Fußball-WM

"Biest" zeigt Müller wie es geht Füllkrug historisch: Vom Absteiger zum WM-Helden

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Füllkrug rettete die DFB-Elf vor dem Desaster.

(Foto: IMAGO/Action Plus)

Die Welt feiert "den Killer mit der Zahnlücke": Niclas Füllkrug steigt zu Deutschlands erstem WM-Helden in Katar auf. Sein Tor ist ein historisches, doch der Weg des Stürmers dorthin ist steinig und fast wäre "Fülle" falsch abgebogen. Nun muss Flick auf diese Waffe setzen.

Es läuft die 83. Minute, Niclas Füllkrug setzt sich im Strafraum stark durch - und hämmert die Kugel humorlos ins obere Toreck. Es folgt kein Jubel, keine Freude. Am Ausgang des Spiels ändert sein Treffer nichts. Werder Bremen verliert am 22. Mai 2021 zu Hause gegen Borussia Mönchengladbach und steigt aus der Bundesliga ab. Woran genau der Torjäger beim Abpfiff denkt, ist nicht übermittelt. Es braucht aber kein Expertenwissen, um zu erahnen, dass in seinem Kopf keine Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Katar oder gar ein WM-Tor herumspuken.

Genau anderthalb Jahre und fünf Tage später setzt sich Niclas Füllkrug wieder im Strafraum stark durch - und hämmert die Kugel humorlos ins obere Toreck. Dieses Mal ist es das linke und nicht das rechte. Und diesmal wird der kräftige Stürmer von einer Jubeltraube fast erdrückt. Diesmal ändert sein Treffer alles, es ist der 1:1-Endstand gegen niemand geringes als die 7:0-Spanier, den Ersten der Gruppe E. Diesmal erzielt Füllkrug das erste DFB-Stürmertor bei einer WM seit 3059 Tagen. Seit dem Finale 2014 von Rio, seit dem Treffer von Superjoker Mario Götze. Historisch. Es ist auch das erste WM-Tor eines Werder-Spielers seit Mesut Özils 1:0 gegen Ghana 2010. Für Özil war es der Start zu einer Weltkarriere, nach dem Turnier wechselte er zu Real Madrid. Füllkrug wird das nicht passieren.

"Wir wollten unbedingt dieses Spiel ziehen, das war fürs Gefühl sehr wichtig", sagt Füllkrug nach der Partie. "Wir haben noch Luft nach oben. Wir brauchen jetzt auch nicht durchzudrehen. Aber wir können hoffen, dass im letzten Spiel alles gut ausgeht." Der Stürmer wird von seinen Kollegen natürlich mit Lob überhäuft. İlkay Gündoğan bezeichnet Füllkrugs Hämmerchen als "ein brutal wichtiges Tor" und führt aus: "Man merkt an Niclas' Tor, was für Qualitäten er hat." Thomas Müller findet es einfach "überragend, dass Fülle den so reinnagelt in den Knick."

Ein echter Knipser

Als Füllkrug und Sané den Rasen betreten, verändert sich das Spiel der deutschen Mannschaft. Auf einmal brennt es fast minütlich im Strafraum der Spanier. Jeder im Stadion spürt die Präsenz einer echten Nummer 9 vor dem Tor. Erst kommt er nach einem Musiala-Ball einen Schritt zu spät. Dann, in jener 83. - der wichtigen, nicht von 2021 - leitet Sané mit einem Pass auf Jamal Musiala ein, der den Ball gut mitnimmt. Bis ihm Füllkrug das Spielgerät einfach klaut. Der Bremer Torjäger haut die Kugel anschließend mit einer flüssigen Bewegung derart trocken in die Maschen, dass rund um das Al-Bayt Stadion in Al-Khor selbst der Wüstensand neidisch dreinblickt. So, wie es ein echter Knipser eben macht. Keeper Unai Simon hat nicht den Hauch einer Chance.

Füllkrug. Natürlich, wer sonst? Dieser Junge hat einfach einen Lauf. Auf dem englischen Twitterkanal feiert der DFB den Mittelstürmer als "Biest eines Mannes". Das trifft es bei diesem Gewaltsstrahl in den Winkel ganz gut. Ohne Rücksicht auf Freund und Feind, nur einen Gedanken im Kopf: Der Ball muss ins Tor. Genau diese simple Phrase, in der Realität jedoch oft so schwer umsetzbar, setzt er bei Werder Bremen seit anderthalb in mittlerweile beängstigender Beständigkeit um. Zunächst in der 2. Liga mit seinem kongenialen Sturmpartner Marvin Ducksch. Anschließend seit dem Sommer in der höchsten deutschen Spielklasse, wo er der treffsicherste deutsche Torschütze (10 Treffer) ist.

