Fußball-EM

Benzema ist wirklich zurück Das Wunder, das für Löw bitter enden kann

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Karim Benzema spielt überraschend wieder für Frankreich. Für das DFB-Team kann das zum Problem werden.

(Foto: picture alliance / abaca)

Karim Benzema ist einer der besten Stürmer der Welt, doch für sein Land durfte der Franzose lange nicht spielen. Aus guten Gründen. Vergessen ist der Ärger nicht. Weder beim Verband noch bei der Staatsanwaltschaft. Und doch ist er jetzt bei der EM.

Es war eine gewaltige Überraschung, die Didier Deschamps am 18. Mai diesen Jahres verkündete, live im Fernsehen zur besten Sendezeit: Karim Benzema wird bei der Europameisterschaft für Frankreich auflaufen. 2015 hatte man den Stürmer wegen einer unglaublichen Kriminalgeschichte unter Fußball-Millionären aus der Équipe Tricolore verbannt, nun kehrt er in den Kader des Weltmeisters zurück - denn "Frankreich steht über allem". So erklärte Nationaltrainer Deschamps der Fußballnation das Unerklärliche, das eigentlich Ausgeschlossene.

Benzema ist ein aufregender Stürmer, permanent torgefährlich, physisch beeindruckend und mit einem fantastischen Gespür für Räume und Situationen. Nach dem Abschied von Cristiano Ronaldo 2018 wurde Benzema für Real Madrid noch wichtiger, in der vergangenen Saison hielt er seinen Klub mit 23 Treffern bis zum letzten Spieltag im Meisterrennen. Frankreichs angestammter Mittelstürmer Olivier Giroud kämpfte derweil beim FC Chelsea um Einsatzminuten, zumeist vergeblich. Benzema dagegen spielt in der Form seines Lebens. Es gibt viele gute Gründe, mit ihm ins Rennen um den Europameistertitel zu gehen.

Und trotzdem sorgte die Nominierung für Wirbel und reichlich Irritationen in Frankreich. Denn die Vorgeschichte rund um Benzema füllt die Titelseiten der Zeitungen des Landes - und seit Jahren Aktenordner bei der Staatsanwaltschaft Versailles. Denn da ist diese völlig wahnsinnige, bis heute unübersichtliche Erpressungsgeschichte aus dem Oktober 2015, die Benzemas Nationalmannschaftskarriere nach 80 Länderspielen vorerst beendete, für gewaltigen Ärger mit seinem Verband sorgte - und die juristisch für den Fußballstar noch längst nicht ausgestanden ist.

Benzema wird weiterhin verdächtigt, bei einer versuchten Erpressung des französischen Mittelfeldspielers Mathieu Valbuena als Komplize agiert zu haben. Diesem wurde bei einem Anruf im Juni 2015 mit der Veröffentlichung eines intimen Videos gedroht. Benzema soll seinen einstigen Mitspieler unter Druck gesetzt haben, ein "Schweigegeld" für die Vernichtung des Bandes zu bezahlen. Deshalb ist der Fußballprofi wegen Mittäterschaft an einem Erpressungsversuch angeklagt.

Die Staatsanwaltschaft vergisst nicht

"Ich konzentriere mich auf mein Spiel, auf das, was ich in dieses Team einbringen kann, das schon viel gewonnen hat. Den Rest muss man nach und nach vergessen", sagte Benzema jüngst. Doch die Staatsanwaltschaft, sie macht beim Vergessen nicht mit: Ab Oktober wird die angebliche Erpressung in Versailles vor Gericht verhandelt, auch der Nationalstürmer wird sich verantworten müssen. Im Raum stehen sogar fünf Jahre Haft.

Bis zum Abschluss des Prozesses gilt für den Fußballprofi natürlich die Unschuldsvermutung, doch Telefonmitschnitte, die die französische Zeitung "L`Équipe" leakte, gaben höchst öffentlich Einblicke in eine völlig wahnsinnige Geschichte. Und präsentieren Benzema, der seit Jahren bei den Königlichen fürstlich verdient, als Teil einer Bande mit hoher krimineller Energie. Unwidersprochen beteiligt: Benzema und sein Jugendfreund Karim Zenati, der für die Erpresser über Benzema den Kontakt zu Valbuena herstellte.

