Fußball

Das Jahr der hässlichen Hemden "Bayern Münchens Berg-Trikot ist speziell"

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An Bayerns Berg-Trikot wird man sich noch lange erinnern, sagt Experte Appenowitz.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Die Aufregung war groß. Das deutsche Unternehmen Puma veröffentlichte dieser Tage ihren neuen Trikots. Fast alle von ihnen ausgerüstete Vereine mussten sich mit einem einheitlichen Look abfinden. Stangenware, die man so wohl eher bei Primark vermuten würde und die ohne Vereinswappen auskommen muss. Dies führte in dieser Woche beim Europa-League-Qualifikationsspiel zwischen dem Mesut-Özil-Klub Fenerbahçe und Helsinki zu größeren Verwirrungen. Der Torschütze, Muhammed Gümüskaya, suchte beim Torjubel verzweifelt das Wappen. Er wollte es küssen, wie so viele vor ihm.

Immerhin war es sein erstes Tor in einem internationalen Spiel überhaupt. Doch da war kein Wappen. Erheiterung im Internet. Aber auch Aufregung auf der Straße, auf der die Fans von Borussia Dortmund sich bereits gegen dieses Trikot gewehrt hatten. Noch steht die Veröffentlichung des dritten Trikots des Bundesligisten aus. Auch Bayern München überrascht in dieser Woche mit dem sogenannten Berg-Trikot. Und in Amsterdam erinnert sich Ajax an Bob Marley. Der italienische Erstligist Venedig setzt auf Eleganz.

Zeit für ein Gespräch mit Stefan Appenowitz, dessen Buch "Bundesliga-Trikots 1963 bis heute" zu den Standardwerken in der Trikot-Forschung gehört. Es ist längst ausverkauft und selbst auf dem Gebrauchtmarkt nur noch schwer zu finden. Eine Neuauflage mit einem etwas veränderten Konzept ist angedacht und in Planung. Im Oktober erscheint sein neues Buch "Das Gladbach-Trikot von 1900 bis heute" im Werkstatt-Verlag. Er hat es zusammen mit dem Trikotsammler Matthias Gorke und dem "Tagesspiegel"-Sportredakteur Stefan Hermanns geschrieben.

ntv.de: Herr Appenowitz, Sie sind einer der führenden deutschen Trikot-Forscher. Können Sie uns sagen, was es mit den dritten Trikots aus der Puma-Reihe auf sich hat?

Appenowitz: Puma geht da grundsätzlich erstmal den Weg, den viele Ausrüster schon immer gegangen sind. Gewisse Trikotdesigns oder -vorlagen, also Templates auf mehrere Vereine anzuwenden, die dann individuell auf die jeweiligen Farben der Klubs abgestimmt werden, aber sonst optisch gleich aussehen. Erinnern Sie sich zum Beispiel an das Flutlicht-Trikot der vergangenen Saison vom VfL Bochum mit dem speziellen breiten Kragen? Dieses Template kam auch bei anderen Nike-Klubs zum Einsatz: 1860 München, FC Augsburg und so weiter. Ist also erstmal nichts Neues, was da passiert. Auch in den Achtzigerjahren gab es das schon. Man denke zum Beispiel an die Nadelstreifentrikots von Adidas, die in ähnlicher Form, nur mit unterschiedlichen Farben von Bochum, HSV, Hannover, Bielefeld, Dortmund getragen wurden.

Puma geht dieses Jahr noch einen Schritt weiter. Dieser hat schon bei der Fußball-Europameisterschaft begonnen. Da kamen diese neuen Templates ja bei den Puma-Teams Italien, Österreich, Slowakei oder Schweiz auch schon zum Einsatz. Da fehlte bei dem schwarzen Ausweichtrikot von Österreich zum Beispiel das Landeswappen auf den Trikots, während bei Italien, Schweiz oder der Slowakei das Wappen mit drauf war.

Bei einem Klubtrikot löst so etwas dann vielleicht noch einmal größere Emotionen bei den Fans aus als bei einem Trikot der Nationalmannschaft. Beim BVB haben sich die Fans zum Beispiel so sehr dagegen aufgelehnt, dass das Klubemblem bei diesen dritten Trikots jetzt mit dabei ist. Bei den anderen Puma-Klubs, die dort abgebildet wurden, fehlen die Klub-Wappen jedoch. Ich vermag nicht zu sagen, warum man sich bei Puma dafür entschieden hat, solche Trikots zu entwerfen. Neben dem fehlenden Wappen kommt ja noch dieser komische Kragen hinzu, der diese Trikots zudem etwas billig wirken lässt. Aber eins hat Puma natürlich erreicht: Alle sprechen und schreiben darüber.

