Fußball-WM

Infantino: Wirr, wild, schädlich Der perfideste Jesus aller Zeiten

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FIFA-Präsident Gianni Infantino will ans Kreuz genagelt werden.

(Foto: picture alliance/dpa)

Es ist nicht leicht, Gianni Infantino zu sein. Der FIFA-Boss muss mit seinem Fußball die Welt retten, den Weltkrieg verhindern und doch immer nur Kritik fressen. Einen Tag vor Beginn der Fußball-WM in Katar absolviert er die eigene Kreuzigung. Seine Rede ist so verstörend wie abgehoben.

Nach 57 Minuten ist es endlich so weit. Gianni Infantino ist nicht mehr nur FIFA-Präsident. Er ist der Jesus von Katar. Halleluja. Das war so nicht abzusehen. Aber dann bricht es aus ihm heraus. Schon vorher, ganz zum Auftakt der wilden Märchenstunden des Schweizers, ist er viele Dinge, aber jetzt lädt er die ganze Schuld der Welt auf sich. "Wenn Ihr jemanden kritisieren wollt", ruft er ins Virtual Stadium des FIFA-Medienzentrums am Rande Dohas, "dann kritisiert nicht die Spieler, nicht die Trainer. Kritisiert nicht Katar!" Der 52-Jährige breitet er seine Arme weit aus, aus dem Himmel fuhr ein Blitz und dann donnerten die Worte: "Kritisiert mich. Ihr könnt mich ans Kreuz nageln! Ich bin für alles verantwortlich."

Der FIFA-Präsident hatte sich in einen Rausch geredet. In einen Rausch, der in diesen sechzig Minuten Monolog der fulminante Auftakt für ein Turnier ist, von dem viele sagen, dass es nie stattfinden dürfe. Aber so wird es nicht sein. Es findet ja statt. Und rettet nebenbei die Welt. So erklärt es zumindest, Infantino, der schon früh mit einem aggressiven Unterton alle Kritik am Ausrichterland und natürlich an der FIFA wegwischen will. Seine Rede lässt viele Fragen offen, einige davon haben mit dem Gebrauch von Rauschmitteln und dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR zu tun. Dazu später mehr. Lauschen wir erst einmal Infantino.

"Heute fühle ich sehr starke Gefühle. Heute fühle ich mich als Katarer, heute fühle ich mich als Araber, heute fühle ich mich afrikanisch. Heute fühle ich mich queer, heute fühle ich mich als Mensch mit Behinderung. Heute fühle ich mich als Arbeitsmigrant", zählt er auf und vergaß dabei einfach die Frauen. Nicht mit Gianni aber, der viel später, als alle nach 90 Minuten schon von Infantinos Worten erschlagen sind, in den Seilen hängt, in den Raum noch ein in der Lautstärke erschütterndes "Ich fühle wie eine Frau" schreit. Gianni Infantino fühlt etwas. Der Rest aber wundert sich.

Der alte, weiße Märchenonkel

Denn wenn der FIFA-Boss in seinem einstündigen Märchenstundenmonolog erzählt, dass er weiß, wie sich Diskriminierung anfühlt - wie LGBTQI+-Menschen fühlen, wie sich Arbeitsmigranten fühlen, wie sich Frauen fühlen - weil er in der Schule wegen seiner "roten Haare" und "Sommersprossen" gehänselt wurde. Wenn er die Einwanderungsverhältnisse in der Schweiz mit denen der Arbeitsmigrantinnen und -migranten in Katar vergleicht. Wenn er sagt, nur seine FIFA würde sich wirklich um Menschen mit Behinderung kümmern. Dann sind das gleich mehrere saftige Ohrfeigen, die allen Menschen mit Diskriminierungserfahrungen die Wangen rotprügeln. Menschen, die täglich offene, verdeckte, oder systemische Herabsetzungen und Chancenungleichheiten erfahren. Sich als weißer, reicher, mächtiger, heterosexueller Mann (allesamt Zuschreibungen, die das Leben in der heutigen Welt unglaublich erleichtern) anzumaßen, für Unterdrückte zu sprechen und sogar ihren Schmerz zu fühlen, ist so frech wie unmöglich.

Ob Infantino damals auch mit staatlicher Verfolgung rechnen musste? Ob er Teile seiner Identität unter Schmerzen unterdrücken musste? Ob er Angst hatte, von der Familie ausgeschlossen zu werden, ob er Angst hatte, Gewalt zu erfahren, ob er Angst hatte, hingerichtet zu werden?

