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Sinnbild für die Dortmunder Saison: Marcel Schmelzer bei der unrühmlichen Niederlage gegen Mainz.
Sinnbild für die Dortmunder Saison: Marcel Schmelzer bei der unrühmlichen Niederlage gegen Mainz.(Foto: imago/Team 2)
Sonntag, 13. Mai 2018

Schwarzgelbe Chaos-Saison : BVB rettet sich irgendwie über die Ziellinie

Von Felix Meininghaus

Es war nicht leicht, dem BVB in dieser Saison zu folgen. Das Ensemble von Hochbegabten gab Rätsel auf, weil es immer wieder in Lethargie verfiel. Die Macher wissen, woran sie arbeiten müssen: Es mangelt an Mentalität und Führungsstärke.

Peter Stöger blieb sich auch in dem Moment treu, als für ihn bei Borussia Dortmund der letzte Vorhang fiel. Ruhig, gelassen und ohne große Emotionen verkündete der Trainer das, was in Dortmund seit Wochen klar aber noch nicht offiziell verkündet worden war: "Das war mein letztes Pflichtspiel für den BVB", sagte der Wiener in der Pressekonferenz nach der finalen Niederlage in Hoffenheim. Und weiter: "Das haben wir schon vor einiger Zeit gemeinschaftlich beschlossen. Ein neuer Reiz, mit einem neuen Trainer, wird dem Verein gut tun."

Wie Recht der 52-Jährige damit hat, zeigte sich in den 90 Minuten im Kraichgau, als die Borussia wieder einmal zeigte, wie sehr es dieser Mannschaft an Mentalität mangelt. Nach der Schicht im sommerlich warmen Stadion musste sich Nuri Sahin erst einmal den Schweiß aus dem Gesicht wischen und sich sammeln. Der Ur-Dortmunder ist seit Kindheitstagen beim BVB, doch "so eine Saison habe ich noch nicht mitgemacht", sagt der türkische Nationalspieler: "Ich bin froh, dass wir uns irgendwie über die Ziellinie gerettet haben. So ein Jahr sollte uns nicht noch einmal passieren." Am Ende ist es doch gut geworden – irgendwie.

"Eine Leistung zum Schämen"

Das finale 1:3 reichte so gerade eben, um auf Platz vier zu enden. Und damit in der Champions League, was die Planungen für die nähere Zukunft wesentlich einfacher macht, weil geschätzte 40 Millionen Euro in die Kasse des börsenorientierten Unternehmens gespült werden. Dennoch weiß nicht nur Sahin, "dass wir selbstkritisch alles analysieren müssen. Und dann muss hier wieder Ruhe einkehren." Es gibt viel aufzuarbeiten nach einer Saison, in der es in der heimischen Liga und im internationalen Wettbewerb immer wieder herbe Rückschläge gab.

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Noch vor einer Woche sprach Michael Zorc nach der Heimschlappe gegen Mainz Klartext. Das Gesicht vor Zorn gerötet, die Halsader angeschwollen, bellte der Sportdirektor im Vorbeigehen einen einzigen Satz heraus: "Das war eine Leistung zum Schämen." Zorc war nicht zum ersten Mal in dieser Saison fassungslos über das blutleere Auftreten seiner Profis. Zwei Monate zuvor hatte er das uninspirierte Gekicke bereits als "Beamtenfußball" gegeißelt.

Nein, leicht war es wahrlich nicht, dem BVB in dieser Saison in der Bundesliga und im internationalen Wettbewerb zu folgen. Und schon gar nicht, aus dieser Mannschaft schlau zu werden. Ein Ensemble von Hochbegabten, das Fußball in seinen lichten Momenten mit herrlicher Leichtigkeit zu zelebrieren weiß, um im nächsten Moment in eine rätselhafte Agonie zu verfallen, die alle Beobachter ratlos zurücklässt. Dabei stufen viele Fachleute den Dortmunder Kader nach wie vor als den zweitbesten der Bundesliga ein.