"Benzema: Ich habe ihn (Valbuena) jetzt gesehen. Zenati: Und was denkst du? Benzema: Willst du die Wahrheit wissen? Zenati: Ja. Benzema: Er nimmt uns nicht ernst. Zenati: Nein. Benzema: Da hast du es. Zenati: Du denkst also, er wird uns gar nichts geben? Benzema: Genau. Er nimmt uns nicht ernst. Zenati: Was hat er denn zu dir gesagt? Benzema: Er dachte zu Beginn, es sei ein Scherz. Ich habe ihm gesagt: Ich bin hier, um dir zu helfen. Ich habe ihm gesagt, dass er dich treffen muss. Dann habe ich ihm das Versprechen gegeben, dass es nur eine Kopie (des Sex-Tapes) gibt. Ich habe ihm auch gesagt, dass wir es ernst meinen."

Benzema hält sich nicht für schuldig. Er habe eine "Dummheit" begangen, gab er zu, doch die französischen Medien würden den Fall zu sehr aufbauschen. Eigentlich handelte sich alles um einen Freundschaftsdienst. "Es betraf jemanden, den ich vom französischen Nationalteam kenne - einen Freund. Ich wollte, dass er über diese Sache Bescheid weiß. Und ich wollte mit ihm darüber reden." Doch Valbuena ließ sich nicht einschüchtern, zahlte nicht und ging stattdessen zur Polizei. Als Freundschaftsdienst verstand er das Gespräch mit Benzema offenbar nicht, denn er zeigte auch den eigenen Teamkollegen an. Anfang November 2015 wurde Benzema zum Verhör abgeholt und musste eine Nacht im Knast verbringen.

Deschamps fühlte sich bedroht

Dass er nach dem Auffliegen des Gaunerstücks, in das er mindestens nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft verwickelt ist, nicht mehr Teil der Nationalmannschaft sein durfte, interpretierte der Stürmer aus der Banlieu mit den Wurzeln im Maghreb überraschend: Deschamps habe sich "dem Druck eines rassistischen Teils Frankreichs gebeugt", sagte Benzema damals. Kurz darauf sah Deschamps das Wort "Rassist" an die Wand seiner Sommerresidenz geschmiert. Der Trainer sah sich und seine Familie bedroht - und das sorgte für tiefe Wunden. Noch im Januar hatte sich Deschamps unversöhnlich gegeben: "Gewisse Dinge führen notwendigerweise zu verbalen oder physischen Aggressionen. Ich leide unter den Konsequenzen. Wir können das nicht vergessen. Ich kann das nicht vergessen. Ich werde das nie vergessen."

Verbandspräsident Noël Le Graët hatte selbst lange immer wieder deutlich gemacht, dass Benzemas Karriere im Nationaltrikot unwiederbringlich vorüber sei - und sich dafür Ärger eingehandelt. "Noël, ich dachte, Sie mischen sich nicht in die Entscheidungen des Trainers ein! Ich möchte, dass Sie wissen, dass ich und nur ich es bin, der meine internationale Karriere beenden würde", fluchte Benzema 2018. 2019 bekräftigte der Präsident: "Karim Benzema ist ein sehr guter Spieler, ich habe seine Qualitäten nie infrage gestellt", erklärte Le Graët. "Er zeigt bei Real Madrid, dass er einer der besten Spieler auf seiner Position ist. Aber das Abenteuer mit Frankreich ist vorbei." Erst Anfang des Jahres setzte auch bei Le Graët Tauwetter ein: "Wenn ich ihn spielen sehe, genieße ich es. Er ist ein Mann, den ich mag, ein Spieler, der eine tolle Zeit bei Real hat. Er ist nicht mehr derselbe Spieler." Und er sei ja schließlich "nicht gesperrt", könne also möglicherweise in die A-Nationalmannschaft zurückkehren. Auch, wenn er sich damals "dumm wie ein Esel" verhalten habe.

