Fußball-WM

"Das ist weiterer Tiefschlag" Der DFB bekam "eindeutige Drohung" von der FIFA

Die FIFA spricht "eindeutige Drohungen in unsere Richtung" aus, sagt DFB-Präsident Bernd Neuendorf. Die müsse man "sehr ernst nehmen". Und deshalb verzichtet das Team bei der WM in Katar auf das Tragen der "One Love"-Kapitänsbinde. Das Vorgehen der FIFA ist perfide. Beim größten Fachverband der Welt ist man sauer. Sehr sauer.

Die Spitze des Deutschen Fußball-Bundes hat das FIFA-Verbot für die "One Love"-Kapitänsbinde von Manuel Neuer scharf kritisiert. "Es handelt sich aus meiner Sicht um eine Machtdemonstration der FIFA", sagte DFB-Präsident Bernd Neuendorf im Teamquartier in Norden Katars. "Das ist aus unserer Sicht mehr als frustrierend und auch ein beispielloser Vorgang der WM-Geschichte." DFB-Geschäftsführer Oliver Bierhoff äußerte, es fühle sich "schon stark nach Zensur an".

Die FIFA hatte das Tragen der mehrfarbigen und symbolträchtigen Kapitänsbinde mehreren europäischen Nationen zuvor untersagt und den Verbänden sportliche Sanktionen angedroht. "Die FIFA hat eine Aussage für Diversität und Menschenrechte untersagt. Das sind Werte, zu denen sie sich in ihren eigenen Statuten verpflichtet", sagte Neuendorf. "Wir wollen nicht, dass der Konflikt, den wir zweifellos haben, auf den Rücken der Spieler ausgetragen wird." Man könne "uns die Binde nehmen, aber unsere Werte bleiben erhalten", sekundierte Bierhoff.

"Eindeutige Drohung in unsere Richtung"

Der DFB und mehrere andere Verbände hatten bei der FIFA bereits im September hinterlegt, dass man zur WM die "One Love"-Binde als ein Zeichen gegen Homophobie, Antisemitismus, Rassismus und für Menschenrechte und Frauenrechte tragen wolle. Doch bis zuletzt habe man von der FIFA keinerlei Signal bekommen, wie sie in dieser Sache zu verfahren gedenke. Auch nicht im Rahmen des Testspiels im Oman vor wenigen Tagen. Erst in der Nacht vor dem ersten Spieltag, an dem Kapitän Harry Kane die englische Nationalmannschaft mit der diskutierten Binde am Arm gegen den Iran aufs Feld führen wollte, habe man die Entscheidung verkündet. Ganz offensichtlich aus taktischen Erwägungen. "Das ist echt traurig, dass es in der Art passiert ist", sagte Bierhoff.

Welche Sanktionen zu fürchten seien, darüber hielt sich die FIFA bedeckt. "Wir haben keinerlei konkrete Hinweise darauf, wie die Sanktionen aussehen könnten. Auch das ist sehr befremdlich", sagte Neuendorf. Es habe aber "eine eindeutige Drohung in unsere Richtung" gegeben, "die wir sehr ernst nehmen müssen". Zuvor hatte der Verband in einem Statement erklärt, finanzielle Sanktionen, wie in solcherlei Fällen üblich, nicht gefürchtet zu haben. Doch nun, da offenbar auch sportliche Konsequenzen drohten, habe man den Protest in Abstimmung mit den "europäischen Partnern", die die "One Love"-Binde ebenfalls getragen hätten, wieder beerdigt. "Das heute ist für uns ein weiterer Tiefschlag", verkündete Neuendorf mit Blick auf die FIFA.

Er glaube nicht, dass sich der DFB dem Vorwurf aussetzen müsse, "dass wir eingeknickt sind", sagte Neuendorf und verwies darauf, dass der DFB FIFA-Präsident Gianni Infantino keine Stimme für dessen Präsidentschaftswahl im kommenden März zugesagt hatte. "Das war ein deutliches Signal Richtung FIFA, dass wir nicht bereit sind, bestimmte Dinge, die seitens der FIFA kommen, mitzutragen." Bierhoff berichtete, dass das Verbot auch für die Spieler frustrierend sei. "Auch für Manuel ist es eine schwierige Situation", sagte der Ex-Profi.

Iran sorgt für Statement

Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich hat sich in der Debatte um die "One Love"-Kapitänsbinde bei der Weltmeisterschaft in Katar deutlich gegen den Fußball-Weltverband positioniert. "Ich suche nach der Regelgrundlage für die Entscheidung seitens der Fifa, das Tragen der OL Binde mit Gelb zu sanktionieren. Ich finde sie nicht", schrieb der 43 Jahre alte Hamburger auf Twitter. "Alle werden instrumentalisiert. Traurig und unfassbar! Auch hier nur indirekt, ohne Grundlage für Gelb, oje!"

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Ein starkes gesellschaftliches Signal gab es beim Spiel zwischen England und dem Iran auch ohne die "One Love"-Binde: Die Spieler der iranischen Nationalmannschaft haben die Nationalhymne nicht mitgesungen. Iranische Aktivisten sehen darin eine Geste der Unterstützung für die landesweiten Proteste im Land. Sie hatten vor der Partie auf eine Solidaritätsbekundung der Spieler gehofft. Der iranische Staatssender unterbrach die Live-Übertragung bei der Hymne.

Den Spielern könnten nun Konsequenzen drohen. Im Iran war spekuliert worden, dass sie möglicherweise gesperrt werden, sollten sie bei der Hymne schweigen. Der iranische Kapitän Ehsan Hajsafi hatte am Sonntag sein Beileid für die trauernden Familien der Opfer im Iran ausgedrückt. Die Mannschaft habe zu akzeptieren, dass die Bedingungen im Land nicht gut und die Menschen nicht glücklich seien. Darüber seien sich die Spieler bewusst. Bei den landesweiten Protesten im Iran sind bislang nach Schätzungen von Menschenrechtlern mindestens 360 Menschen getötet worden.

(Dieser Artikel wurde am Montag, 21. November 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de, ter/dpa

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