Fußball

Schmelzer kritisiert Tuchel BVB feiert Pokalsieg - und gibt Rätsel auf

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Die Freude auf diesem Bild dürfte trotz aller Spannungen echt sein.

(Foto: imago/Avanti)

Dortmund besiegt wackere Frankfurter, gewinnt den DFB-Pokal - und ist erleichtert. Einer ist dennoch knatschig. Im Fokus steht Trainer Thomas Tuchel, obwohl er das gar nicht will. Beim Pokerspiel um seine Zukunft gibt er sich arglos.

E. Frankfurt - Bor. Dortmund 1:2 (1:1)

Tore: 0:1 Dembele (8.), 1:1 Rebic (29.), 1:2 Aubameyang (67., Foulelfmeter)

Frankfurt: Hradecky - Hector, Abraham, Vallejo -  Chandler (72. Meier), Medojevic (56. Tawatha), Gacinovic, Oczipka -  Fabián (79. Blum) - Seferovic, Rebic
Dortmund: Bürki - Bartra (76. Durm), Sokratis, Schmelzer (46.  Castro) - Piszczek, Ginter, Guerreiro - Dembélé, Kagawa -  Aubameyang, Reus (46. Pulisic)
Schiedsrichter: Aytekin
Zuschauer: 74.322 (ausverkauft)

Er mag das nicht, wenn er im Mittelpunkt steht. "Mir ist es tatsächlich ein bisschen unangenehm, da vor der Kurve zu stehen. Wenn ich versuchen würde, die Rampensau zu geben, würde das schrecklich ungelenk wirken." Aber dennoch, ja: "Das ist mit Sicherheit einer der schönsten Tage in meinem Trainerleben." Das wiederum ist wenig verwunderlich, hat Thomas Tuchel doch mit seiner Dortmunder Borussia an diesem Samstagabend vor 74.322 Zuschauern im ausverkauften Berliner Olympiastadion den DFB-Pokal und mithin den ersten Titel seiner Karriere gewonnen. Mit 2:1 (1:1) und den Toren von Ousmane Dembelé in der achten und Pierre-Emerick Aubameyang in der 67. Minute bei einem Gegentor von Ante Rebic (29.) besiegte der BVB die wackere Frankfurter Eintracht - und war vor allem erleichtert.

Der Coup war den Dortmundern nämlich schon im Halbfinale gelungen, als sie beim FC Bayern mit 3:2 gewannen. Nun galt es, das Ding nach Hause zu schaukeln, was ihnen letztlich auch einigermaßen verdient gelang. Im vierten Anlauf also hat es nun geklappt, nachdem sie die Endspiele der Jahre 2016, 2015 und 2014 verloren hatten. Das Seltsame am BVB des Jahres 2017 ist, dass er zwar Erfolg hat, sich aber nach zwei Jahren von seinem Trainer trennen will. Zumindest vermuten das alle. Wie das zusammenpasst, wissen sie mutmaßlich selbst nicht so genau. Oder sie sagen es nicht. Jedenfalls muss es etwas Ernstes sein, denn sportlich läuft es ja. Wie angekündigt wird Tuchel in der kommenden Woche mit seinen Chefs sprechen: "Was dabei herauskommt, kann ich nicht sagen." Nur so viel: Er trainiere diese Mannschaft gerne.

Der Sieg im Pokalfinale bildete nach Platz drei in der Bundesliga und der direkten Qualifikation für die Champions League den Abschluss einer Saison, die alles andere als normal war und die vor allem deshalb in Erinnerung bleiben wird, weil am 11. April jemand versucht hat, die Spieler und ihren Trainer mit drei Bomben zu töten. Danach stritten der Trainer und Klubchef Hans-Joachim Watzke mehr oder weniger öffentlich darüber, ob es nun richtig war, nur einen Tag nach dem Anschlag gegen die AS Monaco im Viertelfinale der europäischen Königsklasse anzutreten. Watzke sagte ja, Tuchel sehr deutlich nein. Und wie steht es nun um seine berufliche Zukunft? "Ich habe einen Vertrag und möchte den erfüllen." Er sei nicht naiv, schätze die Gespräche aber, wie er sagte, als "mindestens ergebnisoffen" ein. Fortsetzung folgt, nun sind Watzke und Manager Michael Zorc am Zug. Bis dahin dürfen sich die Exegeten darüber streiten, wie innig nun die Umarmung zwischen Tuchel und Watzke nach dem Schlusspfiff in Berlin war.

Sahin will es gar nicht wissen

Unstrittig einer der knatschigsten Dortmunder war hinterher Nuri Sahin. Der hatte damit gerechnet, nach dem Ausfall Julian Weigls auf jeden Fall in der Startelf zu stehen und den Part des Sechsers im defensiven Mittelfeld zu übernehmen - schaffte es dann aber zu seiner Überraschung nicht einmal in den Kader für dieses Finale. Tuchel hatte das in der ARD so begründet: "Wir haben uns für mehr Kopfballstärke und Körperlichkeit entschieden, weil wir mit vielen hohen Bällen rechnen."