Die Rückkehr, so überraschend sie für die Öffentlichkeit kommt, wurde von langer Hand und von zahlreichen Emmissären vorbereitet, möglicherweise waren auch die Worte des Präsidenten schon Teil der Operation. Führungsspieler wie Paul Pogba, Antoine Griezmann und Kylian Mbappé sprachen sich bei Deschamps für Benzema aus. Auch Zinedine Zidane betrieb eifrig Werbung für seinen ehemaligen Spieler bei Real Madrid. "Du verstehst es nicht, ich verstehe es nicht, niemand versteht es", schimpfte Zidane in Richtung Deschamps, mit dem er gemeinsam Welt- und Europameister geworden war. Man schätzt sich, Deschamps hatte Zidane kürzlich erst als seinen Nachfolger ins Spiel gebracht. Die Entscheidung, so berichtet es Deschamps Assistent Guy Stephan, sei "schon vor einiger Zeit gefallen. Es ist eine überlegte, gereifte Entscheidung." Benzema selbst hatte immer wieder bekräftigt, gerne wieder für Frankreich auflaufen zu wollen. "An einem Punkt waren Karims Leistungen sehr stark und der Wunsch nach seiner Rückkehr wurde erwähnt", sagte Stephan. "Wir haben viel gemeinsam mit Didier darüber diskutiert und irgendwann fiel die Entscheidung, Karim zu treffen."

Benzema wird nicht nur sportlich gebraucht

Und dann habe man "lange, lange geredet", sagte Deschamps. "Über alles, was passiert ist." Konkreter wurde er nicht. Aber es gab viel zu besprechen. Und viel zu verzeihen. Vergessen ist wohl nichts, aber für Frankreich für den Moment vergeben. Ja, Karim habe "an Reife und Abgeklärtheit gewonnen", resümierte Deschamps. "Und er hat sicher auch einige Dinge verändert. Jeder entwickelt sich mit seiner Erfahrung." Es scheint, als sei Benzema im persönlichen Gespräch mit dem Nationaltrainer überzeugender gewesen als damals 2015 im Austausch mit Mathieu Valbuena, der sich nicht beeindrucken ließ. Oder anders gesagt: Gäbe es eine Weltmeisterschaft im Über-den-eigenen-Schatten-Springen, Deschamps wäre mindestens Mitfavorit. Bisher muss er seine Entscheidung nicht bereuen. "Ich verstehe, dass Karims Rückkehr Gesprächsstoff liefert. Aber ich kann nur sagen, dass es intern alles ganz normal gelaufen ist", sagte Deschamps.

Und so wird der Stürmer von Real Madrid am Abend in München gegen Deutschland spielen, wohl als Teil eines "goldenen Dreiecks", wie es "L'Équipe" nennt, gemeinsam mit Mbappé und Griezman. Ein Trio mit unglaublicher Schlagkraft. Die Rückkehr Benzemas verändert die DNA des französischen Kaders, des französischen Spiels. "Er spielt anders als die anderen. Mit ihm sind wir stärker als ohne ihn", beschrieb es Deschamps zuletzt. Auch im Lager des DFB registrierte man die Rückholaktion natürlich - mit übersichtlicher Begeisterung. "Für mich ist er neben Robert Lewandowski und Cristiano Ronaldo einer der top drei Mittelstürmer der Welt - und das zu Recht", schwärmte Timo Werner. Viele sähen Benzema als klassische Nummer 9 und "Boxspieler", sagte Werner, "aber ich finde ihn unglaublich mit dem Ball. Seine Dribblings, sein Abschluss, wie er eingebunden ist - er spielt eher so wie Roberto Firmino bei Liverpool. Er verteilt die Bälle auch, geht dann in den Strafraum und ist mit seiner Kopfballstärke und technischen Qualität immer da." Nein, die wundersame Rückkehr des Real-Stürmers habe die französische Mannschaft "wahrscheinlich nicht schlechter gemacht", ergänzte Werner mit einem Schmunzeln und meinte: "Das hätte nicht sein müssen, das dieses Jahr zu machen."

