Fußball

Redelings über eine Schiri-Legende Als sich Genscher um Eschweiler sorgte

imago17426798h.jpg

Die deutsche Schiedsrichter-Eiche Walter Eschweiler (hinten r.) feiert 2015 seinen 80. Geburtstag.

(Foto: imago/MIS)

Egal, ob die "Pfeife der Nation" von einem Orang-Utan umgerannt wird, ihn die Frau von Willi Lippens betrügt oder er mit Reporter Heribert Faßbender Fachgespräche über Make-up führt – Walter Eschweiler ist einfach höchst amüsant.

Wer Walter Eschweiler noch nie live erlebt hat, der hat etwas verpasst. Die Schiedsrichter-Legende aus Bonn ist der Grandseigneur des gepflegten Herrenwitzes und ein Alleinunterhalter par excellence. In diesem Jahr wird er 80 Jahre jung. Unsterblich ist er spätestens seit seinem bühnenreifen Auftritt bei der Weltmeisterschaft 1982 in Spanien.

Ben_Redelings_rot2_Credit_Foto_Sascha_Kreklau.JPG

Ben Redelings.

(Foto: Sascha Kreklau)

Damals wurde die selbsternannte "Pfeife der Nation" vom peruanischen Spieler Velasquez, "mit einer Figur wie ein Orang-Utan" (Eschweiler), über den Haufen gelaufen. Der rheinische Diplomat Eschweiler machte eine Rolle rückwärts, fasste sich an seine Zähne und blieb für einen Moment benommen am Boden sitzen. Anschließend rappelte er sich wieder auf, suchte auf dem Rasen schnell seine "Buchhaltung zusammen" und stand kurz danach kerzengrade auf dem Platz. "Eine deutsche Eiche wankt, aber sie fällt nicht", meinte Eschweiler hinterher. Und außerdem habe er sich beeilen müssen, da eine Ärztin auf den Platz gelaufen sei, die sich ihm mit den Worten "Hello, I'm a doctor for animals" vorgestellt habe. Das hätte ihn dann doch etwas verwirrt.

"Fußball ist nicht das Wichtigste"

Ben Redelings, Jahrgang 1975, sagt: "Ich lese eigentlich alles, was es zur Bundesliga gibt." Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und kümmert sich seit 15 Jahren hauptberuflich um alles, was mit Fußball zu tun hat. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er alle zwei Wochen mittwochs die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Ganz nach dem Motto eines seiner zahlreichen Bücher: "Fußball ist nicht das Wichtigste im Leben - es ist das Einzige."

Den Beamten im diplomatischen Dienst erwartete schließlich in der Halbzeitpause sein Chef via Spezial-Funke. Außenminister Hans-Dietrich Genscher fragte Eschweiler hörbar besorgt, wie es ihm denn nach seiner kurzen Ohnmacht gehe. Die rheinische Frohnatur konnte Genscher allerdings schnell beruhigen: "Lieber Herr Minister, außer dem angeborenen Dachschaden liegt keine nennenswerte Beschädigung vor." Genscher soll nach diesen Worten nicht mehr viel erwidert haben.

"Ach, Ben Redelings ..."

Ich kann das gut nachempfinden. Telefonate mit Walter Eschweiler treiben einen regelmäßig in die Sprachlosigkeit. Als ich mit ihm vor einiger Zeit einmal einige Formalitäten wegen eines gemeinsamen Abends besprechen wollte, begrüßte er mich mit den Worten: "Ach, Ben Redelings, mein reicher Freund aus Bochum!" Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn es damals nicht erst unser zweites Gespräch gewesen wäre und ich mir ziemlich sicher war, dass wir zuvor nie über meinen Kontostand gesprochen hatten. Ein paar Wochen später begrüßte er mich mit dem schönen Satz: "Ah, Ben Redelings, der meistgesuchte Mann von Interpol!" Obwohl ich von einem Freund vorgewarnt war, dass diese Begrüßung eines Tages kommen würde, hatte ich keine passende Antwort darauf parat.

imago17444978h.jpg

Von Eschweilers Schlagfertigkeit träumen Boxer.