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Durfte am Ende den Pokal hochhalten, obwohl er Sahin (nicht im Bild) nicht mitspielen ließ: Thomas Tuchel

(Foto: imago/DeFodi)

Das war offenbar eine einsame Entscheidung des Trainers. Kapitän Marcel Schmelzer, der den Fans als Erster den Pokal präsentieren durfte, sagte hinterher: "Mich hat es sehr geschockt, weil ich es einfach nicht verstehe." Schließlich sei Sahin der logische Ersatz für Weigl: "Deshalb hat es mich sehr überrascht, dass Nuri nicht gespielt hat und auch gar nicht im Kader war. Wir wissen alle, welche Qualitäten Nuri hat. Er ruft sie immer ab." Auch Marco Reus, der mit fast 28 Jahren den ersten Titel seiner Profikarriere gewann, zur Halbzeit allerdings verletzt ausgewechselt werden musste, gab zu Protokoll: "Wir waren darüber sehr überrascht." Das war vor allem deshalb interessant, weil Tuchel in der Pressekonferenz noch gesagt hatte, so ein Erfolg sei nur möglich, "wenn die Mannschaft dem Trainer vertraut und der Trainer der Mannschaft". Sahin selbst sagte in der ARD: "Ich möchte nicht mehr darüber reden, sonst - egal."

Nun ist es im Sport allerdings so, dass derjenige, der gewinnt, nun einmal Recht hat. Und das war Tuchel. Der Abend begann damit, dass sich die Fans der SGE in der Ostkurve, dort, wo sonst die Anhänger der Hertha stehen, sich vor dem Anpfiff einstimmten: "Fußballmafia DFB." Und zusammen mit den Kollegen des BVB im Westen des Olympiastadions brachten sie in friedlicher Eintracht gar einen Wechselgesang zustande: "Scheiß DFB." So viel Einigkeit ist selten. Wobei: Das war’s auch mit den Gemeinsamkeiten. Auf dem Rasen ließen die Dortmunder zunächst keinen Zweifel daran, wer hier als Favorit gehandelt wurde und sich augenscheinlich auch so fühlte.

Selbst der Fußballgott hilft Frankfurt nicht

Nach acht Minuten und energischem Beginn schoss Dembelé das Tuchel’sche Team mit einem Treffer aus der Kategorie Sahnetor in Führung. Erst tanzte er Frankfurts Verteidiger Jesus Vallejo aus, dann traf er von der rechten Ecke des Fünfmeterraums zur Führung. Der Eintracht, so schien es, drohte ein Debakel. Doch nachdem Rebic nach einer knappen halben Stunde nach einem schönen Pass des Kollegen Mijat Gacinovic mit einem aus elf Metern links versetzt frei vor Dortmunds Torwächter Roman Bürki das 1:1 erzielt hatte, war schnell klar: Das wird für den BVB doch nicht ganz so einfach. Es war ein Treffer, der die ohnehin schon enthusiasmierten Eintrachtfans nahezu zur Ekstase trieb. Danach bejubelten sie völlig losgelöst jeden halbwegs gelungenen Querpass ihrer Mannschaft, als sei der Pokalsieg bereits ihrer. Sehr schön auch die Choreographie mit den schwarz-weißen Fähnchen, mit denen sie abwechselnd wedelten; erst der untere, zentrale Block in der Ostkurve, dann die Blöcke drumherum.

Was passiert wäre, hätte Haris Seferovic sechs Minuten vor der Pause den Ball nicht an den Pfosten, sondern ins Tor hinein geschossen, mag sich jeder selbst ausmalen. Die Fans jedenfalls waren in der Halbzeit dennoch nicht so atemlos, als dass sie nicht noch die Kraft gehabt hätten, Schlagersängerin Helene Fischer sehr laut und sehr ausdauernd bei der Darbietung ihres Pausen-Medleys auszupfeifen. Und sie feierten auch noch, als alles vorbei war, weil Aubameyang per Foulelfmeter zum 2:1 für die Dortmunder getroffen hatte und somit feststand, dass es mit dem ersten Pokalsieg seit 1988 nichts geworden war. Selbst Alexander Meier, der in der 72. Minute eingewechselte vereinseigene Fußballgott hatte daran nichts mehr ändern können. Egal: "Hier regiert die SGE", skandierten die einen - "Oh, wie ist das schön" sangen die anderen. Wobei es so war, dass die Frankfurter Fans dieses Finale lebten, während die Dortmunder es fast schon routiniert abfeierten. Sie waren wohl vor allem erleichtert.

Es war ein hartes Stück Arbeit für den Favoriten gegen die schlechteste Mannschaft der Bundesligarückrunde. Und so hatte Frankfurts Trainer Nico Kovac seine Einschätzung nicht exklusiv, als er sagte: "Wir haben den Dortmundern alles abverlangt, das war kein Geschenk, das wir ihnen gemacht haben." Es sagte aber auch: "Wir müssen realistisch sein, wir wussten, dass wir der Außenseiter sind. Der BVB war schon etwas besser." Er werde jedenfalls in der kommenden Saison mit seiner Mannschaft wieder versuchen, in der Liga und im Pokal so erfolgreich wie möglich zu sein. Was er denn mit Watzke bei ihrer Umarmung nach dem Schlusspfiff besprochen habe, wurde er noch gefragt. Ob Dortmunds Chef ihm gar ein Jobangebot unterbreitet habe? Da musste Kovac dann doch lächeln. "Ganz bestimmt, klar", sagte er. Nein, nein, er habe nur zur guten Leistung gratuliert. Wenigstens das wäre dann geklärt.

Quelle: ntv.de