Doch nicht nur die einzigartigen sportlichen Qualitäten des Ausnahmestürmers dürften Deschamps dazu gebracht haben, tiefe Gräben wenigstens zeitweise zuzuschütten. Dem Kader voller junger Weltmeister war zuletzt der Fokus abhandengekommen, die WM-Qualifikationsspiele im März sorgten nicht für Begeisterung. Der ehemalige Nationalspieler Willy Sagnol warnte in der "Sport Bild", die Franzosen müssten "aufpassen, dass die innere Anspannung erhalten bleibt" und keine Überheblichkeit aufkommt." Benzema verpasste 2016 den WM-Triumph im eigenen Land, mit der Nationalmannschaft ist der vierfache Champions-League-Sieger unvollendet.

Spannung ist wahrlich da

Und nein, über zu wenig Spannung kann sich der Nationaltrainer vor dem ersten großen Spiel in der "Todesgruppe" F mit Frankreich, Deutschland, Titelverteidiger Portugal und den bemitleidenswerten Ungarn nicht beschweren: Es knistert in Frankreichs Wunderoffensive. Die neueste Eskalation liegt nicht an Benzema, sondern an einem überaus öffentlich ausgetragenen Disput zwischen Mbappé und Mittelstürmer Olivier Giroud, dem großen Verlierer des Benzema-Comebacks. Es geht um einen Zwist wegen angeblich ausbleibender Zuspiele, eigentlich eine Lappalie. Doch Giroud wollte sie öffentlich diskutieren, Mbappé zog mit. Dennoch wolle er aus der Episode "keine große Sache machen", fuhr Mbappe fort: "Die Mannschaft ist das Wichtigste und das soll uns nicht stören. Unsere Aufgaben sind schwer genug, da können wir keine Stöcke im Rad brauchen." Eine Entschuldigung Girouds für die medial vorgebrachte Schelte soll Mbappé abgelehnt haben.

Auch das Verhältnis von Benzema zu Giroud ist seit geraumer Zeit stark belastet. "Man vergleicht die Formel 1 nicht mit Kartfahren", hatte Benzema im März 2020 bei Instagram gesagt. Es ging in dem Beitrag darum, den Unterschied zwischen ihm und Giroud zu erklären.

Sportlich ist Benzema nach der Rückkehr in den Kreis der Weltmeister zumindest schon verhaltensauffällig geworden: Beim 3:0 gegen Wales im ersten Spiel nach dem überraschenden Comeback blieb er torlos, verschoss obendrauf noch einen Elfmeter - und war hinterher aber der glücklichste Pechvogel auf dem Platz: "Ich war mächtig stolz, ich wollte spielen und mich zeigen - und genau das habe ich heute Abend gemacht. Ich habe mich sehr gut gefühlt hier draußen", schwärmte er.

Auch Deschamps war zufrieden nach der Rückkehr: "Er war sehr präsent und hat viele gute Sachen gezeigt", lobte der Trainer. "Es lief unglücklich für ihn, der Elfmeter war gut geschossen. Ich hätte mich für ihn gefreut, wenn er getroffen hätte, aber wenn er sich das für später aufhebt ..." Das "Später", von dem Deschamps spricht, ist heute. Eine Muskelblessur, wegen der Benzema im letzten Test gegen Bulgarien schon vor der Pause raus musste, ist überwunden, der Angreifer ist gegen Deutschland zu "100 Prozent einsatzbereit", wie Deschamps verkündete, ja, androhte. Es ist eine schlechte Nachricht für Joachim Löw und seine Mannschaft: Ausgeschlossen ist bei Karim Benzema nichts mehr. Ein Treffer ist sogar nicht mal mehr unwahrscheinlich.

Quelle: ntv.de

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