Fußball

Nur Kosmetik im Korruptionsstadel Blatters FIFA macht sich lächerlich

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"Wenn du nicht mehr weiter weißt, gründe einen Arbeitskreis": FIFA-Boss Joseph Blatter mit seinem Statuten-Reformer, DFB-Präsident Theo Zwanziger.

(Foto: REUTERS)

Fünf Monate nach seiner umstrittenen Wiederwahl präsentiert FIFA-Präsident Joseph Blatter seine versprochenen Reformen. Echte Maßnahmen hin zu Transparenz und Korruptionsbekämpfung fehlen. Kriminelle Funktionäre bleiben im Amt, erst 2012 soll es Beschlüsse geben. Seltsam: Transparency International applaudiert trotzdem.

Die letzten beiden Pressekonferenzen mit FIFA-Präsident Joseph Blatter endeten im Stechschritt. Fluchtartig verließ der 75-jährige Schweizer jeweils das Podium, als ihm die Journalistenfragen zu kritisch wurden. Diesmal ist Blatter nicht geflüchtet. Eine Farce war die Pressekonferenz im FIFA-Hauptquartier trotzdem.

Fünf Monate ist es her, dass Blatter auf einem skandalumwitterten FIFA-Kongress wiedergewählt wurde. Damals hatte er grundlegende Reformen versprochen gegen die systemische Korruption im Fußball-Weltverband, und das Motto "Null Toleranz" ausgegeben. Nach einer zweitägigen Sitzung des FIFA-Exekutivkomitees stellte Blatter die vermeintlichen Reformen nun in Zürich vor - und entlarvte sein damaliges Versprechen als weiteres Täuschungsmanöver.

Was Blatter im FIFA-Home präsentierte, trägt zwar das Gütesiegel der Korruptionsbekämpfer von Transparency International. Reformen sind die präsentierten Maßnahmen nicht, sondern nur Placebos für die Öffentlichkeit. Im Prinzip bestätigte Blatter nur die dürren Maßnahmen, die er schon beim FIFA-Kongress angekündigt hatte, nämlich:

  • Weltmeisterschaften werden künftig nicht mehr vom Exekutivkomitee, sondern von allen 208 FIFA-Mitgliedsverbänden bestimmt
  • Das Ethik-Komitee der FIFA wird ab Juni 2012 umgebaut (zwei voneinander unabhängige Kammern: Anklage und Gericht) und ebenfalls künftig vom FIFA-Kongress gewählt, allerdings erstmals 2013
  • Es wird die angekündigte "Lösungskommission" geben, die aber Komitee für Governance & Compliance heißen, im Dezember gegründet werden und aus 15 bis 18 Mitgliedern bestehen soll. Vier FIFA-interne Task-Forces – Überarbeitung der FIFA-Statuten (Chef: DFB-Präsident Theo Zwanziger), Ethikkomitee, Transparenz & Compliance, Fußball 2014 (Chef: Franz Beckenbauer) – werden dem neuen Komitee zuarbeiten, das dem Exekutivkomitee Bericht erstatten muss. Das entscheidet dann über weitere Schritte
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Die FIFA-Revolution auf einem Blatt Papier.

(Foto: REUTERS)

Außerdem wiederholte Blatter seinen Wunsch, dass künftig mindestens eine Frau dem FIFA-Exekutivkomitee angehören soll. Das war es schon. Fünf Monate nach dem FIFA-Kongress, mehr als zwölf Monate nach dem Bekanntwerden der Bestechungsvorwürfe gegen FIFA-Funktionäre vor der WM-Vergabe, war Blatter außerstande, konkrete und sofort greifende Maßnahmen zu präsentieren. Stattdessen legte er einen Zeitplan vor, der erst für Juni 2012, beim nächsten FIFA-Kongress, erste Beschlüsse vorsieht. Trotzdem lobte Blatter sich und seine Vorstandskollegen selbst und befand, das sei ein "Formel-1-Fahrplan".

Neue Strukturen mit altem Personal

Personelle Veränderungen wird es in der FIFA nicht geben. Auf die Frage, ob er als langjähriger Präsident und damit Verantwortlicher der gegenwärtigen FIFA-Krise jemals an Rücktritt gedacht habe, sagte Blatter: "Ich bin gewählt worden und wurde beauftragt, die FIFA wieder in Ordnung zu bringen. Ich habe überhaupt nicht die Absicht zurückzutreten." Das FIFA-Exekutivkomitee, zu dem auch DFB-Präsident Theo Zwanziger gehört, sei laut Blatter "entspannt und glücklich": "Wir sind glücklich, weil wir uns vorwärts bewegen und Lösungen finden."

Die unter massivem Korruptionsverdacht stehende WM-Vergabe 2022 an Katar war kein Thema in Zürich. Auch ein Umbau des Exekutivkomitees steht nicht auf der FIFA-Agenda, obwohl gegen acht von 23 aktuellen Mitgliedern teils schwere Korruptionsvorwürfe im Raum stehen. Darauf angesprochen sagte Blatter nur: "Diese Zahlen sind definitiv nicht korrekt." Allerdings sollen die Exekutivmitglieder von den Task Forces auf kriminelle Delikte und Interessenskonflikte durchleuchtet werden. Welche Maßnahmen korrupten Mitgliedern drohen, sagte Blatter nicht.

Selbst die vermeintlich von Blatter forcierte Veröffentlichung der von der FIFA geheim gehaltenen ISL-Akten, über die vorab spekuliert worden war, wurde in Zürich nicht verkündet. Stattdessen teilte Blatter nur mit, das Exekutivkomitee habe einer erneuten Untersuchung des Falls zugestimmt. Wenn Maßnahmen zu ergreifen seien, werde eine externe, nicht näher beschriebene Organisation damit beauftragt. Nachfragen zum Thema ISL verbat sich der neue FIFA-Kommunikationschef Walter de Gregorio aufgrund der Komplexität des Falls.

Dabei ist der ganz einfach: Hochrangige FIFA-Funktionäre haben unter Duldung der Weltverbandsspitze jahrelang Millionen-Schmiergelder des 2001 kollabierten Sportrechtevermarkters ISL kassiert. Damit die Namen nicht bekannt werden, haben die FIFA und zwei Funktionäre 5,5 Millionen Schweizer Franken an Schweigegeld gezahlt. Versuche von Medien wie der "Handelszeitung", die Einstellungsverfügung öffentlich zu machen, blockieren die FIFA-Anwälte konsequent.

Applaus für Nebelkerzen

Trotz der neuen Nebelkerzen spendete Sylvia Schenk, Vorstandsmitglied bei Transparency International und Beraterin der FIFA bei ihren "Reformen", Blatter Applaus. "Die FIFA hat die Kurve gekriegt, aber jetzt geht die Arbeit los", sagte Schenk (zur TI-Pressemitteilung), die dem 75-jährigen Schweizer schon vorab eine "wilde Entschlossenheit" zu Änderungen attestiert hatte.

Der Journalist und FIFA-Kenner Jens Weinreich war weniger beeindruckt. Während Blatter noch seine Maßnahmen präsentierte, twitterte er: "Wer das Reform nennt, ist ein Idiot und betreibt FIFA-Propaganda."

Quelle: ntv.de

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