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Das "Feindbild FC Bayern" entsteht.
Das "Feindbild FC Bayern" entsteht.(Foto: imago/WEREK)
Samstag, 30. Dezember 2017

Redelings über die Saison 86/87: Wie der FC Bayern zum Feind wurde

Von Ben Redelings

Nun sind sie der alleinige Rekordmeister – und die Liga nervt die Langeweile. Uli Hoeneß spricht erstmals vom "Feindbild FC Bayern" und prahlt auf Kosten der anderen. Und ganz nebenbei entdeckt die Showbranche den Fußball für sich.

Und der Gewinner ist … Bayern München! Zum dritten Mal in Folge und zum zehnten Mal insgesamt werden die Münchner Deutscher Meister. Sie dürfen sich von nun an alleiniger Rekordmeister nennen.

Toni Schumacher (l.), Entertainment auf zwei Beinen.
Toni Schumacher (l.), Entertainment auf zwei Beinen.

Der FC Bayern München schwimmt wahrhaft auf einer Erfolgswelle. Meisterschaft um Meisterschaft wird eingefahren, und langsam droht es ob der Dominanz der Münchner etwas öde in der Bundesliga zu werden. Nach dem 1:1 der Bayern in Bremen ruft Werder-Trainer Otto Rehhagel deshalb der Liga verzweifelt zu: "Schlagt die Bayern, stoppt die Langeweile!" Das bedeutet im Grunde nichts anderes als: alle gegen die Lederhosen! Münchens Manager Uli Hoeneß sieht das neue Motto der Liga allerdings sehr gelassen: "Wir haben dieses Feindbild nicht selbst gemacht. Das haben andere aufgebaut, ganz bewusst. Aber wir leben nicht schlecht mit diesem Image. Das Schlimmste, was uns passieren könnte, wäre, wenn uns plötzlich alle lieben würden." Stolz fügt Hoeneß noch hinzu: "Es gibt wohl keinen Schalke-Fan in München-Großhadern, aber Hunderte von Bayern-Fans in Gelsenkirchen!"

Reden läuft besser als Fußballspielen

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Der BVB spielt eine Top-Saison – und das nach einer Relegation gegen Fortuna Köln, die spannender nicht hätte verlaufen können. Doch gerade dieses psychologische Moment scheint für den Höhenflug verantwortlich zu sein, wie Michael Zorc erklärt: "Es war das Relegationsspiel des vergangenen Jahres, jenes 3:1 von Wegmann in der letzten Minute. Das haben wir immer noch in Erinnerung. Es kommt ja auch nicht von ungefähr, dass wir auf das Tor vor der Südtribüne besser spielen und mehr Treffer erzielen. Dort fiel auch damals der Wegmann-Treffer. Dort stehen unsere treuesten Fans." Warum Blau-Weiß 90 Berlin absteigen muss, weiß Torwart Reinhard Mager schon zur Halbserie: "Bei uns sind einige Spieler, die haben den Professorentitel im Reden verdient. Im Spiel kommt dann aber nur ein solches Gekicke heraus."

Das Ding ist legendär. Am ersten Spieltag der Saison treffen Bayern München und Borussia Dortmund im Olympiastadion (2:2) aufeinander. Neu-Borusse Frank Mill macht ein großartiges Spiel an diesem Tag. Ihm gelingt fast alles. Vielleicht ist das auch der Grund, warum er in dieser Partie plötzlich etwas übermütig wird. Alleine läuft er auf das Bayern-Tor zu, hat Pfaff schon ausgespielt und muss nur noch nach innen ziehen und das Leder im Kasten unterbringen. Doch dazu kommt es nicht. Frank Mill erinnert sich: "Auf einmal lag der Ball genau zwischen meinen Beinen. Ich konnte ihn nicht mehr richtig kontrollieren. Pfaff kam wieder herangestürmt. Ich musste abschließen. Und so kam dieser Kunststoß zustande. Statt den Ball zu versenken, schoss ich ihn tatsächlich an den kurzen Pfosten. Unfassbar. Es war die Lachnummer schlechthin."

"Ich dachte, ich gucke nicht richtig"

Bis heute wurde die Szene unzählige Male im Fernsehen wiederholt. Die Reaktionen sind immer die gleichen. Weltweit. Der Dortmunder: "In der Winterpause war ich mit meiner Frau im Urlaub in San Francisco. Da lief eine Fernsehsendung mit sportlichen Kuriositäten, wie einer einen Basketballkorb abreißt und solche Sachen. Und plötzlich läuft da mein Klopper. Ich dachte, ich gucke nicht richtig!"

Medienmogul Hans R. Beierlein hat seine Hände nach der Bundesliga ausgestreckt und schon genaue Pläne, was zu tun ist: "Sehen Sie sich doch einmal diesen prachtvollen Toni Schumacher an! Der ist doch eine Figur, die regelrecht nach Entertainment schreit. Das ist nicht nur ein schlagfertiger Junge. Der hat auch Humor – und er ist ein Frauentyp. An den müsste einfach einer rangehen und etwas draus machen; nach dem Motto: Fußball ist Entertainment!" Der "Medien-Zar" möchte die Bundesliga zu einem angemessenen Preis verkaufen. Dazu muss er das Selbstverständnis der Liga erst einmal ändern: "Theater, Musik und Fußball – alles ist Show. Zwischen Madonna und Maradona ist kein Unterschied. Warum sollte man nicht aus einem Olaf Thon einen Ober-Thon oder einem Uwe Rahn einen Ober-Rahn machen. Die Jungs müssen professionell gemanagt werden, das fehlt dem Fußball."

Kuriosität der Saison: Vor der Bundesligapartie Borussia Dortmund gegen den Hamburger SV sind Unbekannte ins Westfalenstadion eingebrochen und haben auf den Rasen den folgenden Satz geschrieben: "Boykottiert und sabotiert die Volkszählung". Unmöglich, den mit weißer Lackfarbe aufgetragenen Schriftzug bis zum Anpfiff noch zu entfernen. Man erwägt eine Absage des Spiels. Bis Dortmundern Offiziellen ein genialer Einfall kommt. Sofort engagieren sie einen Maler und machen sich an die Arbeit. Nach wenigen Stunden steht auf dem Rasen des Westfalenstadions der Satz: "Der Bundespräsident: Boykottiert und sabotiert die Volkszählung nicht."

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Quelle: n-tv.de