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Underdogs bereichern Halbfinale Champions League, du kannst so toll sein!

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Jubeln nach dem 1:1 im Hinspiel gegen Juventus: Ajax' junge Wilde.

(Foto: imago images / MIS)

Die Jungspunde von Ajax Amsterdam und der Favoritenschreck Tottenham Hotspur treffen sich im Halbfinale der Champions League zum Duell der Underdogs. Die Fußballromantiker jubeln. Champions League zum Träumen - nach langer Zeit endlich mal wieder.

Die Champions League lebt. Und wie! Danke Ajax Amsterdam, danke Tottenham Hotspur – zum ersten Mal seit 15 Jahren bewegt dieser Wettbewerb wieder richtig. Dass man mit Mut zur Offensive und Teamgeist in Zeiten der absoluten Geld-Dominanz überhaupt noch so viel erreichen kann, haben sich nicht mal die größten Fußballromantiker erträumen lassen.

Zum ersten Mal seit 15 Jahren (2004 spielten der FC Porto und AS Monaco sogar im Finale) stehen mit Ajax und den Spurs endlich wieder zwei Außenseiter unter den letzten vier – und Fußballromantiker geraten gnadenlos ins Schwärmen. Ajax, ein Team aus Jungspunden, das mit wunderschönem Offensivfußball zwei der schwersten Schwergewichte des Europäischen Fußballs, Real Madrid und Juventus Turin, entzaubert. Und Tottenham, das lieber an seinen Spielern festhält, als für aberwitzige Millionensummen einzukaufen und mit Schnelligkeit, Zielstrebigkeit und Power erst Borussia Dortmund und dann die milliardenschweren Citizens aus Manchester ausschaltet.

Ajax: mutig, kreativ, wunderschön

Achtelfinalrückspiel in Madrid: Eine klasse Körpertäuschung lässt den ersten Gegenspieler stehen, doch die Krönung folgt erst noch: Dušan Tadić, Stürmer bei Ajax Amsterdam, tritt kurz mit links auf den Ball, als sich Real Madrids Kante Casemiro vor ihm aufbaut. Dabei dreht er sich um die eigene Achse, führt den Ball mit rechts weiter und schwebt förmlich am Brasilianer vorbei. Es ist einer dieser seltenen Momente, in denen dem Fußballfan die simple, irgendwie aber auch magische Schönheit des Fußballsports vor Augen geführt wird. Als I-Tüpfelchen spielt Tadić direkt im Anschluss an diesen sogenannten Zidane-Trick einen Zuckerpass zum zwischenzeitlichen 2:0 für Ajax Amsterdam. Zum Zungeschnalzen!

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4:1 gewinnt Ajax gegen das große Real. In Madrid wohlbemerkt. Real ist heillos unterlegen. Real nimmt seinen Gegner nicht ernst genug. Abwehrspieler Sergio Ramos unterschätzt Ajax gar so sehr, dass er sich im Hinspiel absichtlich eine Verwarnung abholt, um im Rückspiel gesperrt zu sein und im schon eingeplanten Viertelfinale dann wieder spielen zu können. Als abermaliger Underdog lässt das Team um Tadić dann ein besonders in der zweiten Hälfte brillant herausgespieltes und dominantes 2:1 gegen Juve und ihre umjubelte Abwehrreihe folgen. In Turin wohlgemerkt.

Mutig, kreativ und einfach wunderschön anzusehen: So spielt Ajax in der Saison 2018/19. Und das ist kein Zufall. Trainer Erik Ten Hag lässt mit einer Mischung aus Pep Guardiolas Kombinationsspiel (Ten Hag trainierte von 2013 bis 2015 Bayern II, der Cheftrainer hieß damals Pep Guardiola) und Johann Cruyffs offensivem "Voetbal Totaal" spielen. In dessen System soll sich die komplette Mannschaft ins Angriffs- aber auch ins Abwehrspiel einbringen – und auf diese Weise verzauberte Ajax bereits in den 1990ern ganz Europa. Der Serbe Tadić steht sinnbildlich für diesen spielstarken Offensivfußball mit seinen 32 Toren und 18 Vorlagen (Champions League: sechs Tore, drei Vorlagen). Rekordmeister Bayern München kennt ihn nach seinen zwei Toren beim atemberaubenden 3:3 im Gruppenspiel im vergangenen Dezember nur zu gut.