(Foto: imago/Future Image)

Auch als er mitten im Gespräch – Eschweiler kam gerade von der WM-Auslosung aus Brasilien – meinte, "Ich habe Ihnen übrigens, wie gewünscht, den Tanga für Ihre Gattin mitgebracht. Das gleiche Modell, das der Franz Beckenbauer auch genommen hat!", wusste ich nichts zu erwidern. Ich war einfach nur sprachlos. Aber das geht Gott sei Dank nicht nur mir und Hans-Dietrich Genscher so.

Im März 2013 war Walter Eschweiler als Gast beim 10. Internationalen Fußballfilmfestival in Berlin eingeladen. Die Moderation hatte an diesem Abend der wunderbare Heribert "'n Abend allerseits" Faßbender übernommen. Ein Mann, den ich aufgrund seines Sprachwitzes sehr schätze. Sein berühmtes Zitat, das er bei einem Uefa-Pokal-Spiel des 1. FC Köln in Frankreich anbrachte, halte ich übrigens für einen der schönsten Kommentatoren-Sprüche überhaupt: "Toulouse or not to lose, das ist hier die Frage. Verzeihen Sie mir diesen kleinen Kalauer!"

Wenn die Schwalbe noch nicht richtig sitzt

Wie dem auch sei – die Veranstalter des Festivals hatten einen feinen, aber entscheidenden Kardinalfehler begangen. Als Walter Eschweiler auf die Bühne kam, gab man ihm ein eigenes Mikrofon. Das hätte nicht passieren dürfen. Das wusste auch Heribert Faßbender.

Anfangs lief jedoch alles wider Erwarten wunderbar und sehr geordnet. Die beiden spielten sich, sehr zum Amüsement des Publikums, die Bälle gekonnt zu. Eschweiler erzählte unter anderem die schöne Anekdote vom Frankfurter Bernd Hölzenbein, der direkt nach der WM 1974 meinte, auch in den Strafräumen der Bundesliga Selbstversuche mit der Schwerkraft unternehmen zu müssen. Doch nicht mit Walter Eschweiler. Als Hölzenbein eines Tages im gegnerischen Strafraum fiel, eilte der Bonner Schiri umgehend zum gestürzten Eintracht-Profi und beugte sich zu ihm hinunter: "Bernd, stehen Sie schnell wieder auf. Das sitzt noch nicht richtig, das müssen wir noch einmal üben!" Das Publikum war begeistert.

Zum Abschluss des Bühnenaufenthalts des "wunderbaren Gastes" kündigte Heribert Faßbender einen dreiminütigen Film über Eschweiler an, weil man ja nicht unbedingt davon ausgehen könne, dass die anwesende junge Generation ihn je in Aktion gesehen habe. Im Kinosaal wurde langsam das Licht gedämmt. Stille. Plötzlich hörten wir alle gemeinsam in die Dunkelheit hinein die Stimme von Walter Eschweiler. Sanft sprach er in sein Mikrofon: "Heribert, habe ich dir eigentlich schon gesagt, dass du heute wieder fantastisch aussiehst?!"

"Heribert, hast du Make-up aufgetragen?"

Im Saal schauten sich die Sitznachbarn irritiert an. Unmittelbar bevor der Film nun endlich begann, sagte Eschweiler zu Faßbender: "Sag mal, Heribert, hast du Make-up aufgetragen? Deine Wangenknochen leuchten ja selbst in der Dunkelheit!" Danach wieder Stille. Der Film begann und im Saal: große Sprachlosigkeit!

Als ich damals dort im Berliner Kino Babylon saß, grinste ich glücklich vor mich hin. Ich hatte endlich den Grandseigneur des gepflegten Herrenwitzes live erleben dürfen. Und alles, was ich bisher über ihn gehört hatte, schien wahr zu sein. Auch der berühmte Satz, den Eschweiler Mitte der 1970er-Jahre während eines laufenden Bundesligaspiels zur RWE-Legende Willi "Ente" Lippens gerufen haben soll: "Wilhelm, ich glaub, deine Frau betrügt uns!"

Der selbernannte "Ententainer" Willi Lippens soll übrigens damals ebenfalls sprachlos gewesen sein. Heute allerdings erzählt er diese und andere Geschichten von Walter Eschweiler gerne, wortreich und immer mit leuchtenden Augen!

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema