Fußball

Zahl der Kopfverletzungen steigt Bekommt der Fußball ein "Medical Timeout"?

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Christoph Kramer spielte im WM-Finale 2014 trotz Kopfverletzung weiter. Bei einer ähnlichen Situation soll es künftig möglich sein, den Spieler für die Untersuchung vorübergehend auszuwechseln.

(Foto: AP)

Um Kopfverletzungen besser zu behandeln, plant die Uefa eine Regeländerung. Der europäische Fußballverband plädiert dafür, eine vorübergehende Auswechslung einzuführen. Denn die Gefahren bei Gehirnerschütterungen sind groß. Oliver Glasner, Coach des VfL Wolfsburg, ist ein mahnendes Beispiel.

Ungebremst prallt Stürmer Lukas Nmecha von Bundesligist VfL Wolfsburg in der Europa League mit St. Etiennes Torwart Jessy Moulin zusammen, bekommt die Füße des Keepers direkt an die Schläfe. Die Diagnose: Gehirnerschütterung. Fälle wie diese haben sich in den Spitzenwettbewerben der Europäischen Fußball-Union (Uefa), aber auch in vielen Ligen, zuletzt gehäuft. Bei 6,4 Prozent aller Verletzungen im Fußball ist der Kopf mit im Spiel. Für den Verband Anlass genug, das Thema Gehirnerschütterung verstärkt in den Fokus zu nehmen.

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Im Zuge einer Sensibilisierungskampagne zum richtigen Umgang mit Kopfverletzungen klärt die Uefa über mögliche Probleme im Zusammenhang mit Gehirnerschütterungen auf und zieht eine Änderung der aktuellen Spielregeln in Erwägung. Konkret steht die Einführung einer temporären Auswechslung im Raum. Hierfür hat sie das Thema bereits beim Fußball-Weltverband Fifa und den Regelhütern des International Football Association Board (Ifab) angesprochen. Schon 2014 hatte die Fifa ein Einlenken in dieser Angelegenheit angekündigt.

Betreuer sollen in Ruhe untersuchen können

In einem aktuellen Schreiben forderte Uefa-Präsident Aleksander Ceferin die Fifa auf, das Regelprotokoll sowie die Möglichkeit einer vorübergehenden Ersetzung eines Spielers zu überprüfen. Damit soll der Zeitdruck auf den medizinischen Betreuerstab genommen und eine Benachteiligung durch Unterzahl verhindert werden. Wie ein Sprecher des Ifab bestätigte, hat das Gremium bereits vor einiger Zeit begonnen, die medizinischen und sportlichen Auswirkungen von Gehirnerschütterungen auf der Grundlage von Berichten und Empfehlungen medizinischer Experten zu analysieren. Zudem werde dieses Thema auf den bevorstehenden Sitzungen der Beratungsgremien am 23. Oktober 2019 in Zürich und später auch auf der Jahresgeschäftsversammlung am 3. Dezember in Nordirland erörtert. Details über geeignete Maßnahmen könne das Ifab zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht benennen.

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Indes hat der DFB den Umgang mit Kopfverletzungen mit Beginn der laufenden Saison weiter professionalisiert und ein "Baseline-Screening" auf Grundlage des sogenannten "Scat-5-Tests" aller Bundesliga- und Zweitligaspieler eingeführt. Mit dem Test werden die Sporttauglichkeit der Spieler untersucht und verschiedene Teilbereiche der Hirnfunktion geprüft, die von einer Kopfverletzung betroffen sein können.

Football-Liga NFL dient als Vorbild

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Sichtbar benommen wurde Kramer im WM-Finale 2014 ausgewechselt.

(Foto: imago/Fotoarena International)

Zudem kann im Falle einer Kopfverletzung eine Partie durch den Schiedsrichter für die Behandlung entsprechend länger unterbrochen werden. Bislang haben Mannschaftsärzte auf dem Platz drei Minuten Zeit, um einen Verdacht auf Gehirnerschütterung zu beurteilen - für eine Diagnose viel zu kurz. Eine Alternative stellt das Concussion Protocol in der US-Football-Liga NFL dar.

Ähnlich dem Scat-5-Test werden Spieler bei Verdacht auf schwerwiegende Kopfverletzungen für ein "Medical Timeout" aus dem Spiel genommen und anhand einer Handlungsanweisung vor Ort untersucht. Bei Freigabe durch den Ärztestab des Teams sowie einen neutralen Neurologen kann der Spieler wieder in das Spiel zurückkehren - auch erst nach 15 Minuten.

Jährlich rund 44.000 Fälle in Deutschland

Wird eine Kopfverletzung hingegen nicht ernst genommen oder verkannt, besteht ein erhöhtes Verletzungsrisiko. Eine Erfahrung, die einst Oliver Glasner, Cheftrainer von Bundesligist VfL Wolfsburg, machen musste. Nachdem er als Spieler des SV Ried trotz einer leichten Gehirnerschütterung weiterhin am Training teilgenommen hatte, traten nach einer Kopfballeinheit plötzlich Hirnblutungen auf und der Österreicher musste operiert werden - das Karriere-Aus. Noch heute erinnert ihn eine 20 Zentimeter lang Narbe daran.

Allein in Deutschland werden im Sport jährlich rund 44.000 Gehirnerschütterungen diagnostiziert, die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Zu den prominentesten Fällen zählen etwa Fußball-Nationalspieler Christoph Kramer mit seinem Black-Out im WM-Finale 2014 gegen Argentinien sowie FC Liverpool-Torhüter Loris Karius, der im Champions-League-Finale 2018 trotz Gehirnerschütterung noch bis zum Schlusspfiff zwischen den Pfosten stand.

Quelle: n-tv.de, Jane Sichting, sid