Fußball

Mit Bayern-Wechsel verpokert? Alexander Nübel überfordert sich selbst

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Hat er sich verzockt oder geht die Rechnung auf?

(Foto: imago images/Pakusch)

Nach nur einem Jahr im Tor des FC Schalke 04 wechselt Alexander Nübel im Sommer zum FC Bayern und reiht sich dort hinter Manuel Neuer ein. Vorerst, lautet seine Kampfansage. Damit wandelt er auf einem sehr schmalen Grat.

Es ist ein harmloser Schuss. Nach einem feinen Solo gegen ziemlich viele Schalker bringt Florian Kainz den Ball aufs Tor. Aus spitzem Winkel. Und mit den besten Grüßen. Besonders erfolgversprechend ist das allerdings nicht, was der Kölner sich da aus dem Fuß schraubt. Aber was soll's, drin ist drin. Verantwortlich für das 3:0 am 24. Spieltag der Fußball-Bundesliga ist allerdings weniger der Österreicher des 1. FC Köln als vielmehr der Schalker Torwart Alexander Nübel. Es ist ein fataler Fehlgriff in der 75. Spielminute, auch wenn die Partie schon vorher entschieden war. Patzer gibt es in der Bundesliga immer wieder: Diese Nübel'sche Unsicherheit bedeutete aber weit mehr als die sonstigen Torwartfehler.

Dieses Kainz-Schüsschen und die Nübel-Unsicherheit beim Abwehrversuch sind beinahe sinnbildlich für die Entwicklung des 23-Jährigen Schalker Keepers. Das hoffnungsvolle Talent, das sich bereit fühlt, in München Manuel Neuer perspektivisch anzugreifen, wird bei seinem derzeitigen Arbeitgeber degradiert. Von der Stammkraft zum Ersatzmann. So entsteht in der Öffentlichkeit das Bild eines forschen Keepers, der sich mit allzu lauten Ansagen selbst überfordert. Es entsteht das Bild eines Keepers, der sich verpokert hat. Mit seiner Idee, im Sommer ablösefrei zum FC Bayern zu wechseln und dort mittelfristig die Nummer eins zu werden.

Der Aufstieg Nübels ging schnell. 2015 wechselte er vom SC Paderborn in Schalkes zweite Mannschaft, setzte sich dann 2019 bei den Profis durch. Noch schneller wurde er trotz seines jungen Alters Kapitän, Liebling der Fans - und ins deutsche U21-Team berufen. Der Weg nach oben, er wirkte unaufhaltsam. Im Frühjahr 2020 ist aber alles anders. Der Stammplatz ist weg, und der Neustart in München droht sehr zäh zu werden. Trainer Hansi Flick, der in den Transfer von Nübel nicht involviert war, erklärte im März via "Sport Bild" erst: "Es weiß jeder, was ich von Manuel halte. Er ist für mich der mit Abstand beste Torwart der Welt. Deshalb gibt es dazu für mich keine Alternative." Nübel bescheinigte der 55-Jährige auf Nachfrage lediglich, "ein junger, talentierter Torhüter" zu sein. Und auch Vorstandsneuling Oliver Kahn sieht das ähnlich: „Mit Alexander Nübel bekommen wir einen hochtalentierten Torwart, der die Möglichkeit besitzt, sich hinter Manuel Neuer zu entwickeln und zu lernen.“

"Kann den Wechsel nicht nachvollziehen"

Hat sich Nübel mit seinem Wechsel zu den Bayern also wirklich verzockt? Warum zieht es eines der größten Torwarttalente Europas vor, Ersatzmann in München zu sein, statt zu einem Klub zu wechseln (oder beim S04 zu bleiben), bei dem er auch regelmäßig spielt? Der Ex-Schalker Torwart Timon Wellenreuther zumindest zeigt wenig Verständnis für diese Entscheidung. "Wenn ich weiß, dass Manuel Neuer da die Nummer eins ist, würde ich persönlich da nicht hin wechseln. Das kann ich nicht nachvollziehen", sagte der 24-Jährige, der mittlerweile beim niederländischen Erstligisten Willem II Tiburg spielt, gegenüber den Sportinformationsdienst. Er kennt die Situation auf Schalke: Als Top-Talent ersetzte er mit 19 Jahren den verletzten Stammkeeper Ralf Fährmann auf Schalke, konnte sich dann aber nicht durchsetzen. Nur zehn Spiele und einige Patzer später wurde er erst nach Mallorca verliehen und dann endgültig verkauft.

Auch die Expertenrunde im Sport1-Doppelpass haderte am vergangenen Sonntag noch einmal mit Nübels Entscheidung. "Den Wechsel verstehe ich nach wie vor nicht. Jetzt zu den Bayern zu kommen und den Anspruch haben zu spielen? Ich meine, da steht immer noch Manuel Neuer", wunderte sich zum Beispiel Stefan Effenberg. Er glaubt fest daran, dass die Bayern "mit Manuel Neuer in die nächsten Jahre gehen." Tatsächlich laufen derzeit Gespräche, dabei geht es vor allem um die Laufzeit. Die Münchner wollen bis 2023 verlängern, Neuer bis 2025. Genauso lange steht allerdings auch Nübel unter Vertrag. Ein Horrorszenario für das Talent, auch wenn sein Berater betont, dass die Verhandlungen für Nübel nicht wichtig seien.

Es geht für Nübel nicht nur um die Nummer eins

Effenberg geht derweil noch einen Schritt weiter. "Ich würde auch keinen Sven Ulreich opfern. Er ist seit Jahren ein perfekter zweiter Torwart. Den musst du doch halten." Ulreich gibt bei Bayern tatsächlich die perfekte Nummer zwei, agiert in fast allen Auftritten als Ersatz konstant und wurde zwischenzeitlich sogar als Rückhalt für das DFB-Team gehandelt. Die Leistung und der zurückhaltende Anspruch bleiben auch vom neuen Chefcoach nicht unbemerkt: "Was Sven Ulreich leistet, ist sensationell. Er gibt in jedem Training hundert Prozent und ist ein Vorbild für alle, die hinten dran stehen", lobte Flick. Effenberg wähnt Nübel deshalb auch nicht zwingend als Nummer zwei: "Man muss gucken, was man mit Nübel macht. Dann musst du ihn womöglich für ein, zwei Jahre woanders parken." Und so geht's für den Schalker womöglich nicht einmal mehr nur um den Platz als Nummer eins.

Dabei gilt Nübel nicht zu Unrecht als Top-Talent. Er ist in der Lage, unter Gegendruck genaue Pässe zu spielen und dadurch die Rolle des ersten Aufbauspielers seines Teams auszufüllen. Genauso, wie es bei den Bayern spätestens seit Neuer gewünscht ist. Dass Nübel die Anlagen für einen Weltklasse-Torhüter hat, ist unumstritten. Auch U-21-Torwarttrainer Klaus Thomforde schwärmt: "Er zeigt einfach seine Klasse." Das findet auch Marc Ziegler, früher Bundesliga-Keeper in Stuttgart und Dortmund und derzeit Torwart-Koordinator beim Deutschen Fußball-Bund: "Alex hat in seiner Karriere bereits gezeigt, dass er auf Knopfdruck funktionieren kann. Diese Gabe, die er sowohl bei Schalke als auch in der U21 gezeigt hat, wird ihn auch in Zukunft weiterbringen."

Doch bisher ist er nicht konstant genug. Zu häufig lässt er wie gegen Köln ungefährliche Schüsse durchrutschen oder agiert vor dem Tor zu risikoreich, gesehen zum Beispiel bei seinem Kung-Fu Tritt gegen Frankfurts Mija Gacinovic. Schalke hat bei der Beförderung Nübels in den Profi-Kader solche Fehler aufgrund seiner Unerfahrenheit eingeplant und geduldet - beim FC Bayern ist dafür kein Platz.

Quelle: ntv.de

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