Füllkrug wird auf dem Feld zur Bestie. Und Hansi Flick sieht nun endlich: Es lohnt eben doch, einen echten Mittelstürmer auf dem Feld zu haben, der nicht lang fackelt. Der zur Stelle ist, wenn es zählt. Der kaltschnäuzig vor dem Tor ist und einfach weiß, wie man im Fußball so schön sagt, wo die Kiste steht. Genau das hatten die DFB-Kicker nach den vielen vergebenen Chancen gegen Japan unisono gefordert. Allein, es braucht auch gegen Spanien erst die Nummer 9, vorher vergibt die Nationalelf wieder einige beste Möglichkeiten.

"Killer mit der Zahnlücke"

Dass es zu Füllkrugs kometenhafter Aufstieg kommt, der ihn bis zum Status des WM-Helden (zumindest für eine Nacht) führt, ist keine Selbstverständlichkeit. Nach Startschwierigkeiten mit Werder in Liga 2 und einem Krach mit dem Leiter von Bremens Scouting-Abteilung, Clemens Fritz, fliegt er zu Beginn Saison fast aus dem Verein. Sein Selbstbewusstsein hätte er sich woanders wohl nicht so schnell angeschossen, der Aufstieg und die starken Leistungen in der Bundesliga wären vielleicht nie passiert.

Zuvor werfen den Torjäger schwere Verletzungen in seiner Karriere immer wieder zurück. Er gilt als Problemfall. Auch, weil er in der Bundesliga nie wirklich an seine Leistungen aus dem Unterhaus anknüpfen kann. Zu gut für die 2., zu schlecht für die 1. Liga, so scheint es. Nun ist er endlich mal über einen längeren Zeitraum gesund geblieben, hievt Werder in diesem Jahr beinahe im Alleingang in die obere Tabellenhälfte - und schießt nun das Tor des Tages für Deutschland, das im letzten Spiel Gold wert sein kann. Dann nämlich, wenn Deutschland gegen Costa Rica gewinnt (möglichst hoch) und Spanien und Japan sich unentschieden trennen. Ohne den "Fülle"-Treffer wäre die DFB-Elf bei diesem Szenario ausgeschieden.

Nach seinen Toren in der Bundesliga fordern in den vergangenen Monaten viele einen Platz im WM-Kader für den "Killer mit der Zahnlücke" (die "Times"). Aber so richtig glaubt niemand an viele Einsatzminuten oder gar Tore. Als "Lückenfüller" wird er schmunzelnd bezeichnet. Er habee keine internationale Erfahrung, kritisieren viele. Im Ausland, bei "L'Équipe" etwa, fragen sie nun aufgrund seines mäßigen Bekanntheitsgrades: "Wer ist Niclas Füllkrug, der Angreifer von Werder Bremen, Torschütze gegen Spanien?" Auch nach dem Spiel gibt es in Doha nur ein Thema bei den Beobachtern aus aller Welt. Wer ist dieser Mann? Wo hat Flick den denn ausgegraben?

"Lücke" hat nun bei drei Einsätzen in 76 Minuten für die Nationalmannschaft zwei Treffer erzielt, Deutschland ins Finale gegen die Ticos gerettet und sich für weitere, längere Einsätze empfohlen. Ein Thomas Müller, der zwar das Pressing gut organisiert gegen technisch starke Spanier, aber im Abschluss völlig ineffektiv agiert, muss um seinen Stammplatz bangen.

Füllkrug, ein Unterschiedsspieler

Flick hat ein Mittelfeld voller Stars zur Verfügung, so viele Egos, die er befriedigen muss. Joshua Kimmich, Leon Goretzka, İlkay Gündoğan. Drei große Spieler. Drei, die bei ihren Vereinen Leitfiguren sind. Drei, die mit der Nationalmannschaft noch keine Erfolge feiern konnten (Kimmichs Titel 2017 im Confederations Cup ausgenommen). Auch, weil seit 2014 etwas fehlt. Im Sturm.

Denn es geht nicht nur um die, die von Anfang an auf dem Platz stehen, sondern die, die das Spiel später entscheiden können. Egal, ob sie ein Spiel drehen oder eben einen Vorsprung über die bei der WM meist zehnminütige Nachspielzeit bringen sollen. Die Unterschiedsspieler. Mit Niclas Füllkrug hat der Bundestrainer nun einen solchen in den eigenen Reihen. Eine echte Nummer 9. Flick würde gut daran tun, wenn er bei dem Turnier von nun an vermehrt auf den Torjäger baut.

Das "Biest" mit dem humorlosen Hämmerchen ins obere Toreck. WM-Held für mindestens eine Nacht. Davon hat der Bremer am 22. Mai 2021 mit großer Wahrscheinlichkeit nicht geträumt.

Quelle: ntv.de

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