Fußball-EM

Scharfschützen lauerten bei der EM Wie Frankreich die Terror-Angst besiegte

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Die Nachwirkungen des 13.Novembers waren auch während der EM in Paris deutlich zu spüren.

(Foto: REUTERS)

Die EM in Frankreich ist Geschichte. Was bleibt? Das größte Fußballturnier des Kontinents bleibt von Terroranschlägen verschont. Das heißt nicht, dass die Gefahr nicht existiert. Das Fazit kann nur lauten: Zum Glück ist nichts passiert.

Sonntag, 23.33 Uhr: Schiedsrichter Mark Clattenburg pfeift im Stade de France zu Saint Denis das 51. Spiel der 15. Fußballeuropameisterschaft ab. Portugal schlägt Gastgeber Frankreich im Finale mit 1:0 in der Verlängerung, feiert den ersten Titelgewinn in seiner Historie und zerstört die Titelträume des Gastgebers. Und während unten auf dem Rasen nicht viel mehr von diesem Turnier übrig geblieben ist als glitzernde Staniolpapierschnipsel in rot, grün und weiß - die Landesfarben der Sieger, die bei der Pokalübergabe durch die Luft geflogen waren - überkommt den Betrachter auf der Tribüne ein ganz anderer Gedanke: Ein Glück, dass nichts passiert ist. Das ist das Beste, was von dieser vermeintlichen Hochsicherheits-EM bleibt.

Keine acht Monate zuvor, am 13. November vergangenen Jahres, hatten sich vor diesem Stadion drei Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt, während drinnen die Nationalmannschaften von Frankreich und Deutschland spielten. In Paris ermordeten die Verbrecher des selbst ernannten Islamischen Staats 130 Menschen. Die bange Frage vor dem Turnier lautete: Schlagen sie wieder zu? Experten, Behörden und Politiker waren sich einig: Die Gefahr lauert, viele Menschen an einem Ort sind stets ein Anschlagziel, insbesondere bei einer Veranstaltung, die so viel Interesse und Berichterstattung hervorruft. Nun war es nicht so, dass die Angst diese EM geprägt hat. Aber Frankreich befindet sich noch immer im Ausnahmezustand. Im Krieg gegen den Terror, wie es Präsident François Hollande nannte. Und die Vorkehrungen waren - von Spielort zu Spielort unterschiedlich - meist stärker und präsenter als bei andern Turnieren.

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Zuschauer wurden meist zweimal kontrolliert.

(Foto: REUTERS)

Die Sicherheitskräfte kontrollierten die Zuschauer in der Regel gründlicher als üblich, meist sogar zweimal. Journalisten mussten ihre Taschen wie am Flughafen durchleuchten lassen. Das hat nicht immer alles geklappt, aber sie haben sich bemüht und waren ausgesprochen freundlich dabei. Befremdlicher war es da schon, wenn man - wie zum Beispiel vor dem Gruppenspiel der Portugiesen gegen Österreich - vor dem Prinzenpark in Paris zwei Scharfschützen beobachtete, die aus dem Auto stiegen, die Gewehre schulterten und sich auf den Weg zur Arbeit im Stadion machten. In Bordeaux beim Viertelfinale der DFB-Elf gegen Italien waren zwei von ihnen im Presseraum - immer alles im Blick. Und meist kreisten Hubschrauber über den weiträumig abgesperrten Stadien.

90.000 Menschen vor dem Eiffelturm

Auch die Präsenz der Polizei und des Militärs war nichts, was unbedingt zum Alltag gehören muss. An jedem größeren Bahnhof und auch in der U-Bahn stehen sie, den Finger am Abzug. Aber in Zeiten wie diesen tut das wohl not. Die Zuschauer jedenfalls haben sich nicht abschrecken lassen, die Stadien waren voll, die Fanzonen auch. Und wer gesehen hat, wie beim Halbfinalsieg Frankreichs gegen Deutschland mehr als 90.000 Menschen vor dem Eiffelturm die Tore Antoine Griezmanns enthemmt bejubelten, der hat nicht den Eindruck, dass dort irgendjemand Angst hatte. Was der Fußball dann am Ende doch bewirken kann, ist mitunter eindrucksvoll. Und wenn es nur für einige Stunden ist.