Und die Art und Weise des Jesus-ich-fühle-euch-alle-Monologs macht diese perfide Performance der Realitätsverweigerung endgültig zur Farce. Diese gespielte Ergriffenheit, diese überzogene Betroffenheit. Alles garniert mit höchst theatralischen Pausen und leidvollen Seufzern.

Ach, armer Gianni. Er hat es schon schwer. Genug der Ironie: Infantinos Auftritt wirkt einstudiert, eine eingeübte Selbstdarstellung. Eine PR-Performance, die direkt aus der Feder der Machthaber Katars stammen könnte. Es macht die Sache noch schlimmer, dass er all diese Worte des falschen Mitgefühls überlegt aufgeschrieben hat (samt Regieanweisungen wahrscheinlich).

Erinnerungen an Erich Mielke

Als kritischer Beobachter bleibt man so angewidert wie verblüfft zurück und möchte fragen: Was darf Satire? Aber nein, hier spricht der FIFA-Boss wirklich live vor Reportern aus der ganzen Welt - und er meint das alles ernst. Infantino erinnert auf absurd-traurige Weise an Erich Mielke, von 1957 bis 1989 Minister für Staatssicherheit in der DDR, der vier Tage nach dem Mauerfall zur DDR-Volkskammer sagte, er "liebe doch alle Menschen". Mielke erntete damals Gelächter, Infantino heute vor allem Kopfschütteln. Wie Mielke lebt der FIFA-Boss in seiner ganz eigenen Realität, die fernab von der Wirklichkeit absurde Formen angenommen hat. Äußerst gefährliche dazu.

Denn wenn Infantino von "Heuchelei" spricht und das Thema auf Europas Migrationspolitik lenkt, hat er natürlich recht, dass an dieser Stelle Kritik mehr als berechtigt ist. Aber diese beliebte Manipulationstaktik namens Whataboutism, eine eher billige und leicht zu entlarvende Form der Rhetorik, darf nicht davon ablenken, dass selten jemand so für Heuchelei stand wie die FIFA. Und Infantino zeigt wieder und wieder, dass er überhaupt kein Problem damit hat und mit seiner mächtigen Organisation genauso weitermachen wird.

Weltkrieg nur ohne Infantino

Zurück zur Rede: Gianni Infantino, der von sich berauschte, ist bald durch mit seinem Monolog. Aber dann das: Das Bier! Der Rausch für alle! Die Aufregung. Immer nur Aufregung! Das Bierverbot ist je nach Lesart ein Dolchstoß Katars gegen die FIFA, wie Kollege Tobias Nordmann in seinem gestrigen Blitzkommentar anmerkt, oder eben eine normale Demütigung der FIFA. Die erscheint so mickrig und klein wie sonst nur Borussia Dortmund bei den verzweifelten Versuchen Stars wie Erling Haaland zu halten. Die besten Spieler sind mächtiger als die Klubs und eines der reichsten Länder der Welt ist eben mächtiger als die FIFA. So ist das. Ein herber Rückschlag für Infantino, der sich doch so gerne in einer Reihe mit den großen Staatenlenkern dieser Welt zeigt.

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Kurz vorm Ende seiner epochalen Rede, tief in der Fragestunde, kommt er tatsächlich auch noch auf den Afghanistan-Krieg und die Gewalt im Iran zu sprechen. Warum die Medien auch in diesen Fällen immer kritisieren und spalten müssten, anstatt Menschen zusammenzubringen. So wie die FIFA, meint er. Und um seiner Traumwelt voll von Trugbildern und Irrglauben noch die Krone aufzusetzen, posaunt er aufgeregt einem Reporter entgegen: "Wenn Sie einen weiteren Weltkrieg wollen? Ok, nur zu. Aber ohne mich!" Im Reporterraum hängt statt eines Hallelujas nur ein: Uff!

Gianni Infantino, der sich immer wieder selbst zum Thema machen will, soll gerne so tun, als könne er sich fühlen wie alle Diskriminierten auf der Welt. Als Homosexueller. Als Frau. Als Arbeitsmigrant. Dabei bleibt er jedoch genau der, der er ist. Ein machtgieriger Mann, der so weit von Jesus entfernt ist wie diese absurd-skurrile Halleluja-Rede von der Realität.

Quelle: ntv.de

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