55 Jahre Bundesliga

Redelings über die Saison 02/03 75.000 Euro für eine Telefonnummer

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Zehn Spiele für Kaiserslautern: Taribo West.

Die Fußball-Bundesliga wird immer irrer. Der 1. FC Kaiserslautern zahlt eine hohe fünfstellige Summe für die Telefonnummer eines Spielerberaters. Zudem legt der Aufsichtsratsvorsitzende einen legendären Auftritt im "Doppelpass" hin.

Haste mal die Telefonnummer? Viel mehr als ein schneller Blick und ein Lächeln kostet Spielerberater Wolfgang Fahrian die Aktion nicht - den 1. FC Kaiserslautern aber 75.000 Euro. So viel soll Jürgen Friedrich, der Klub-Präsident, Fahrian für die Nummer des Beraters Basilevic gezahlt haben, der den Spieler Taribo West vertritt. Eine stolze Summe, die nicht nur zeigt, in welchen finanziellen Dimensionen in der Fußball-Bundesliga gedacht werden muss, sondern auch, welch ein Irrsinn sich hinter den Kulissen abspielt. West kommt übrigens tatsächlich nach Kaiserslautern, läuft aber nur ganze zehnmal für den Verein auf.

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Ein Kampf um den Titel fällt in dieser Saison aus. Der FC Bayern dominiert die Liga und feiert bereits am 30. Spieltag die Meisterschaft. Bayer 04 Leverkusen hingegen erlebt eine absolute Horrorspielzeit. Nach den drei verlorenen Titeln innerhalb von nur elf Tagen der Vorsaison gelingt es Trainer Klaus Toppmöller nicht, sein Team für die neue Spielzeit aus dem tiefen psychologischen Tal zu holen. Doch erst nach seiner Entlassung im Frühjahr geht es in Leverkusen endgültig drunter und drüber. Mitte Februar wird Thomas Hörster der Nachfolger von Toppmöller auf der Bank. Eine interne Lösung, die alsbald schon als ein Fehler gilt. Man hat schnell große Zweifel, ob Hörster der richtige Mann ist. Jürgen Kohler erinnert sich in diesen schweren Stunden an seinen alten Trainer und väterlichen Freund Udo Lattek, doch der sagt "aus gesundheitlichen Gründen" ab. Und so bleibt Hörster - vorerst.

"Den Trainer muss man erschießen"

Und dann ist die Zeit als Trainer von Bayer Leverkusen für Hörster doch vorbei. Nach der 1:4-Pleite beim Hamburger SV am 32. Spieltag gesteht er ein, er habe "keine Hoffnung mehr und nach dieser Leistung aufgegeben". Für Lattek das Todesurteil: "Wenn ein Trainer so etwas sagt, muss man ihn nicht entlassen, sondern erschießen." Stattdessen wird der kurz zuvor in Nürnberg entlassene ehemalige Nationalspieler und Weltmeister Klaus Augenthaler verpflichtet.

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Willkommen in Leverkusen: Klaus Augenthaler, hier mit Reiner Calmund.

Bevor dieser mit den üblichen Abstiegskampfphrasen ("Ich will keine wunderschönen Solo-Auftritte sehen, ich will Kampf sehen") die Mannschaft zu zwei Siegen in den letzten zwei Partien treibt, hat Bernd Schneider noch ein Hühnchen mit Lattek zu rupfen. Der hatte dem Bayerprofi vorgeworfen, seinen Platzverweis in Hamburg provoziert zu haben, um nicht im Abstiegskampf dabei zu sein. Schneider kontert: "Eine Unverschämtheit. Jeder weiß, dass ich so etwas nie tun würde. Aber es war ja schon nach elf Uhr morgens, da wird Lattek schon genug getrunken haben."

Einen dramatischen Absturz erfährt der 1. FC Nürnberg, zwischenzeitlich im gesicherten Mittelfeld platziert. Bis zum 25. Spieltag holen die Clubberer nur 25 Punkte, am Ende sind es 30. Sie steigen ebenso ab wie Energie Cottbus. Da fällt es schwer, seinen Humor zu bewahren. Dem Nürnberger Stadionsprecher gelingt dies trotzdem. Nach der 0:3-Niederlage gegen Hertha BSC sagt er: "Es ist eine Dauerkarte gefunden worden. Der Besitzer, falls er sie nicht absichtlich weggeschmissen hat, kann sich bei der Stadionaufsicht melden."

"Die notwendige Delikatess wahren"

Und dann noch dieser legendäre Auftritt: "Ich bin ja einverstanden, wenn Sie Ihren Spaß haben", sagt am Mittag des 18. August der sichtlich irritierte Aufsichtsratsvorsitzende des 1. FC Kaiserslautern, Robert Wieschemann, beim "DSF-Doppelpass". Es ist ein denkwürdiger Vormittag für ein Millionenpublikum vor den Fernsehern. Als Moderator Rudi Brückner verkündet, er wolle den Trainer der Pfälzer, Andi Brehme, gar nicht zitieren, es schließlich aber doch tut und berichtet, dass dieser über Wieschemann gesagt habe, der erzähle sowieso nur dummes Zeug und habe keine Ahnung, geht ein erstauntes Raunen durchs Publikum.

Wieschemann ist sichtlich nervös, verwechselt Wörter, erfindet einige Wörter komplett neu und wirkt die ganze Zeit über seltsam fahrig. Er sagt Sätze wie diesen: "Man muss hier die notwendige Delikatess wahren." Legendär auch folgende Ausschnitte des Gesprächs: "Wir brauchen Klose überhaupt nicht zu vergeben. Also, der ist bei uns in sicheren Tüchern", und: "Die Sprachlosigkeit von Andi Brehme ist eine Gesundung, nee, Entschuldigung, ist eine Fehlerhaftigkeit im Sein." Als Wieschemann schließlich zugab: "Wir haben eine anormale Satzung", konterte Karl-Heinz Feldkamp: "Von dir ausgearbeitet", und Wieschemann bestätigte treuherzig: "Ja, von mir ausgearbeitet!"

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Quelle: n-tv.de

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