Der Fenerbahçe-Profi Muhammed Gümüskaya war einer der Ersten, der in diesem Trikot traf. Vergebens suchte er das Wappen. Er wollte es küssen. Seit wann können Fußballer das Wappen überhaupt küssen?

Das ist unterschiedlich und hängt auch von den Klubs ab. In den Achtzigerjahren hätten die Spieler oft nur den Sponsor-Aufdruck küssen können. Da fehlte das Klubwappen auf den Trikots. Es gibt auch Fotos und Trikots vom Anfang der Bundesliga-Zeit, da waren die Trikots komplett blank. Und der BVB hat 1976/77 ja sein Wappen sogar für die Tabakmarke Samson komplett verkauft. Ebenso wie der Vorreiter in Sachen Trikotwerbung, Eintracht Braunschweig, wo dann aus dem Braunschweiger Löwen der Hirsch der Marke Jägermeister wurde.

Was hat es mit den dritten Trikots auf sich? Die gab es nicht immer. Werden diese ausschließlich zu Marketing-Zwecken produziert?

Nein, diese dritten Trikots haben einen praktischen Hintergrund. Es gibt ja viele Klubs mit den gleichen Vereinsfarben. Und wenn diese in ihren eigentlichen Ausweichtrikots antreten würden, dann gäbe es keine Unterscheidungsmöglichkeiten. Deshalb hat jedes Team dritte Trikots, die diese Spielbarkeit gegeneinander ermöglichen. Meistens wählen die Vereine oder Ausrüster dabei Farben, die nichts mit den eigentlichen Farben des Vereins zu tun haben. Das ist aber keine Bedingung. Einige Vereine wie Eintracht Frankfurt oder der FC Augsburg versuchen immer alle drei Vereinsfarben zu nutzen und da passt es auch. Aber bei Klubs mit Blau-Weiß oder Rot-Weiß als Hauptfarbe wird es dann schon schwieriger. Da geht man dann beim Dritten dann meist auf eine komplett andere Farbe.

Waren diese immer in erster Linie einfallslos?

Da so ein drittes Trikot in der Bundesliga ja eher selten eingesetzt wird, lohnt es sich für Vereine und Ausrüster nicht, dafür noch ein extra eigenes Trikotmodell zu entwerfen. Deshalb greift man dort dann natürlich auf solche Templates zurück. Aber auch das ist von Verein zu Verein unterschiedlich. Die großen Klubs, die hoch dotierte Ausrüsterverträge haben, bekommen da sicher auch mal ein Ausweichtrikot, das nicht von der Stange ist.

Einfallslos ist das Berg-Trikot der Bayern nicht. Wird es nur eine Anekdote bleiben oder werden wir uns in zehn Jahren noch daran erinnern?

Das Berg-Trikot ist ja das Trikot für die Champions League und wird auch so bezeichnet. Aber es kann natürlich auch in der Bundesliga als Ausweichtrikot eingesetzt werden. Die Idee, die Optik und Umsetzung dieses Berg-Trikots ist so speziell, dass man sich in zehn Jahren sicher noch daran erinnern wird. Und wenn die Bayern darin sogar erfolgreich sind, sowieso.

Auch Juventus zeigt sich in ungewohnten Farben und mit einem bemerkenswerten Design. Es ist ein Rückgriff auf die 1990er-Jahre. Auch Borussia Dortmund hat in der vergangenen Saison mit einem Trikot mit Rückgriff auf diese Epoche des Spiels auf sich aufmerksam gemacht. Bochums legendäres Faber-Trikot ist ein Kult-Klassiker. Werden die 1990er auch bei Trikot-Designern verklärt?

Ich habe mich letzte Woche für einen Bericht in einem englischen Fanzine mit einem englischen Dortmund-Fan unterhalten und erlebe es sehr häufig, dass die 90er-Jahre mit die beliebteste Epoche unter Sammlern und Fans ist. Gerade englische Sammler lieben die Bundesligatrikots der 90er. Das geht mir ja in manchen Bereichen ähnlich. Wobei meine Faszination nicht nur von der plötzlichen Farbenpracht der Trikots herrührt, sondern von der Vielzahl an neuen Ausrüstern, die sich ab Anfang der 90er-Jahre in der Bundesliga tummelten. In den Achtzigern waren das ja nur Adidas und Puma, in den 70ern die Vorläufer Erima und Palme und vereinzelt auch Umbro oder Hummel.

