Fußball-WM

Gesäßtritte für und von der FIFA Die beste WM aller Zeiten ist offiziell gescheitert

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Na, wer versteckt sich denn hier hinter dem FIFA-Regelwerk?

(Foto: IMAGO/Shutterstock)

Es gibt unterschiedliche Sichtweisen auf die Fußball-WM in Katar. In der westlichen Welt ist das Turnier heftig umstritten. In der Welt von FIFA-Boss Gianni Infantino wird das Turnier verherrlicht. Die Realität am ersten Spieltag frisst diese Version auf.

Der Fußball-, nun ja, Fan (?) im Stadion Al-Bayt hat der Welt am Sonntagabend gezeigt, wie viel Begeisterung in "der besten WM" aller Zeiten steckt. Als nach spätestens 31 Minuten im Eröffnungsspiel klar wurde, dass die Nationalmannschaft von Katar sportlich völlig überfordert ist, sang- und klanglos, eventuell sogar als sportlich schlechtester Gastgeber aller Zeiten aus dem Turnier ausscheiden wird, da verließen die Fans (?) des Teams in Scharen das Stadion. Zur Halbzeit war der mächtige Komplex im Norden Katars schon beinahe verwaist und je mehr sich das Spiel dem Schlusspfiff näherte, so leerer wurde das Rund.

Einer, der nicht gegangen war, war Gianni Infantino. Und dessen euphorische Vision von einem Turnier, das die Welt noch nicht gesehen habe, wurde vor den Augen genau jener Welt zerrissen. Die massenweise Flucht der Zuschauer konnte nicht mal die internationale Regie mit geschickten Perspektiven ausblenden. Katar hatte sich von seiner Nationalmannschaft abgewendet. Vermutlich erschrocken, wie schwach dieses Team tatsächlich ist. Aber vielleicht auch in dem Wissen, hier nichts mehr zu verpassen, und stattdessen lieber den geordneten und entspannten Rückzug anzutreten. Denn die Anreise zur Arena glich einem Desaster. An das U-Bahn-System ist das Stadion nicht angebunden, der Bus-Shuttle katastrophal organisiert, die Straße ein Nadelöhr.

In Summe kommt dabei etwas heraus, was null attraktiv ist. Das Al-Bayt droht, zum Stimmungsgrab zu werden. Ein, ja, zynisches Bild angesichts der Berichte über die zu Tausenden verstorbenen Gastarbeiter auf den WM-Baustellen. Und für die FIFA ein Desaster. Ein weiteres. Eines, das sich in die Erzählung von den "verstörendsten Spielen aller Zeiten" einreiht. In der Vision der FIFA und allen voran in der ihres selbstverliebten und selbstgerechten Chefs sollten die schillernden Bilder aus dem Emirat alles vergessen machen, was war. All die Kritik an den Spielen, die Infantino am Samstag, noch vor dem ersten Anpfiff, in einer irren Rede angeprangert und in einen bizarren Gegenangriff auf die westliche (Medien)-Welt umgemünzt hatte.

Peinlicher Gegenschlag der FIFA

Und die FIFA wäre nicht die FIFA, wenn sie am Tag nach der großen Demütigung nicht zu einem gigantischen und peinlichen Gegenschlag ausholen würde. Sie stellt das Tragen der "One Love"-Armbinde tatsächlich unter Strafe! Jeder Kapitän, der das Toleranz-Zeichen bei den WM-Spielen am Oberarm trägt, sieht die Gelbe Karte. Nach zwei Spielen würde das bedeuten: ein Spiel Zwangspause. Weil die Länder indes nicht nur moralischen Druck spüren, sondern auch sportlichen, knicken die Topnationen ein, darunter Deutschland, England und die Niederlande. Die Franzosen hatten sich schon vorab verweigert. Die Begründungen wirkten konstruiert. In französischen Medien wurde spekuliert, ob die ökonomischen Verflechtungen beider Länder womöglich der wahre Grund waren.

Die FIFA beweist Durchsetzungsstärke, begründet in der hilflosen Abhängigkeit gegenüber Katar. Statt Haltung zu zeigen, was eh niemand dem Verband zutraut, versteckt sich die FIFA viel lieber hinter dem Artikel 13.8.1 der Ausrüstungsregeln: "Für FIFA-Finalwettbewerbe muss der Kapitän jeder Mannschaft eine von der FIFA gestellte Armbinde tragen." Der Verband, so teilte er mit, unterstütze Kampagnen wie "One Love", aber dies müsse im Rahmen der allen bekannten Regeln erfolgen. Die FIFA tut alles, um dieses Turnier, um ihr Lieblingskind Katar zu bewachen und zu beschützen. Dabei waren sie beim kurzfristig und unabgesprochenen Bier-Verbot im Stadion von eben jenem erst böse überrascht und dann erdolcht worden.

Propaganda-Werkzeug von Autokraten

Und mit dem immensen Druck auf die Nationalmannschaften setzt Infantino nun das durch, was er wenige Tage vor dem Start des Turniers geplant hatte. Er drängt das Politische aus dem Turnier. Er bringt die mächtigen Nationen der Welt zum Schweigen. Dass im Stadion noch Zeichen für Menschenrechte gesendet werden, kaum noch vorstellbar. Zwar haben ein paar Länder versprochen, sich klar zu bekennen. Aber wer hat noch diesen Mut? In seiner Erklärung auf den Verzicht der Binde spricht der DFB von nicht absehbaren Sanktionen und "einer eindeutigen Drohung", die man "ernst nehmen müsse". Klingt schrecklick, klingt mafiös. Aber was kann so schlimm sein, dass man auf Botschaften pro Menschenrechte verzichtet? Diese Frage müssen sich die Top-Nationen durchaus gefallen lassen.

