Fußball

Königsklasse als Fußballparodie BVB slapstickt sich zum Torrekord

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Rückkehrer Marco Reus und Shinji Kagawa erzielten zusammen fünf der acht BVB-Tore.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Ist das wirklich ernst gemeint? Muss wohl, es ist ja schließlich Champions League. In einem völlig verrückten Fußballspiel siegt Borussia Dortmund gegen Legia Warschau spektakulär, aber vor allem so lustig wie selten zuvor.

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Als BVB-Keeper Roman Weidenfeller in der 28. Minute zu einer Art Fallrückzieher ansetzte, um einen von der Latte abprallenden Ball am eigenen Fünfmeterraum zu klären, war kaum noch einer der 55.094 Zuschauern im Dortmunder Stadion überrascht. Dass der Torwart statt die Hand zu nutzen lieber eine unkonventionelle Fußabwehr wagte, passte zu einem Fußballspiel, das es in der Champions League wohl so noch nie gegeben hat.

Mit 8:4 (5:2) slapstickte sich Borussia Dortmund zum Kantersieg gegen Legia Warschau. Für den BVB trafen Shinji Kagawa (17./18.), Nuri Sahin (20.), Ousmane Dembéle (25.), BVB-Comeback-Kapitän Marco Reus (32./52./92.) und Felix Passlack (81.), auf Seiten der Gäste steuerten Aleksander Prijovic (10./24.), Michal Kucharczyk (63.) und Nemanja Nikolic (83.) ihren Teil zum Wahnsinn von Dortmund bei. Zwölf Treffer - das bedeutete das torreichste Spiel der Champions-League-Geschichte.

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Ob der BVB nun als Sieger der Gruppe F oder doch nur als Zweiter ins Achtelfinale einzieht, diese Entscheidung ist durch den 2:1 (1:0)-Erfolg von Real Madrid im Parallelspiel bei Sporting Lissabon auf den 7. Dezember vertagt. Dann treffen beide Klubs im Estadio Bernabeu zum Gruppenfinale aufeinander. Dass es dann allerdings noch einmal so legendär lustig wird wie gegen Legia, dürfte als ausgeschlossen gelten. Denn so frei von Sinnen wie in diesen 90 Minuten werden die Schwarzgelben - dann vermutlich wieder in Bestbesetzung - wohl nicht noch einmal in der Königsklasse auftreten.

Tuchel rotiert BVB zum Spektakel

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8:4. Wahnsinn, der begeistert.

(Foto: REUTERS)

Nach dem leidenschaftlich errungenen 1:0-Bundesligasieg gegen den FC Bayern am vergangenen Samstag hatte Dortmunds Coach Thomas Tuchel seine Elf auf gleich neun Positionen verändert. Nur die Innenverteidiger Marc Bartra und Matthias Ginter blieben von der Startaufstellung gegen München übrig. Unter anderem durften wieder einmal die zuletzt immer weniger berücksichtigten Fan-Helden Sahin und Kagawa beginnen – und auch Reus nach 185 Tagen verletzungsbedingter Pause. Er führte Dortmund als Kapitän an.

Was allerdings bei diesem Dortmunder Personal-Mischmasch herauskam, dürfte den Trainer deutlich weniger gefreut haben als die Zuschauer. Die waren sich zwar zunächst auch nicht so sicher, ob sie angesichts des Spiels eher weinen oder lachen sollten, entschieden sich aber schnell für die Variante beste Unterhaltung.

Dass es auch ein richtig blöder Abend für die Gastgeber hätte werden können, dafür gab es nach zehn Minuten ein erstes Indiz. Die Gäste aus Polen, die zuvor von der Borussia vorgeführt worden waren, führten plötzlich 1:0 - weil Prijovic ganz fein mit dem Außenrist getroffen hatte (10.). Er durfte sich dieses Kabinettstückchen gönnen, weil sich in Dortmunds allzu oft orientierungsloser Abwehr kein Spieler in der Pflicht sah ihn zu verteidigen.

Kagawas Doppelschlag bricht den Bann

Diese Schludrigkeit galt in der Folge dann auch für die bis zum Ausgleich eigentlich gut stehenden Gäste. Erst veredelte Kagawa (17.) eine Chip-Flanke von Dembéle zum 1:1, Sekunden später brachte er die Borussen nach Finte freistehend mit 2:1 (18.) in Führung. Doppelschlag, Spiel gedreht. Und als sich Legia-Keeper Radoslaw Cierzniak in Minute 20 den Ball über Sahins Brust quasi selbst ins Tor boxte, war jedem in Dortmund klar: Champions League kann nicht nur aufregend spektakulär sein, sondern auch richtig witzig.

Und einmal so richtig infiziert vom Spaß-Virus, wollte offenbar jeder auf dem Rasen mitmachen. Erst stümperte Abwehrchef Bartra gegen Prijovic, nur noch 3:2. Dann verhinderten die Latte und der wilde Weidenfeller den möglichen Ausgleich von Legia, ehe Dembéle im direkten Gegenzug gleich mehrere Gegenspieler narrte und auf 4:2 stellte.

Reus kehrt grandios zurück

Der extrem spielfreudige Reus erledigte seine Aufgaben vor den Toren zum 5:2 und 6:2 hingegen äußerst souverän und seriös, bevor sich die Hintermannschaft der Schwarzgelben beim 3:6 erneut einen sehr ausgeruhten Moment gönnte. Kurz nach seiner Einwechslung setzte BVB-Toptorjäger Pierre-Emerick Aubameyang den Ball an den Innenpfosten, Tore fielen trotzdem noch. Nach einer Ecke für Warschau konterte Dortmund über den jungen Christian Pulisic, der wunderbar auf André Schürrle ablegte. Dessen Schuss konnte der polnische Keeper noch parieren, doch Youngster Felix Passlack nickte den Abpraller zum 7:3 und seinem ersten Champions-League-Tor in die Maschen.

Aber auch Legia hatte noch nicht genug, der ebenfall eingewechselte Nemanja Nikolic (83.) erzielte das 4:7. Der Schlusspunkt blieb schließlich Reus vorbehalten, der in der Nachspielzeit sein starkes und laut bejubeltes Comeback mit dem Tor zum 8:4-Endstand krönte. Pfiffe im nicht ausverkauften Stadion angesichts des Fußball-Wahnsinns? Nein, wohl eher Bedauern bei denen, die sich gegen einen Besuch entschieden hatten. Denn diese Parodie hat richtig Spaß gemacht – und sie war sogar ernst gemeint.

Quelle: n-tv.de

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