Nike hat dann 1990 mit dem BVB und den grellen Neon-Trikots den ganzen Markt komplett aufgebrochen und neu definiert. Italienische Ausrüster wie Lotto, Diadora oder Fila kamen in die Bundesliga. Die Amerikaner von Reebok stiegen groß ein oder ein eigentlicher Laufsportspezialist wie Asics versuchte sich im Fußball. Es herrschte Aufbruchstimmung und die zog dann wohl auch die Trikot-Designer mit.

Die Farben des kultigen Bochum-Trikots sind ja die Farben des Sponsors Faber Lotto gewesen, der in jener Spielzeit auch der Ausrüster des VfL Bochum war. Bei allen Mut, den die neuen Ausrüster in den Markt gebracht haben damals, wage ich es zu bezweifeln, dass es so ein Trikot zum Beispiel mit Reebok gegeben hätte, die vor Faber den VfL ausgestattet hatten.

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Das Fenerbahçe-Trikot ist Stangenware.

(Foto: picture alliance / AA)

Ist es richtig, zu sagen, dass die Saison 2021/2022 mit besonders hässlichen Trikots auftrumpft?

Es ist wie immer alles Geschmackssache. Ich als Gladbach-Fan kann zum Beispiel sagen, dass mir unser Heimtrikot diese Saison nicht so gut gefällt wie das der letzten Saison, als sowohl Heim- und Auswärtstrikot besonders schlicht waren. Ich mag das halt so. Beim neuen Heimtrikot werden jedoch drei Epochen in einem Trikot vereint. Ich hätte mir da gewünscht, wenn man sich zum Beispiel nur auf die Achtziger konzentriert hätte, wenn man sich schon an der Vergangenheit orientiert. Aber vielleicht sind wir älteren Fans auch gar nicht mehr die Zielgruppe.

Dabei gibt es auch besonders schöne Exemplare. Ajax Amsterdam stellt ein Reggae-Trikot vor, der Serie-A-Klub Venedig glänzt mit einem bemerkenswerten Trikot. Was muss ein drittes Trikot für Sie mitbringen?

Wie vorhin schon erwähnt, ist das bei den dritten Trikots von den Farben her nicht immer so einfach. Borussia Mönchengladbach hat mit Schwarz dabei natürlich schon mal eine bei den Fans sehr beliebte Farbe gewählt. Auch wenn der Rest des Trikots zu überfrachtet ist und das Wappen fehlt. Vom Grundsatz her kann für mich jede Saison ein schwarzes Trikot dabei sein.

Weg von den dritten Trikots. Welches Erstliga-Jersey überzeugt Sie in dieser Saison?

Richtig gute Trikots hat für mich seit einigen Jahren Arminia Bielefeld. Sowohl beim aktuellen Ausrüster Macron wie auch bereits zuvor von Joma. Auch das Heimtrikot des VfB Stuttgart gefällt mir sehr gut diese Saison. Bei den Auswärtstrikots mag ich das schwarze Trikot der Spielvereinigung Greuther Fürth sehr gern, obwohl ich Querstreifen sonst eher suboptimal finde.

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Für Appenowitz eines der schönsten Trikots aller Zeiten: die Kickers 1991/1992.

(Foto: imago/Sportfoto Rudel)

Und welches nicht?

Gar nicht anfreunden kann ich mich leider dieses Jahr mit dem Trikot des VfL Bochum. War letztes Jahr das Flutlichttrikot des VfL für mich das beste Nike-Trikot seit Jahren, kann ich mich mit dem aus dieser Saison gar nicht anfreunden.

Was ist für Sie das schönste Bundesliga-Trikot aller Zeiten?

Neben vielen schönen Gladbach-Trikots wird das Trikot der Stuttgarter Kickers aus der Saison 1991/92 für mich immer was Besonderes sein. Mit diesem Trikot der eigentlichen Ski-Marke Erbacher in der Kombination mit dem großen Wappen auf Trikot und Hose begann für mich die Faszination für das Thema Trikots und für Ausrüster und Sponsoren. Ohne es damals auch nur zu ahnen, dass ich 30 Jahre später darüber mal Bücher schreiben würde.

Herr Appenowitz, vielen Dank für dieses Gespräch.

Das Interview führte Stephan Uersfeld

Quelle: ntv.de

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