Fußball

Die Lehren des 7. Spieltags Bayerns Kovac macht sich keine Freunde

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Die Wucht seines "Notnagel"-Satzes über Thomas Müller kann Bayern-Coach Niko Kovac nicht mehr eindämmen.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Die Geschichtsschreiber des FC Bayern motten die gute Laune überraschend schnell wieder ein: Auf die Perfektion bei Tottenham folgt die Ernüchterung gegen Hoffenheim. Und plötzlich fragt sich die Fußballwelt wieder: Wie gut sind die Münchener eigentlich?

1. Was ist eigentlich los beim FC Bayern?

Nun ist es ja so (I): Der FC Bayern kann auch nach diesem 7. Spieltag der Fußball-Bundesliga noch aus eigener Kraft Deutscher Meister werden. Daran ändert auch die 1:2-Heimpleite gegen die TSG Hoffenheim nur vier Tage nach der Champions-League-Geschichtsschreibung bei den Tottenham Hotspur (7:2) nichts. Denn lediglich zwei Punkte beträgt der Abstand auf Tabellenführer Borussia Mönchengladbach. Nur ein Zähler ist es auf den Zweiten, auf den VfL Wolfsburg. Beide Mannschaften werden übrigens von Männern trainiert, die in den vergangenen Jahren mit ihren Klubs die österreichische Bundesliga (!) aufmischten. So richtig taugen also zumindest die Ergebnisse dieses Wochenendes nicht, um den Münchnern ein Krisen-Déjà-vu einzureden. Sie taugen aber ebenfalls nicht dazu, die Frage zu beantworten, wie gut der Meister in diesem Herbst tatsächlich ist. Denn auch die 0:3-Pleite der desaströsen Hotspur in der Liga bei Brighton and Hove Albion relativiert die Bayern-Gala ein wenig. Zumindest ist es so: Tottenham kriselt heftigst.

Aber es gibt da ja noch ein Zitat von Trainer Niko Kovac und Bilder eines arg leidenden Javi Martinez, die den FC Bayern vorerst nicht in Ruhe lassen werden. Zwar bat der Coach (nach dem Abpfiff gegen Hoffenheim) darum, aus seinem Notnagel-Satz über Thomas Müller (vor dem Anpfiff gegen Hoffenheim) nichts zu "zaubern", diese Bitte aber verhallte kläglichst. Kovac wird das geahnt haben. Ist aber auch irgendwie nicht so pfiffig gewesen, die sensible Personalie so offensiv auszumisten. Zumal der Müllerthomas nach seiner Einwechslung den Ausgleich von Robert Lewandowski schön vorbereitete. So wie er zuvor auch den Fastausgleich von Lewandowski vorbereitet hatte.

Immerhin erkannte Kovac später: "Thomas ist gekommen und hat noch mal Schwung reingebracht." Der war auch dringend nötig. Denn schwungvoll war bei den Münchnern nicht besonders viel. So lange wie noch nie unter Kovac - nämlich 25 Minuten - brauchten die Bayern für ihren ersten Torschuss. Dass aus der Doppelchance des zuletzt phänomenalen Serge Gnabry und des zuletzt nicht immer phänomenalen Thiago gleich zwei notiert werden, macht es nicht besser. Nicht gut war übrigens auch der Ballverlust von Corentin Tolisso vor dem 0:1 der Hoffenheimer. Das wird sicher auch Martinez gedacht haben. Denn statt seiner spielte erneut der Franzose. Und so saß der Spanier vor dem Spiel tieftraurig auf der Bank. Manch einer wollte gar Tränen erkannt haben. Warum Kovac seine Startelf nach dem kräftezehrenden London-Trip nur auf einer Position verändert hatte? "Man muss den Trainer verstehen, dass er eine Formation sucht und diese einspielen möchte", erklärte nun Sportchef Hasan Salihamdizic. Mit seiner übertriebenen Rotation sorgte Kovac im vergangenen Herbst für große Unzufriedenheit im Kader - und fast für seinen Rauswurf. Und nun? Nun ist's offenbar genau anders herum. Als Trainer machste dir keine Freunde.

