Fußball

Der scheinheilige Titelkampf Bayerns Dominanz wird zu Unrecht kritisiert

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Julian Nagelsmann und Hasan Salihamidzic sind die aktuellen Gesichter der ewigen Dominanz.

(Foto: picture alliance / SvenSimon)

Die Fußball-Bundesliga der Männer ist schon länger kein ehrlicher Wettbewerb mehr. Doch die Leistungen des FC Bayern verdienen dennoch Respekt. Und irgendwo dazwischen bewegt sich eine zum Teil hitzig geführte Diskussion.

"Die Meisterschaft ist der ehrlichste Titel", lautet ein viel zitierter Satz, den auch Karl-Heinz Rummenigge zu seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender des FC Bayern München häufig verwendet hat. Aber trifft das nach neun Spielzeiten Dauerdominanz eines Klubs noch zu?

Ein ehrlicher Wettbewerb ist die Bundesliga wohl nicht mehr. Die Staffelung von oben nach unten ist durch riesige Abstände geprägt. Das gilt zwischen der ersten und zweiten Liga ebenso wie für den Kampf um den Klassenerhalt oder die internationalen Plätze. Nachhaltige Aufstiegschancen gibt es nur noch selten.

Und dann sind da die beiden Flaggschiffe der DFL: Borussia Dortmund und der FC Bayern München. Während beim BVB die Sorge durchaus berechtigt ist, dass Leipzig ihnen dauerhaft Konkurrenz machen könnte, sind die Münchner uneinholbar an die Spitze enteilt. Der Abstand zwischen Platz 1 und Platz 2 ist frappierend, das Gefälle nach unten riesig.

Andere Klubs bräuchten Rekord für Meistertitel

Ein ehrlicher Wettbewerb würde implizieren, dass es möglich wäre, sich durch eine mittel- oder langfristig gute sportliche und finanzielle Entwicklung ernsthafte Chancen auf den Titel zu erarbeiten. Im aktuellen System ist das nicht möglich. Selbst Borussia Dortmund dreht sich auf dem zweiten Platz im Kreis, weil sie spätestens alle zwei Jahre vor dem Verlust von Schlüsselspielern stehen und schon kleine Fehler dazu führen, dass der Abstand zu den Bayern noch mal wächst. Die wiederum können es sich sogar erlauben, einen nicht zum Klub passenden Trainer zu verpflichten und werden trotzdem Meister.

In einer von Verletzungen geprägten Saison unter Guardiola holten die Bayern 2015 "nur" 79 Punkte. 2019 und 2021 waren es unter Kovač beziehungsweise Hansi Flick 78 - Tiefstwert seit der Dortmunder Meisterschaft 2012. Viele waren sich einig, dass man diese schwächelnden Bayern schlagen könne.

Der BVB holte unter Klopp 2012 81 Punkte und stellte einen Bundesligarekord auf, der in den folgenden beiden Jahren vom Rekordmeister pulverisiert wurde. Fakt ist also, dass es selbst bei vermeintlich schwachen Bayern eine historische Leistung braucht, die erst einem Klub gelang, der nicht Bayern München heißt. Und das soll sportlich ehrlich sein?

Bayerns nationale Stellung ist zementiert

Die Kritik am Wettbewerb ist deshalb berechtigt. Und sie ist kein direkter Vorwurf an den FC Bayern und seine Leistungen. An der Spitze drehen sie mittlerweile aber einsam ihre Runden. Das ist für alle, die es nicht mit ihnen halten, nun mal frustrierend - und sind Titelkämpfe auf Augenhöhe nicht auch aus Bayern-Sicht wünschenswert? Schließlich könnte ihnen andernfalls irgendwann das Niemandsland zwischen nationaler Dominanz und europäischer Bedeutungslosigkeit drohen.

Ein anderer Meister würde wohl in vielen Teilen des Landes als große Erlösung gefeiert werden. Aber wenn man ganz ehrlich ist, würde auch eine einzelne Ausnahme an der Stellung des FC Bayern nichts verändern.

Was aber in großen Teilen nicht das Problem der Münchner ist. Deren Position ist nachvollziehbar. Gute Spieler und Trainer von der Konkurrenz zu kaufen, ist beispielsweise trotz der Vergrößerung des Abstands günstiger und einfacher als sich international zu orientieren. Zumal auch hier durchaus die Entwicklung eingesetzt hat, dass die Bayern nicht mehr jeden Bundesliga-Star zu sich locken können. Trotzdem wird der aktuelle Zustand durch die kaum zu überwindende Schwelle zwischen der europäischen Elite und den darauffolgenden Klubs manifestiert - und auch von dort funktioniert es nach unten ähnlich. Eine natürliche Nahrungskette, die dem Wettbewerb aber schadet.

Der Bayern-Weg soll sich abheben

Gerade weil der FC Bayern im internationalen Vergleich eine andere Rolle einnimmt, ist er darauf angewiesen, sich national zu bedienen. Mit den Investorenklubs, der finanzstarken Premier League und der nach wie vor vorhandenen Strahlkraft der spanischen Liga können die Münchner oft nicht mithalten.

