Fußball

Der Abstieg nicht so schlimm? 1. FC Köln krankt an großer Verblendung

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Der Zusammenhalt ist da - die Fans begleiten ihr Team in die 2. Liga. Aber wohl nicht auf ewig.

(Foto: imago/Eibner)

Alles nur halb so schlimm? Der Traditionsverein 1. FC Köln stürzt von der Europa Liga in die Zweite Fußball-Bundesliga. Der Klub muss genau analysieren und gezielt handeln, sonst droht das verzögerte Verderben.

Sandhausen statt London: Der 1. FC Köln wird kommende Saison in der 2. Fußball-Bundesliga antreten. Ein Absturz in die Bedeutungslosigkeit? In den Fahrstuhlmodus? In den finanziellen Ruin? Nein. Dieser Kölner Abstieg ist schlimm, aber er wird dem Klub nicht das Genick brechen. Wenn der FC jedoch zu selbstgefällig bleibt, könnte sich das schnell ändern. Die große Verblendung, die vor einem Jahr mit der Qualifikation zur Europa League begann, ist noch nicht vorbei.

Denn schon vor dieser Saison vergaß der Klub das Wichtigste: bei der Kaderplanung den Zufallsfaktor Fußball einzubeziehen. Wie der Vorstand des FC, waren die meisten von Sportdirektor Jörg Schmadtke und Trainer Peter Stöger geblendet. Sie funktionierten über Jahre als kongeniales Duo - der eine schaffte günstige, hungrige, entwicklungswillige Spieler heran, der andere verschmolz sie zu einem Team, das gemeinsam viel besser funktionierte als nur die Summe ihrer Fähigkeiten. Die beiden konnten vor einem Jahr zwar nicht die historische Verletzungsmisere voraussehen, wohl aber die zusätzliche Belastung durch die Europa Liga. Hinzu kam das eigene Kommunikationsdefizit über nötige Transfers, dessen gravierende Folgen im Saisonverlauf sichtbar wurden. Der Vorstand war vom Erfolg der Vorsaison paralysiert.

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Das Traumpaar Schmadtke-Stöger hatte ausgedient.

(Foto: imago/DeFodi)

Die Kölner Verblendung reichte aber noch viel weiter. Etwa war da die Diskussion um den Videobeweis. Ja, der neue Schiedsrichter raubte dem Klub Punkte. Aber vielleicht war der psychologische Effekt, sich trotz guter Leistungen ständig ungerecht behandelt zu fühlen und darin von der Öffentlichkeit bestätigt zu werden, viel schlimmer. Ein Beispiel dafür ist der Elfmeter in Mainz, den der Schiedsrichter pfiff, der keiner war, den der Videoschiedsrichter jedoch bestätigte. Ja, der 1. FC Köln ist das erste große Opfer des Videobeweises. Es war allerdings Zufall, dass es ihn traf. Doch während über die vermeintliche Benachteiligung diskutiert wurde, verschleppten die Verantwortlichen im Geißbockheim nötige Entscheidungen. Die Winterpause, der neue Sportdirektor Armin Veh und schließlich der Trainerwechsel von Stöger zu Stefan Ruthenbeck kamen als Korrektur zu spät. Großen Klubs passiert so etwas nicht. Der FC ist nicht da, wo er sich hingewünscht hatte.

Gefährliche Tränen

Man kann Tränen vergießen über diesen Abstieg, aber keine der Verzweiflung, sondern der Rührung. Darüber, wie das Kölner Publikum die Mannschaft trotz der Misere unterstützte, trotz der verbalen Zündeleien aus dem Lager der Ultras. Wie das Abenteuer Europa die "magische Nacht von Müngersdorf", das 5:2 gegen Bate Borisov, brachte. Und das nicht für möglich gehaltene 1:0 gegen Arsenal London. Wie die Kölner Spieler immer wieder sichtbar machten, wie sehr ihnen die Situation zu Herzen geht - und es nun mit ihren vertraglichen Bekenntnissen zum Klub auch schriftlich machen.

Es ist bemerkenswert, wie die Profis mit der prekären Situation umgehen. Marco Höger war der erste, der auch für den Abstiegsfall seinen Verbleib in Köln ankündigte. Es folgten Jonas Hector, respektierter Nationalspieler und aller Voraussicht nach WM-Teilnehmer, sowie Torhüter Timo Horn. Die mannschaftliche Struktur, die Ex-Trainer Peter Stöger und Schmadtke geschaffen und hinterlassen haben, funktioniert. Aber jeder Kitt verschwindet bei fehlender Pflege irgendwann: Hector und Horn wandelten ihre Ausstiegsklauseln für den Abstiegsfall in welche für einen Nichtaufstieg um. Sie haben dadurch kaum etwas zu verlieren. Der Klub aber weiterhin viel.

Die Verblendung, die sich im Mai 2017 durch die Jubelschreie über die Spiele in Europa deutlich ausdrückte, hat sich im Verlaufe der Saison gewandelt und einen anderen Klang bekommen: es sind nun die großen Emotionen, das Gefasel vom besonderen Klub und der Herzensangelegenheit durch die Spieler, die stehenden Ovationen auf den Tribünen in Müngersdorf nach dem 2:2 gegen Schalke, das "En unsrem Veedel"-Singen der Kölner Fans für die Mannschaft nach der Niederlage in Freiburg. Die Tatsache bleibt bestehen: Der FC hätte sich trotz der desaströsen Hinrunde retten können, die Spiele dazu waren da, die Möglichkeiten zahlreich. Die Mannschaft vergab sie.

Kein Trümmerhaufen

Ginge es dem FC finanziell nicht so gut, drohte der Mannschaft das Gleiche wie beim vorherigen Abstieg im Jahr 2012: Ein Neustart als Trümmerhaufen. Zwar wird diesmal die ultimative sportliche Krise eines Bundesligisten - der Abstieg - in Köln nicht zur Implosion des Teams führen. Das kann sich jedoch schnell ändern, wenn die Verantwortlichen die Fehler der Vorsaison wiederholen. Die Gefahr ist wie bei allen anderen Absteigern, dass der Klub auf Dauer in den unteren Ligen verschwindet. Trotz all der Emotionen braucht Profisport vernünftige Planung, sonst bleibt der Erfolg auch langfristig aus. Zu häufig wurde dies in der Kölner Vergangenheit vergessen, etwa unter Ex-Manager und "Elitäre Arroganz"-Schuldenkönig Michael Meier.

Trotz der fragwürdigen Transfers, trotz des Videoschiedsrichters, trotz des Verletzungspechs, der guten finanziellen Situation und der Bekenntnisse von Stammspielern zum Verein: Köln ist als Tabellenletzter abgestiegen. Doch die erneute Verblendung beginnt genau jetzt: Der FC muss dies gezielt verhindern, die Situation analysieren und mit umsichtiger Kaderplanung vorsorgen. Der Vorstand muss höchst aufmerksam bleiben. Der neue Trainer Markus Anfang muss einen Draht zu seinem Team finden. Dann könnte der FC das erneute Intermezzo in Liga zwei in einem Jahr als Betriebsunfall verzeichnen.

Quelle: n-tv.de

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