Überhaupt haben gerade die Menschen in Paris gelernt, mit dem Schrecken zu leben. Es ist eine Mischung aus Trotz und Pragmatismus mit einer Prise Fatalismus, die sie sagen lässt: Das Leben muss doch weitergehen. Das zeigt ein Besuch im Café "Le Carillon" im 10. Arrondissement, vor dem die Terroristen am 13. November 15 Menschen töteten und zehn weitere teils schwer verletzten. Sie kamen an jenem Freitagabend gegen halb zehn in einem schwarzen Seat Leon mit belgischem Kennzeichen, hielten auf der kleinen Kreuzung, an der sich die Rue Alibert mit vier anderen Straßen trifft, stiegen aus und eröffneten mit ihren Kalaschnikows das Feuer.

"Wir werden weiterleben"

Nun, acht Monate danach am Mittag dieses freundlichen und sonnigen Finaltags, erinnert auf den ersten Blick nichts mehr an die Anschläge. Warum auch? Die Menschen sitzen bei knapp 30 Grad und meist kühlen Getränken an den kleinen Tischen, wie Menschen an einem Sonntag halt die freie Zeit genießen - und sich auf das große Fußballspiel am Abend freuen. Da wussten sie ja noch nicht, dass ihre Mannschaft verliert und der große Traum einer bleibt. Sie werden das Finale gemeinsam schauen, wie die anderen Spiele auch. Der Beamer steht auf der goldumrandeten Holztheke, nur die Leinwand fehlt; aber es sind ja noch sieben Stunden bis zum Anpfiff. Auch gegenüber auf dem Bürgersteig vor dem asiatischen Restaurant "Le Petit Cambodge" an der Rue Bichat, dessen Gäste ebenfalls dem Massaker zum Opfer fielen, sind alle Tische besetzt.

Auf den Tag zwei Monate nach den Anschlägen hatte das "Le Carillon" unweit des Canal Saint Martin im Osten der Hauptstadt die von den Kugeln durchlöcherten Fensterscheiben ausgetauscht und die Bar wieder geöffnet. Es gab Champagner für alle. "Willkommen. Wir wollen gar nicht viel sagen. Wir werden weiterleben", begrüßte das Personal am 13. Januar die Gäste. Und das tun sie. Doch als sich beim zweiten Café crème der Eindruck verdichtet, dass hier, abseits der Touristenströme, Paris doch wieder so scheint, wie sich der Besucher Paris vorstellt, fällt der Blick auf eine Mauer auf der anderen Seite der Kreuzung, die die Krankenhausgebäude des 1607 erbauten Hôpital Saint-Louis umgibt.

Irgendjemand hat dort nach den Anschlägen mit einer Schablone diese Sätze gesprüht: "Un anniversaire / pour la plaie / nous en ferons une fête / attachons des ballons / pour la plaie /souhaitons lui de grandir /ces sacrifices comme offrande / puisse-t-elles s'élever /et être sanctifiée." Übersetzt heißt das in etwa: "Ein Gedenktag / Für die Wunde / Wir werden daraus ein Fest machen / Lasst uns Luftballons anbringen / Für die Wunde / Wir wünschen, dass daraus etwas Größeres erwächst / Diese Opfer wie eine Opfergabe / Mögen sie sich erheben / Und geheiligt sein." Das klingt etwas kryptisch, aber nicht minder eindrucksvoll. Es erinnert daran, dass am 13. November nichts gutging. Zum Glück ist dieses Mal nichts passiert.

Quelle: n-tv.de

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