Fußball-EM

Was ist da eigentlich passiert? Über diese Italiener muss man sich wundern

Nun haben alle 24 Mannschaften bei dieser Fußball-EM ihre erste Runde gedreht. Die ersten Teams haben auch bereits ihren zweiten Einsatz hinter sich. Und was soll man sagen, eine Mannschaft begeistert besonders, mit einem völlig überraschenden Ansatz: Italien.

Wenn Worte sich weigern könnten, dann hätte sich das Wort "spektakulär" extrem vehement dagegen gewehrt, in einem Satz mit italienischem Fußball zusammengebracht zu werden. Schnödes Abwehrhandwerk, arg biedere Offensive, tja, das hat mit spektakulär tatsächlich keine Berührungspunkte. Das hatte mit spektakulär tatsächlich keinerlei Berührungspunkte! Denn was sich in diesen Tagen bei der Fußball-Europameisterschaft ereignet, ganz besonders in Rom, das ist erstaunlich, beeindruckend, manchmal magisch, nicht aber überraschend.

Italien, das den Catenaccio doch eigentlich zum nationalen Heiligtum erklärt hatte, wendet sich von der hohen und reinen Defensivkunst ab und spielt Fußball. Schnell, kreativ, meistens schnörkellos und extrem effizient. Als erste Mannschaft hat die "Squadra Azzura" das Ticket für das Achtelfinale gebucht. Kleiner Einwand, sie war nun auch die erste, die dazu eine Chance hatte. Auf die magische Auftaktnacht im Stadio Olimpico gegen die Türkei (3:0) folgte eine erneut beeindruckende Show gegen die Schweiz (3:0). Zur Einordnung: Die talentierten Türken hatten durchaus große Ambitionen und die Schweizer wollten mit ihrer "goldenen Generation" (müsste es nicht eher blonde Generation heißen?) endlich nachweisen, dass sie die beste "Nati" sind, die das Land je gesehen hat. Beides ist (bislang) gescheitert. Wegen Italien.

Und man weiß ja eigentlich gar nicht, worüber man sich bei der Mannschaft von Trainer Roberto Mancini am meisten wundern soll. Über den Trainer selbst womöglich. Der war einst sehr erfolgreich, als Spieler sowieso. Aber auch als Coach. In Italien gewann er mit dem AC Florenz, mit Lazio Rom und Inter Mailand Pokale und Meisterschaften. Ebenso in England, mit Manchester City. Und in der Türkei mit Galatasaray. Dort holte der 56-Jährige auch seine bislang letzte Trophäe, den Pokal in der Saison 2013/14. Als er die stolze Nationalmannschaft im Mai 2018 übernahm, war diese brutal gedemütigt. Während sich 32 Länder auf die WM vorbereiteten, hatte Italien Pause. Die Qualifikation für Russland war nicht gelungen. Der Stolz des Teams gebrochen. Die Zweifel an Mancini groß. Waren seine großen Erfolge nicht zu lange her?

Niemand sollte mehr zweifeln!

Es sind Zweifel, die wie aus einer fernen Welt nachhallen. Nach einem Mega-Experiment mit über 70 Spielern hat der Trainer ein Kollektiv aus Abwehrgiganten um die unzerstörbaren Duell-Künstler Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini (er hatte sich gegen die Schweiz verletzt, die Diagnose ist unklar, die Hoffnung auf eine nur leichte Verletzung groß), Strategen und schnellen, trickreichen Offensivkräften geformt. Finalisiert wird dieses Kollektiv durch Ciro Immobile, der seit Jahren zu den besten Stürmern in Europa gehört. Dass er einst beim BVB kläglich gescheitert war, irgendwie immer noch unglaublich.

Gegen die Schweiz blieben die Italiener zum 29. Mal in Serie unbesiegt. Sie gewannen ihre letzten zehn Partien sogar, erzielten dabei 31:0 Tore (!). Die Bilanz eines Top-Favoriten auf den EM-Titel. Die Bilanz einer Mannschaft, die ihren Kritikern auf deutlichste Weise klarmacht, dass die Veredelung von offensiven Glanzmomenten doch nicht die große Schwachstelle ist. Nach der muss man ohnehin mit reichlich Ausdauer suchen. Weder im Tor, wo der junge Gianluigi Donnarumma (er steht vor einem Wechsel vom AC Mailand zu Paris St. Germain) die Legende Gianluigi Buffon beeindruckend abgelöst hat, noch in der Abwehr, auch nicht im Mittelfeld und schon gar nicht in der Spitze findet man Lücken im System.

Eine ziemlich beeindruckende Mischung

Was besonders beeindruckend ist: Diese Mannschaft kommt eben ohne den einen Superstar aus. Wenn man mal von den beiden alten Innenverteidigern absieht. Die hätten den Status indes durchaus verdient, so unfassbar gut beherrschen sie die Kunst der Verteidigung. Ansonsten ist da ein Lorenzo Insigne, ein begnadeter Fummler, immer gallig, immer kreativ. Manchmal etwas zu optimistisch in seinen Aktionen. Aber getrieben von einer Gier nach Tricks und Toren. Dann ist da Leonardo Spinazzola, ein Außenverteidiger mit Wucht und Mut. Und dann ist da natürlich Manuel Locatelli, der gegen die Schweiz doppelt traf. Erst nach einem wundervoll einfach erspielten Angriff (26.), dann mit einem satten Distanzschuss (52.). Ach, und es sind noch so viele mehr.

Der Stolz ist zurück in Italien. Die Freude auch. Was waren das für unglaubliche Szenen, als die Italiener nach ihren Toren wie wild übereinander herfielen, sich drückten, kuschelten und sofort weiter heißmachten. Kein Nachlassen. Man würde sich freuen, eine deutsche Mannschaft mal so euphorisch eskalieren zu sehen (gut, dafür bräuchte es mal ein Tor). Und mal so schön, einfach und zielgerichtet spielen zu sehen (gut, dafür bräuchte es dann Mut und Überzeugung).

"Das Weiterkommen widme ich allen, die gelitten haben und die immer noch leiden", sagte Mancini am späten Mittwochabend in Rom und nahm dabei Bezug auf die Corona-Pandemie, die Italien hart getroffen hat. Man wolle den Menschen "weiter Freude schenken", ergänzte Locatelli. Es kann tatsächlich ein sehr langer Weg der Freude werden. Wer so spielt, der ist Favorit. Erst recht, wenn andere Favoriten (noch) nicht beeindrucken. Wie Frankreich, das Deutschland zwar beim 1:0-Sieg klar dominiert hatte, aber noch nicht beängstigend aufspielte. Mancini geht die Sache entspannt an, demütig. "Das war fantastisch, aber wir haben noch einen langen Weg vor uns." Es gebe Mannschaften wie Weltmeister Frankreich, Europameister Portugal und den Weltranglistenersten Belgien, "die sich in den letzten Jahren entwickelt haben und die einen Schritt voraus sind". Aber, er fügte dann eben auch noch an: "Im Fußball kann alles passieren, man muss mit allem rechnen."

Quelle: ntv.de

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