"Baby Ajax" erntet Früchte

Das Besondere an diesem Erfolgslauf und ein weiterer Grund, der Fußballromantikerherzen tanzen lässt: Ajax hat ein Team bestehend aus Jungspunden, fast ohne Champions-League-Erfahrung. Kapitän Matthijs de Ligt ist erst 19 und war bei Amsterdams letztem Halbfinale in der Champions League 1997 noch gar nicht geboren. Donny van de Beek, Dani de Wit (21 Jahre), Frenkie de Jong, David Neres (22) und André Onana (23) sind nicht viel älter. Die italienische "Gazzetta dello Sport" tauft sie nach dem Sieg gegen Juventus "Baby Ajax". Außerdem: De Ligt, van de Beek, de Wit und Daley Blind (zwischendurch vier Jahre bei Manchester United) sind alles Eigengewächse.

Solche Mannschaften schaffen es hier und da ins Achtelfinale der Champions League, ganz vielleicht mal ins Viertelfinale. Aber Ajax stürmt nun mindestens vor bis ins Halbfinale - und das mit dem deutlich kleinsten Marktwert der acht Viertelfinalisten (420 Millionen Euro laut transfermarkt.de, etwa ein Drittel von Barcelonas Marktwert). Ein Erfolg der Offensive und der Kreativität, aber auch nach Plan: Ajax lässt nach der Saison 2017/18 ganz gezielt keine Spieler abwandern, als große Vereine wegen de Jong oder de Ligt anklopfen - um jetzt die Früchte zu ernten.

Tottenham: Underdog ohne Einkäufe

Mit Tottenham steht nun ein weiterer Außenseiter unter den letzten vier der Champions League, seit ihrem Uefa-Cup-Sieg 1984 spielen sie europäisch kaum eine Rolle. Das fesselnde 3:4 gegen Manchester City - wohl eines der mitreißendsten und spannendsten Spiele überhaupt in diesem Wettbewerb mit zwei späten Entscheidungen des Video-Schiedsrichters - gibt Fußballromantikern nun wirklich den Rest. Auf der einen Seite Pep Guardiolas 1,14 Milliarden Euro schwere Truppe (transfermarkt.de) und auf der anderen die Spurs (838 Millionen Euro), die in den vergangenen zwei Transferperioden überhaupt keinen Spieler einkauften und darauf setzen, langfristig mit den gleichen Spielern zu spielen.

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In der Gruppenphase scheidet Tottenham noch fast aus, nur der direkte Vergleich mit Inter Mailand rettet das Team ins Achtelfinale gegen Dortmund. Dort können sich die Nordlondoner noch auf die Treffsicherheit ihres Ausnahmestürmers Harry Kane verlassen. Doch als dieser wegen einer Knöchelverletzung gegen Manchester ausfällt, trauen ihnen die Wenigsten den Halbfinaleinzug zu. Zumal der eine Mittelfeld-Organisator, Eric Dier, seit März verletzt ist und der andere, Moussa Sissoko, im Rückspiel gegen City vom Platz humpelt. Mehr Underdog gegen die Guardiola'sche Übermacht geht kaum.

Champions League, du kannst so toll sein

Aber die Spurs beeindrucken im Viertelfinalrückspiel gegen Manchester City, wie schon die ganze Saison, mit so viel Schnelligkeit, Teamgeist und Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor, dass der neutrale Fußballfan schlichtweg jauchzen muss (das gilt übrigens genauso für Guardiolas Team): Champions League, du kannst so toll sein! Offensivdrang, präzise Pässe, geniale Abschlüsse: Schon die ersten zehn Minuten sind faszinierender als manches komplette Viertelfinalspiel der vergangenen Jahre. Von den finalen Minuten ganz zu schweigen.

Ajax Amsterdam und Tottenham Hotspur brechen die ungeschriebene Regeln der Champions League, indem sie ins Halbfinale vorstoßen. Und das ist gut so. Der Wettbewerb lief seit zehn Jahren Gefahr, zu einer langweiligen Affäre zu verkommen. Quatsch, er war es schon. Außenseiter hatten in dieser von Milliardensummen beherrschten Fußballelite nichts mehr zu suchen, die üblichen Verdächtigen tummelten sich Jahr für Jahr im Halbfinale, Real Madrid oder der FC Barcelona gewannen (sieben Titel in den vergangenen zehn Jahren).

Die Stunde der Fußballromantiker schlägt

Doch jetzt schlägt endlich wieder einmal die Stunde der Fußballromantiker - wer weiß, vielleicht zum letzten Mal. Die Jungspund-Truppe aus Amsterdam wird nach dieser wohl auseinanderbrechen: De Jong wechselt für 75 Millionen Euro zu Barcelona, de Ligt folgt ihm wohl oder wechselt zu den Interessenten aus München, Madrid oder Manchester. Genießen wir es, solange wir können.

Danke Ajax, danke Tottenham!

Quelle: n-tv.de

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