Fußball-EM

DFB-Aus: Fokus auf Wichtigeres Gut, dass sie ausgeschieden sind

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Joshua Kimmich ist ausgeschieden - aber wird auch unter Hansi Flick zu den Schlüsselspielern gehören.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Deutschland ist raus - und das ist gut so. Jetzt hat der Löw'sche Selbstbetrug der vergangenen Jahre endlich ein Ende und Hansi Flick kann nach der EM einen ehrlichen Umbruch einläuten. Und überhaupt: Es wird Zeit für den Fokus auf wichtigere Dinge als Fußball.

Gut, dass es endlich vorbei ist. Endlich kein Rumpelfußball à la Joachim Löws Post-2018-Ära mehr. Endlich keine zum Ritual gewordenen Plattitüden nach bitteren Niederlagen oder unnötigen Unentschieden mehr. Endlich kein Selbstbetrug mehr, dass man ja eigentlich super spiele, Top-Talente habe und mit ein wenig Zeit, den grandiosen Umbruch eingeleitet haben werde. Deutschland ist ausgeschieden und das ist gut so.

Denn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gehört seit mindestens drei Jahren nicht mehr zur Weltspitze. Das zeigte die WM in Russland, zeigte die Nations League, zeigte die WM-Qualifikation für Katar, zeigte die Europameisterschaft. Schon vor, beim und nach dem Debakel 2018 erkannte man, dass es Löw an neuer Energie, neuen Reizen und Impulsen fehlte. Dass er die Mannschaft nicht mehr richtig erreichte. Sie nicht mehr fühlte. Ganz deutlich wurde das erneut bei dieser EM. Denn wie ein Turnierfavorit spielte die deutsche Elf nur einmal gegen Portugal. Eine verschworene Truppe stand nie auf dem Platz.

Endlich Ehrlichkeit

Nun kann endlich unter Nachfolger Hansi Flick die ehrliche Aufarbeitung der vergangenen drei, vier Jahre beginnen. Eine Untersuchung und Sanierung, die Löw irgendwann nicht mehr vermochte, aufrichtig und konsequent anzugehen. Bis zur WM 2022 ist nicht viel Zeit: Damit der ehemalige Bayern-Coach die Nationalelf wieder in die Weltspitze führen kann, muss er schlüssig und unbeirrt seinen Weg gehen - so wie er das beim deutschen Rekordmeister machte.

Flick muss schnell das richtige System (in München spielte er mit Viererkette, hatte vorne aber auch Weltfußballer Robert Lewandowski) für das vorhandene Personal finden. Das Team wird er verändern müssen, in die Jahre gekommene Profis (Thomas Müller, Mats Hummels, Toni Kroos) hinterfragen müssen. So sie denn überhaupt weitermachen wollen. Jungstars wie Jamal Musiala, Florian Wirtz, Ridle Baku, Lukas Nmecha, der ohnehin schon etablierte Kai Havertz und vielleicht auch bald Teenager Youssoufa Moukoko könnten neue Größen werden. Auf Stützen wie Joshua Kimmich und Leon Goretzka wird auch der neue Bundestrainer bauen.

Sowohl in der Offensive als auch in der Abwehr muss Flick tiefgreifende Fehlerketten beheben und Änderungen angehen. Die mangelhafte Chancenausbeute und -kreierung. Die völlig harmlos verpuffenden Standardsituationen. Die fehlende Kaltschnäuzigkeit. Überhaupt: Wer in Deutschland hat das Potenzial, ein Strafraumstürmer von internationalem Potenzial zu sein? Die Defensive muss wieder Gegenstößen standhalten können und darf den Gegner nicht mehr zum Toreschießen einladen.

Wichtigeres als Fußball

Gut, dass die deutsche Mannschaft ausgeschieden ist. So musste Hansi Flick noch einmal erkennen, wie viel Arbeit auf ihn zukommt. Ob er den Laden komplett umkrempelt und einen wirklichen Umbruch angeht, bleibt abzuwarten. Den Löw'schen Selbstbetrug der vergangenen Jahre, der den Rekordbundestrainer aber natürlich am Ende in den Allerwertesten biss, wird es zum Glück nicht mehr geben.

Und überhaupt: Gut, dass die DFB-Elf aus dem Pandemie-Turnier raus ist, damit sich die Gesellschaft wieder den wirklich wichtigen Themen widmen kann. Die UEFA spielt mit Menschenleben, indem sie die EM-Halbfinals und das Finale in der Delta-Hochburg London mit jeweils 60.000 Fans zulässt. Im September wird eine neue Kanzlerin oder ein neuer Kanzler gewählt und die rechtspopulistische und rechtsextreme AfD, die während der EM abermals mit queerfeindlichen Aktionen auf sich aufmerksam machte, wird wieder in den Bundestag einziehen. Die Schulen sind noch nicht auf das neue Schuljahr vorbereitet, es fehlt an Luftfiltern und Tempo von der Politik.

Gut, dass sie raus sind - es ist ja nur Fußball.

Quelle: ntv.de

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