2. Borussia Dortmund ist sich selbst ein Rätsel

Nun ist es ja so (II): Borussia Dortmund kann auch nach diesem 7. Spieltag der Fußball-Bundesliga noch aus eigener Kraft den FC Bayern überholen. Den amtierenden Meister hatte der ambitionierte Herausforderer nämlich natürlich als größten Stolperstein auf dem Weg zur Befriedigung der eigenen Meisterschaftsansprüche ausgemacht (was jetzt nicht zwingend als große Leistung gelten muss). Und tatsächlich sind es nur zwei Punkte Rückstand. Ein Sieg im direkten Duell am 11. Spieltag - und zack, alles paletti. Diese Glücksgefühle - falls "paletti" als Glücksgefühl durchgeht - spüren die BVBler aktuell aber nicht. Denn nach dem 2:2 beim SC Freiburg ist's eher so: wieder ein später Ausgleich, wieder ein verschenkter Sieg, wieder viele Fragezeichen und weiter Debatten über mangelnde Konzentration, Gier und Mentalität. "Ich habe das Gefühl, dass selbst wenn wir in Führung gehen, uns das nicht so Vertrauen gibt, wie das normal bei uns der Fall ist", erklärte Kapitän Marco Reus. "Unsere Ballbesitzphasen sind in Ordnung, aber ohne jegliche Gefahr für den Gegner." Sein Fazit: "Da muss mehr von uns kommen, wenn man solche Ansprüche hat."

Womöglich gilt das auch für Trainer Lucien Favre. Denn um dessen Ideen entspinnt sich langsam lauter werdende Kritik: Falsche Taktik, falsche Aufstellung, falsche Entscheidungen an der Seitenlinie - die Liste der Vorwürfe in Richtung des Schweizers ist mittlerweile ziemlich lang. Da nutzt auch die schönste Statistik gegen Freiburg nichts. 17 Spiele in Folge ohne Niederlage gegen den SC - das ist den Westfalen bisher gegen keinen anderen Klub gelungen.

3. Die Liga ist, ähmmm ...., sehr ausgeglichen

Guck mal an, die Hertha. Kaum fängt man an, gaaaaanz vorsichtig über Trainer Ante Covic zu diskutieren, erschleichen sich die Berliner mit Ballbesitzverweigerung erst einen Sieg gegen Aufsteiger SC Paderborn, hängen dann mit dem 1. FC Köln den zweiten Aufsteiger wuchtig an den Nagel und schlagen schließlich auch dank schlechter Videobilder noch Fortuna Düsseldorf. Das bedeutet: Nur noch vier Punkte bis zur Champions League. Hertha, ein "Big City Club"! Sind die Berliner so stark? Oder ist die Liga so schwach? Ohne uns Ärger einzuhandeln sagen wir's mal so: Die Bundesliga ist die derzeit ausgeglichenste Liga in Europa. Wenn wir jetzt mal nur die großen Ligen nehmen. Nach der Länderspielpause - die steht jetzt an und die deutsche Nationalmannschaft humpelt zum Toptest gegen Argentinien und zur EM-Qualifikation gegen Estland - balgen sich sieben Mannschaften (!) am 8. Spieltag um die Tabellenspitze. Wann hat's das zuletzt gegeben? Wir wissen es nicht, freuen uns aber über sachdienliche Hinweise.

Nun ist es aber so (III) ...

4. ... Deutscher Meister wird nur der VfL

Ähmmm, stopp! Borussia Mönchengladbach wird in dieser Saison wahrscheinlich nicht Deutscher Meister, auch wenn die Fans des neuen Tabellenführers das während des rauschhaften 5:1 gegen den FC Augsburg zumindest für sich schon entschieden hatten. Und es war ja auch ein herrliches Spiel, mit dem die Fohlen zum ersten Mal seit über acht Jahren wieder an die Spitze galoppiert waren. Dass ein anderer Torwart - als der des FC Augsburg - möglicherweise mindestens zwei der ersten drei Gegentore verhindert hätte? Spekulation! Dass die groteske Fehlleistung vor dem Treffer auch diesem Torwart an jedem anderen Tag nicht passiert wäre? Egal.

