Fußball-EM

"Angriff mehrerer Tausend Engländer" Eine Fußball-EM im Zeichen der Angst

Auf den Straßen von Marseille prügelnde Massen, im Stadion Jagdszenen im Block - das ist die Fußball-EM 2016. Das Turnier in Frankreich wird noch fast einen Monat weitergehen. Mit einem Sicherheitskonzept, das schon versagt hat.

Fünf Männer umringen einen am Boden liegenden Menschen, vier von ihnen treten gegen seinen Kopf und Oberkörper. Die Polizei stürmt mit Tränengas heran und schlägt die Angreifer in die Flucht. Die Uniformierten drehen den Mann auf den Rücken und beleben ihn wieder. Um sie herum tobt der Mob. Willkommen in Marseille, willkommen bei der Fußball-Europameisterschaft 2016.

Das Turnier hat noch gar nicht richtig angefangen, aber die Überschriften für die Zeit danach sind schon da: "Im Zeichen der Angst", "Guerillaszenen", "Züge von Bürgerkrieg"; drei Zitate aus französischen Medienberichten über die Vorfälle in der Hafenstadt.

Marseille 1

Der Mann mit dem Hut im Stadion, mutmaßlich einer der vier Schläger von der Straßenschlacht des Nachmittags.

(Foto: dpa)

Frankreich befindet sich im Ausnahmezustand. Offiziell wegen der Anschläge von Paris, inoffiziell auch wegen der Fußball-EM. Der Terror schien die einzige Bedrohung eines friedlichen, sportlichen Turniers zu sein; fußballaffine Gewalt-Touristen wurden kaum thematisiert. Vor der EM in Polen und der Ukraine war das noch ganz anders. Im Jahr 2012 griff das Sicherheitskonzept größtenteils schon in den Heimatländern, wo vielen Hooligans die Ausreise untersagt wurde. Diesmal hat es versagt.

Einschaltquote statt Sicherheit

In England hieß es, die Fans der Three Lions seien von einem russisch-französischen Mob angegriffen worden. In Russland ist von gezielten Provokationen der anderen Seite die Rede, woraufhin die Situation eskaliert sei. Die Straßenschlachten sahen nicht nur bürgerkriegsähnlich aus - auch die Berichte klingen so: "250 russische Fans schlugen einen Angriff mehrerer Tausend Engländer zurück und zwangen sie zur Flucht", meldete dem "Guardian" zufolge das staatliche russische Nachrichtenangebot Vesti: "Russen aus allen Teilen unseres Landes wichen nicht zurück und hielten der Attacke der sturzbetrunkenen Inselbewohner stand." Das klingt nach geübter Heldenprosa.

Was ist mit den nationalistischen Tendenzen in Europa, den mit unterschwelligem Hass vergifteten öffentlichen Debatten, der anti-westlichen Propaganda in Russland, der Angstmacherei im Westen? Ja, vielleicht gehören auch diese Dinge zu den Gründen. Allerdings sind die beteiligten Gruppen nicht dafür bekannt, besonders friedlich zu sein. "Jeder wusste, dass die Begegnung zwischen England und Russland explosiv ist", schrieb "Le Parisien". Die Entscheidung, das Spiel um 21 Uhr anzusetzen, war ein Fehler. Er verschaffte genug Zeit, sich aufzuputschen für den Kampf. Einschaltquote statt Sicherheit.

Für jeden sichtbar zeigen die Videoaufnahmen, wie brutal die Auseinandersetzungen waren. Die setzten sich nach einer Atempause im Stadion fort. Von Blocktrennung war kaum etwas zu sehen, eigentlich Standard bei Risikospielen. Als die Partie im Stade Vélodrome noch lief, gingen russische Anhänger auf englische Fans los, die in benachbarten Bereichen saßen, und prügelten wild auf diese ein. Die Attackierten flüchteten über Zäune bis in den Innenraum der Arena.

Wer nun zuerst auf wen losging - das ist auch Stoff für szeneinterne Legendenerzählungen. Die Uefa hat sich für ein Disziplinarverfahren gegen Russland entschieden. Der russische Sportminister Witali Mutko räumte zuvor ein, russische Fans hätten sich "falsch verhalten". Eine Szene aus dem Stadion zeigt, wie löchrig das Sicherheitskonzept abseits der Terrorgefahr ist: Auf einem Foto ist mutmaßlich einer der vier Männer vom Nachmittag zu sehen, die so brutal zugetreten hatten - mitten in der Hetzjagd durch den Block.

Quelle: n-tv.de