ursächlich für das negative Image, das er im DFB-Team und Deutschland lange hatte. An seiner Rolle als Sündenbock "war der so coole Mehmet sicher nicht ganz unschuldig", sagte er der "Welt am Sonntag".

Quelle: ntv.de, cwo/dpa