"Feiere das, wenn dicke Luft ist"Bewaffneter BVB treibt ein Stadion in den kollektiven Hass
Von Stephan Uersfeld, Berlin-Köpenick
Große Aufregung im Stadion an der Alten Försterei. Emre Can wird zur Zielscheibe von Schmähgesängen. Doch den Dortmundern macht das wenig, vielmehr ziehen sie daraus eine Menge Energie. Plötzlich schauen sie mit einem zwinkernden Auge sogar in Richtung Meisterschaftskampf.
Steffen Baumgart verstand die Frage überhaupt nicht. Der Trainer von Union Berlin hatte der Pressekonferenz nach dem 0:3 (0:1) gegen Borussia Dortmund gerade erst eine verdiente Niederlage eingestanden, da sollte er sich zu dem Verhalten seiner Fans äußern. Diese hatten es sich ab Mitte der zweiten Halbzeit zur Aufgabe gemacht, gegen den Dortmunder Kapitän Emre Can zu pöbeln, in vereinter Erregung und mit Schmähgesängen, die sich vornehmend auf den eilends herbeiphantasierten Beruf der Mutter Cans Bezug nahmen.
"Die Rufe von der Tribüne? Also Leute!", sagte Baumgart. "Wenn ich jetzt auf alles reagieren soll, was aus dem Fanblock kommt, das lassen wir. Das ist Fußball. Da sind Emotionen. Ob das immer alles richtig ist, alles ladylike ist? Keine Ahnung. Aber, bitte! Damit habe ich nichts zu tun." Neben ihm stand der Dortmunder Trainer Niko Kovac und konnte sich überhaupt nicht an irgendwelche Gesänge erinnern. "Ich weiß nicht, wovon Sie reden", sagte er. "Ich war weit weg."
Leidenschaft ist nicht immer zu kontrollieren
Das Interesse an einer detaillierten Auseinandersetzung mit den Gesängen und Anfeindungen war auf Seiten der Trainer nicht vorhanden. Für sie, die ihre Schlachten als Spieler in den 1990er und 2000er Jahren geschlagen hatten, erschienen derartige Schmähungen zumindest nicht bemerkenswert. Auch diese waren einst Teil einer von Teilen der Anhänger stets romantisierten Zeit des Fußballs. Es ist eine, aus der sich wohl auch der im Ausland genutzte Claim der Liga nutzt. Der lautet: "Football as it's meant to be" und heißt übersetzt so viel wie "Fußball, wie er sein soll."
Der Fußball, für den die Liga wirbt, ist einer voller überbordender Leidenschaft. Er ist ein Plädoyer für die wilde Kultur auf den Rängen, mit all den Gesängen, Fahnen und wohl auch mit den roten Lichtern, die zuweilen den Platz vernebeln. Es ist einer, der sich noch nicht ganz kontrollieren lässt und in dem deswegen die Dinge zuweilen verbal aus dem Ruder laufen. Denn Leidenschaft kann außer Kontrolle geraten, schlägt dann auch in Entgleisungen aus.
"Unsere Fans machen eine geile Stimmung, aber es waren ein, zwei Sprüche dabei, die einfach einen Ticken zu viel sind", sagte Union-Angreifer Ilayas Ansah nach dem Spiel. Immer wieder war er zuvor gegen Can angelaufen, und in den meisten Fällen gescheitert. Es waren Duelle am Rande der Legalität. Die Sache mit der aus dem Ruder laufenden Leidenschaft aber sah er anders: "Das waren normale Zweikämpfe. Er hat mich gefoult, ich habe ihn gefoult. Das gehört zum Fußball. Das von den Fans dann nicht."
Union-Fans vergessen nicht
Eine der Eigenschaften der Anhänger von Union Berlin ist jedoch: Sie können einfach nicht vergessen. Sie vergessen nicht, wenn irgendwann einmal ein Spieler das Trikot der Eisernen getragen hat, dann ist er ein Fußballgott. Sie vergessen aber auch nicht, wenn irgendwann einmal ein Spieler nur den Anschein erweckt hat, mit wahrgenommener Ungerechtigkeit einen der ihren, einen der Fußballgötter anzugreifen oder bloßzustellen.
Jonathan Tah, der Verteidiger des FC Bayern, kann davon erzählen, der ehemalige BVB-Kapitän Marco Reus auch und nun mit Emre Can auch einer seiner Nachfolger. Der 32-Jährige hatte Borussia Dortmund in der 10. Minute mit einem Foulelfmeter in Führung gebracht, was verzeihlich ist und sich später in der 59. Minute ein Gerangel mit Janik Haberer geliefert.