Unter Bosz ging's spektakulär los

Borussia Dortmund hat die Qualifikation für die Champions League am Ende mit Hängen und Würgen unter Dach und Fach gebracht und damit das wichtigste Saisonziel verwirklicht. Doch wenn Lucien Favre in der kommenden Woche als neuer Trainer vorgestellt wird – worauf alle Zeichen hindeuten, erwartet den Schweizer eine ziemlich komplizierte Mission. Die Zeiten sind unruhig, die Borussia erlebte die chaotischste Spielzeit seit der Saison 2006/2007, als mit Bert van Marwijk, Jürgen Röger und Thomas Doll gleich drei Fachkräfte auf der Bank Platz nahmen.

Der BVB hat in dieser Saison eine Achterbahnfahrt hinter sich, die für keinen Beteiligten vergnüglich war. Vielmehr war sie anstrengend, nervend und ging an die Substanz. Es begann spektakulär, als die Mannschaft zu Saisonbeginn unter ihrem neuen Trainer Peter Bosz mit kaum zu stoppendem Vorwärtsdrang an die Tabellenspitze marschierte und den Branchenprimus aus München dabei in der Tabelle mit fünf Punkten distanzierte. Doch was bei diesem kompromisslosen Sturm und Drang völlig auf der Strecke blieb, war die defensive Absicherung. Der BVB wurde nach fulminantem Beginn wie eine Schülermannschaft ausgekontert, im Klassement nach hinten durchgereicht und erlebte zudem in der Königslasse derben Schiffbruch.

Nach 15 Spieltagen war für den Niederländer Bosz Schluss, es kam der Österreicher Peter Stöger, der nur wenige Tage zuvor beim sieglosen Tabellenletzten aus Köln gefeuert worden war. Stöger übernahm die Borussia auf Platz acht, sein Auftrag lautete, die Dinge zu stabilisieren und den Verein in ruhiges Fahrwasser zu leiten. Das ist dem 52-Jährigen mit seiner ruhigen, mit Ironie und Wiener Schmäh unterlegten Art gelungen. Und doch sind sie in Dortmund nie richtig warm geworden mit ihrem Übergangstrainer. Stöger gelang es nicht, seiner Mannschaft die Konstanz und die Leidenschaft zu vermitteln, die im Ruhrgebiet die Voraussetzung dafür sind vom Volk geliebt zu werden.

Die Probleme sind tiefliegend

Allerdings ist bei jeder Beurteilung der Umstand zu berücksichtigen, dass die Spieler weiterhin unter den Folgen des Bombenanschlags auf den Mannschaftsbus zu leiden haben. Wie traumatisch sich die Erlebnisse auswirken, zeigen die Aussagen diverser Akteure im Verlauf des Prozesses gegen den Attentäter.

Dazu kommt der Umstand, dass der Dortmunder Kader in der jetzigen Konstellation fehlerhaft zusammengestellt wurde: Viele Indianer, keine Häuptlinge – dieser Mannschaft fehlt es an Führungsqualität. Immer dann, wenn Tugenden wie Mentalität und Widerstandsfähigkeit gefragt sind, knicken die Dortmunder ein. Verantwortlich für die Zusammensetzung des kickenden Personals ist jedoch nicht ein Trainer, der zum Ende der Hinrunde engagiert wurde, sondern die Entscheidungsträger aus der Chefetage. Insofern müssen Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc ihre Transferpolitik kritisch hinterfragen. Offensichtlich ist dieser Prozess im Gange, denn Borussia Dortmund stellt sich neu auf.

Dass Watzke und Zorc mit Matthias Sammer (externer Berater) und Sebastian Kehl (Leiter der Lizenzspielerabteilung) frische Führungskräfte engagierten, ist nicht nur ein starkes Zeichen für die Zukunft, sondern auch das Eingeständnis, dass sie Hilfe benötigen. Sammer und Kehl gehörten während ihrer aktiven Laufbahn genau zu dem Typus Spieler, der nun so schmerzlich vermisst wird: Sie marschierten couragiert voran, an ihnen konnten sich die Kollegen in schwierigen Situationen aufrichten. Sie wissen also genau, wo sie bei dieser labilen Dortmunder Mannschaft ansetzen müssen, um dem Revierklub eine weitere Achterbahnfahrt zu ersparen.

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Quelle: n-tv.de