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Fakt ist: Der Tabellenführer ist noch ein Stückchen entfernt von dem, was der neue Trainer Marco Rose von seinem Ensemble am Ende einer Entwicklung sehen möchte. "Ich weiß die Dinge sachlich einzuordnen. Wir haben noch viel, viel Arbeit vor uns", drohte Rose der Liga nach dem Spiel, während sein Chef Max Eberl schon jubilierte: "Das war heute ein Auftritt, wo wirklich alles auf dem Platz zu sehen war, was wir uns vorstellen", meinte der Sportchef. "Die Mannschaft merkt jetzt, dass die Dinge funktionieren, die der Trainer und sein Stab vorgeben." Bisher hat die mit so viel Tempo gesegnete Überfall-Offensive der Borussia die vielen Punkte noch mit nur einem Hauch der erhofften Magie des Rose-Fußballs organisiert. In der Rückschau könnte aber nun der desolate FC Augsburg das erste Opfer des real existierenden Wunschfußballs am Niederrhein sein. Was am Ende des Weges steht? Die Fans in Schwarz-Weiß-Grün sind sich da schon sicher.

5. Du musst mal auch einen reinhauen

"Am Schluss fehlt das Resultat." (Union Berlins Urs Fischer), "Wir haben viele Torchancen vergeben, wir hatten aber auch Alex Nübel." (Schalke-Trainer David Wagner), "Es war fahrlässig, dass wir nach der ersten Halbzeit nicht mit drei, vier Toren führen. Es ist leider oft im Fußball, dass eine Mannschaft, die die Tore nicht macht, bestraft wird." (Julian Nagelsmann, RB Leipzig), "Wir haben es nicht geschafft, in der ersten Halbzeit die Überlegenheit in Tore umzumünzen, da hat der letzte Wille, der letzte Impuls gefehlt." (Niko Kovac). "Wir hatten relativ gute Torchancen, dann wäre die zweite Halbzeit vielleicht nicht so spannend geworden." (Jan-Moritz Lichte, Aushilfs-Cheftrainer in Mainz): Diverse Trainer quer durch die Tabelle haderten am Wochenende arg mit der Chancenverwertung ihrer Spieler.

Urs Fischer, der sich wieder über ein "sehr gutes Spiel" seiner Mannschaft gefreut hatte, brachte es in seiner Analyse auf den Punkt: "Du musst mal auch einen reinhauen." Ein Blick auf die Tabelle zeigt allerdings: Wer ganz oben stehen will, muss nicht notwendigerweise besonders effektiv treffen: Der neue Tabellenführer Borussia Mönchengladbach versenkt nur jeden fünften seiner Torschüsse, da treffen sogar Hertha BSC (10., 21,8 Prozent Trefferquote) und Borussia Dortmund (8., 23,2 Prozent) besser. Der VfL Wolfsburg belässt es einfach dabei, entscheidend zu treffen: Zehn Treffer sind nur der elftbeste Wert der Liga, die paar Törchen reichen aber dennoch für Platz zwei. Ob viele Chancen für die entscheidenden Treffer oder wenige Chancen für möglichst viele der Königsweg an die Spitze sind? Unklar. Ganz schlecht ist es aber, wie es der BVB am Wochenende in Freiburg gemacht hat: "Wir haben ordentlich gespielt, aber die Torchancen haben gefehlt", sagte Trainer Lucien Favre nach dem dritten 2:2 in Serie. Das ist dann natürlich auch nicht gut.

6. Beim SC Paderborn zwickt's im Unterleib

So langsam stellt sich auch beim SC Paderborn der Ligafrust ein. Zwar werden die Ostwestfalen auch nach nur einem Punkt aus sieben Spielen, nach vier Niederlagen in vier Heimpartien und dem logischen letzten Platz nicht nervös, aber es ist auch so (IV): "Jetzt sind wir ein bisschen mit dem Arsch an der Wand", sagt Trainer Steffen Baumgart. Und warum das so ist, das weiß er auch: "Wir schaffen es im Moment nicht, alle in einem Spiel ein bisschen Mist zu bauen. Sondern jeder baut in einem anderen Spiel Mist." Ob Baumgart damit diesmal vor allem den unglückseligen Jamilu Collins meint? Der Nigerianer holzte vor dem Mainzer Elfmeter zum 2:1 recht plump Levin Öztunali um, später verschoss Collins noch persönlich einen Strafstoß - der Ausgleich musste ausfallen. In der Pflicht sieht er aber nicht zuletzt sich selbst. Auch seine "Person" müsse sich "hinterfragen". An einen Rücktritt denke er aber nicht. Vielmehr gehe es darum, die Vorbereitung auf die Spiele zu analysieren.

Quelle: n-tv.de

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