Zum Autor
  • Justin Kraft ist freier Autor und Blogger bei miasanrot.de.
  • Als Jahrgang 1993 durch die "Generation Kahn" mit dem FC Bayern in Kontakt gekommen.
  • Fußball-sozialisiert mit der "Generation Lahmsteiger", der er 2019 sogar ein nach ihr benanntes Buch widmete.

Dass sie es trotz des finanziellen Abstands seit nun über zehn Jahren mal mehr und mal weniger schaffen, fester Bestandteil der europäischen Elite zu sein, verdient Respekt. Statt sich in Coronazeiten zu verschulden oder ein anderweitiges finanzielles Risiko einzugehen, greift man auf das Zusammenhalten des Kaders und Vertrauen in einen jungen Trainer zurück.

Julian Nagelsmann mag bei der TSG Hoffenheim und in Leipzig gezeigt haben, dass er ein sehr guter Trainer ist, aber ein gewisses Risiko ist dieser Entscheidung nicht abzusprechen. Gerade weil die Bayern eben nicht in der Lage zu sein scheinen, den Kader ab der Kaderposition 14 oder 15 so aufzustellen, wie es beispielsweise Vorgänger Hansi Flick gern gesehen hätte.

Zu wenig Anerkennung für die Bayern?

Nagelsmann aber stellt sich dieser Herausforderung und ist auf dem Weg zum zehnten Meistertitel in Serie ein wichtiger, vielleicht sogar der zentrale Baustein. Es ist durchaus ein anderer, vielleicht einzigartiger Weg unter den Spitzenklubs in Europa, den man in München geht. Und zu Beginn der Saison deutet sich an, dass dieser erfolgreich sein könnte.

Auch weil man trotz der vielen Gerüchte dazu in der Lage ist, die Schlüsselspieler langfristig zu binden. Das hat primär sicher finanzielle Gründe. Dennoch könnten Leon Goretzka und Joshua Kimmich woanders noch mehr verdienen. Dass sie sich für den FC Bayern entschieden haben, zeigt, dass der Klub in der mittel- und langfristigen Planung überzeugende Argumente hat.

Das alles kann und sollte nicht damit kleingeredet werden, dass die Bayern ihrer nationalen Konkurrenz meilenweit enteilt sind. Internationale Beispiele wie der FC Barcelona oder auch Juventus Turin zeigen, dass es nicht selbstverständlich ist, sich als Traditionsverein in der europäischen Elite zu halten - und wenn selbst PSG mal nicht Meister wird, ist die aktuelle Serie von neun Titeln eben doch nicht so selbstverständlich. Die Bayern scheinen für sich einen Weg gefunden zu haben, um dauerhaft auf hohem Niveau konkurrenzfähig zu bleiben. National wird diese Leistung bei aller berechtigten Kritik zu wenig anerkannt.

Und doch bleibt am Ende die Erkenntnis, dass es kaum Möglichkeiten gibt, das Rad zurückzudrehen und die nationalen Wettbewerbe in ganz Europa zu stärken. Diese ernüchternde Perspektive führt dazu, dass Anerkennung für die Bayern sicher nicht zu den Dingen zählt, die die Fußballwelt außerhalb des Weißwurstäquators bewegt. Bemühungen, das zu verändern, gibt es ohnehin nicht. Warum auch?

Kein Anlass für Reformen?

Bis zur Coronakrise sind die TV-Einnahmen der DFL gestiegen, die Anziehungskraft der Bayern ist auch international nach wie vor riesig und selbst dahinter haben einige Klubs durchaus ihre eigenen Wege gefunden, um für ein gewisses Publikum interessant zu sein. Borussia Dortmund genießt beispielsweise weltweit Ansehen dafür, dass sie einer der spannendsten Ausbildungsklubs der Welt sind - vielleicht der spannendste.

Doch gerade in der internationalen Vermarktung könnten sich zunehmend Probleme auftun. Bereits vor Corona hatte die DFL für die Saison 2019/20 nicht die Umsätze erzielt, die man sich erhofft hatte. Während Corona reduzierten sich die Einnahmen durch die Auslandsvermarktung sogar auf 200 Millionen Euro - ein Rückgang von rund 20 Prozent.

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Es bleibt abzuwarten, ob das ein aussagekräftiger Trend ist, oder ob es nach der Corona-Krise wieder stark bergauf geht. Dass die Bundesliga aktuell aber beispielsweise in den Niederlanden nur über Youtube zu empfangen ist und auch im United Kingdom die Rechte erst kurz vor Saisonstart verkauft wurden, sind keine guten Anzeichen. Besonders Sky UK zeigt aktuell kein ausgeprägtes Interesse an der deutschen Spitzenliga. Die eingekauften Rechte werden eher halbherzig genutzt - mal werden Spiele übertragen, mal eben nicht.

Letztendlich ist die Diskussion um einen ausgeglichenen Wettbewerb eben eine, die Klubs wie Bayern oder die Verbände noch nicht so richtig tangiert. Die große Frage ist, ob sich das bald ändern wird. Erst wenn die Monotonie an der Spitze einiger Top-Ligen tatsächliche Auswirkungen für die entscheidenden Instanzen hat, könnte das etwas anstoßen. So aber wird der vermeintlich ehrlichste Wettbewerb vorerst eine kleine Lüge bleiben.

Quelle: ntv.de

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