Der FIFA ist mittlerweile alles egal. Infantino hat das am Samstag bei seiner Generalabrechnung mehr als deutlich gemacht. Das Moralverständnis von Demokratien ist ihm gänzlich fremd geworden. Zur Schau trug er dies am Sonntag bei der Eröffnungsfeier. Neben dem Schweizer saßen nicht nur der Emir von Katar, ein guter Freund des russischen Kriegstreibers Wladimir Putin, sondern auch der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman auf dem Ehrenrang. Dem wird international vorgeworfen, den Auftrag gegeben zu haben, den Journalisten Jamal Khashoggi umzubringen. Infantino winkte fröhlich ins Publikum. Kurz vor Anstoß richtete er noch ein "Lasst die Show beginnen!" an die Fans. Der Imperator hatte gesprochen. Eine Reminiszenz an die blutigen Gladiatoren-Kämpfe im alten Rom. "Die FIFA macht sich zum Propaganda-Werkzeug von Autokraten. Das ist Sportswashing", wetterte etwa Wenzel Michalski, der Deutschland-Direktor von Human Rights Watch, im ZDF.

Und die Aussichten bleiben fatal: Im kommenden Jahr wird Infantino mit größter Wahrscheinlichkeit in seine dritte Amtszeit gehen, bei der Wahl gibt es keinen Gegenkandidaten. Dass der DFB seine Gefolgschaft verweigert, aber keinen Kontrahenten aufstellt, dürfte dem Schweizer somit herzlich egal sein.

Die FIFA wittert nur den Big Deal

Aber nochmal zurück zur massenhaften Stadionflucht. Daraus abzuleiten, dass sich die Katarer nicht für Fußball interessieren, das wäre wohl falsch. Aber es ist eben auch keine grenzenlose Liebe zu den (überforderten) Helden auf dem Platz, wie in vielen anderen Nationen. Was haben die Fans von afrikanischen Nationalmannschaften die WM-Bühne in der Vergangenheit für bunte und stimmungsvolle Partys genutzt? Was haben die Fans aus Südamerika auf den Tribünen für herzzerreißende Dramen und Auferstehungen erlebt. In Katar ist die Fan-Sicht auf die Dinge eher nüchtern. Die Blicke der in traditionelle Gewänder gehüllten Katarer sprachen Bände. Das ist nicht schlimm und kommt auch nicht überraschend. Den Fußball im Land verbindet man halt nicht mit Weltniveau, sondern eher mit alternden Weltstars, die einen letzten Big Deal abschließen.

Den wittert(e) auch die FIFA. Volle Stadien, volle Kassen. 2,95 Millionen Eintrittskarten seien für das Turnier bereits abgesetzt worden, teilte der Verband am Sonntag mit. Damit wurden bereits die Zahlen der WM in Russland 2018 übertroffen, bei der knapp über 2,4 Millionen Tickets verkauft worden waren. Katar, Saudi-Arabien, die USA, Mexiko, Großbritannien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Argentinien, Frankreich, Indien und Brasilien seien die wichtigsten Märkte, so der Sprecher.

Tatsächlich füllen sich die Straßen der Hauptstadt nun auch mit Fans aus Südamerika, aus Afrika und mit denen, die ohnehin hier sind, und aus Ländern wie Tunesien stammen. Doch all das war an diesem Eröffnungsabend im Al-Bayt nicht zu beobachten. Ein paar Fans anderer Teams hatten sich dahin verirrt, hatten sich vielleicht auch dahin verirren müssen. Das bizarrste Bild von allen gaben jedoch die ab, die geblieben waren. In einem der Hintertorblöcke hatte sich eine Gruppe von mysteriösen Fans aufgebaut. Sie trugen Katar-Shirts und sangen und wirbelten das Spiel hindurch. Sie verliehen dem Spiel so etwas wie Fußball-Atmosphäre.

Welche Erzählung denkt sich Infantino jetzt aus?

In Zeiten der Allgemeinverfügbarkeit von Informationen, von Vernetzungen weltweit, kursierten schnell Videos, die eben jene Gruppe in einer Art Trainingslager zeigten. Der harte Block, der wohl dem Nejmeh Klub aus der libanesischen Hauptstadt Beirut zuzuordnen ist, präsentiert sich dort zu dramatischen Tönen beim Einsingen in einem Stadion in Doha. Wie und ob die Ultras dafür bezahlt worden sind, ist weiterhin unklar. Doch der Verdacht liegt nahe. Seit Wochen gibt es schließlich Berichte über eingekaufte Fans. Aber bestätigt ist das alles nicht.

Tja, hätten die Katarer und die FIFA doch nur richtig investiert und sich ein ganzes Stadion voller Fans gekauft. So aber bleibt es dabei: Infantino und das Gastgeberland müssen sich nach diesem Zuschauer-Desaster von Al-Bayt schon bald eine neue Erzählung ausdenken. Die Nationalmannschaft von Katar steht vor dem Blitz-Aus, die Begeisterung stürzt dramatisch in Richtung Boden. Da kann das Fanfest im Herzen Dohas noch so überfüllt sein, die Bilder aus dem Stadion stürzen die Organisatoren dieses Turniers in neue Erklärungsnöte.

Der Ausverkauf des Fußballs auf dem Rücken der Fans und Spieler, die plötzlich politische Figuren werden müssen (und natürlich trotzdem gut mitverdienen am Milliardenspiel), die Unruhe in Europa, dem Kerngebiet des Klubfußballs, Infantinos wilde Gedankengänge und jetzt die tristen Bilder beim Eröffnungsspiel. Dem Fußball geht es wirklich nicht gut. Der Traum des FIFA-Präsidenten ist gescheitert.

(Dieser Artikel wurde am Montag, 21. November 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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