Sein Gegenspieler war dabei nach einem harmlosen Schubser auf die Erde gefallen und hat dabei den Anschein einer schweren Attacke auf seine körperliche Gesundheit erweckt. Schiedsrichter Robert Hartmann schlichtete mit einer Gelben Karte für Can, der wenig später nach einem weiteren Zweikampf verletzt im Strafraum vor der Waldseite, dem Stimmungszentrum des Stadions an der Alten Försterei, lag. Die Waldseite war außer sich.
Kovac schützt Can
"Ich glaube, er mag das", sagte BVB-Keeper Gregor Kobel über die eskalierende Atmosphäre. "Ich glaube, das gefällt ihm, muss ich sagen. Ich spiele auch relativ gerne auswärts. Ich feiere das auch, wenn da Stimmung aufkommt, wenn da ein bisschen dicke Luft ist, und, so wie ich Emre einschätze, fand er das eigentlich auch ganz cool."
Can schritt nach diesen Scharmützeln noch einige Minuten über den Platz, ging zu einem Einwurf und hörte sich die Gesänge an, die eben auch das Eingeständnis einer Niederlage waren. Can lebte den Moment, war aber dermaßen im Zentrum der Aufmerksamkeit, dass ihm eine Rote Karte drohte. Kovac wechselte ihn aus. "Ich musste ihn runternehmen, weil schon die Gefahr bestand, dass wir mit einem Mann weniger spielen."
Das wäre für die mit überraschender Aggressivität in Berlin auflaufenden Dortmunder womöglich ein Problem gewesen. Zwar führten sie durch die Treffer von Can und Nico Schlotterbeck (Kopfball, 54. Minute) da bereits mit 2:0, doch noch waren über 20 Minuten zu spielen.
Der BVB wollte die zehnte weiße Liga-Weste für Kobel, das zehnte Bundesliga-Spiel der Saison ohne Gegentor nicht riskieren. Can ging und Anselmino kam. Der grätschende Argentinier nahm Druck aus dem Kessel, der BVB legte in der 84. Minute durch einen feinen Abschluss Maxi Beiers nach Vorarbeit des starken Jobe Bellingham nach.
Ricken reist mit "Messer zwischen den Zähnen an"
Später stand BVB-Sportgeschäftsführer Lars Ricken bei den Reportern, er war stolz. "Wie die Jungs sich da in die Zweikämpfe reingeworfen haben", sagte er. "Hier in Berlin geht's darum, mit Messer zwischen den Zähnen die Zweikämpfe anzunehmen. Das hier in Berlin ist kein Zirkus, wo du nur mit Kunststückchen gewinnst. Da geht es Mann gegen Mann, wer gewinnt die Duelle und die entscheidenden haben wir geholt."
Genau das hatten die Dortmunder nach ihrem desaströsen Auftritt bei Tottenham Hotspur getan. Bei Union Berlin waren in dieser Saison mit dem VfB Stuttgart (1:2), dem RB Leipzig (1:3) sowie dem FC Bayern (2:2 in der Nachspielzeit) schon drei große Mannschaften gestolpert. Borussia Dortmund aber hatte den Kampf angenommen, sich in den Pfiffen der Union-Fans gebadet und den Abend sichtlich genossen.
Am Ende: Umarmungen
"In dem Hexenkessel musst du auch als gegnerische Mannschaft Emotionen zeigen. Du musst Dich wehren", sagte Ricken. Das war den Dortmundern gelungen. Sie gönnten sich nach der Niederlage sogar den Spaß, auf die Tabelle zu schauen. "Die Bayern müssen noch zu uns", sagte Schlotterbeck halb im Scherz. Bei acht Punkten Rückstand auf den Tabellenführer bleiben höhere Ziele für den BVB in dieser Saison Utopie.
Im Eiskeller in Berlin hatten sie bei gefühlt minus 10 Grad an diesem Samstag die Emotionen der Heimfans hochkochen lassen. Emre Can wird das verschmerzen können. Sie hatten Union Berlin bis auf eine wenig aktive Phase vor der Pause kaum Luft gelassen, sie die Baumgart-Elf mit ihren eigenen Waffen niedergestreckt und sich mit diesem Erfolg eine komfortable Position in der Tabelle gesichert.
Es war ein Spiel mit Fußball aus einer anderen Zeit. Der BVB hatte ein Stadion gegen sich aufgebracht und die Punkte genommen. Welch erfolgreicher Ausflug in den tiefen Osten. Nach der Pressekonferenz schritten Baumgart und Kovac in großer Einigkeit in den Abend, sie umarmten sich freundschaftlich und verschwanden. Auch das ist Fußball.