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Wie läuft's bei ... Timo Werner? Chelsea weckt die unguten DFB-Erinnerungen

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Vollendet: Timo Werner traf erstmals in der Premier League.

(Foto: imago images/PA Images)

Fünf Spiele dauert es, bis Timo Werner zum ersten Mal in der Premier League trifft. Die Erwartungen an den 50-Millionen-Transfer sind hoch beim FC Chelsea, nun liefert der deutsche Nationalspieler erstmals ab. Allerdings erinnert Werners neuer Klub leider an die DFB-Elf.

Timo Werner sorgte bei Ralph Hasenhüttl für mächtig schlechte Laune. "Das ist zu einfach", schrie der Trainer des FC Southampton, nachdem der Stürmer mit einer eindrucksvollen Einzelleistung die Führung für den FC Chelsea erzielt hatte. Ohne den Ball überhaupt zu berühren, tunnelte der 24-Jährige knapp 40 Meter vor dem Tor Southamptons bemitleidenswerten Verteidiger Jan Bednarek. Indem er nur so tat, als würde er den Pass von Ben Chilwell annehmen. Stattdessen aber drehte sich Werner, sprintete vorbei an Bednarek und mit dem Ball in den Strafraum, ließ dort zwei weitere Abwehrspieler stehen, bevor er sein Kunstwerk im Fallen vollendete.

Ziemlich sehenswert, dieses erste Premier-League-Tor des deutschen Nationalspielers, der gleich noch ein zweites nachlegte. Wieder ließ er Bednarek alt aussehen, diesmal nach einem langen Schlag von Jorginho. Werner gewann das Laufduell, überlupfte Torwart Alex McCarthy und drückte den Ball mit dem Kopf sanft über die Linie. Weil der Angreifer außerdem das dritte Tor der Blues für Kai Havertz nach Doppelpass mit Christian Pulisic auflegte, schrieb der "Independent" nach dem Spiel: "Der 24-Jährige war für alles Gute verantwortlich, das Chelsea heute produziert hat."

Leider - zumindest aus Werners Sicht - erinnert sein neuer Klub aber sehr an die DFB-Elf. Zumindest in der Hinsicht, dass er eine eindrucksvolle Offensive mit besorgniserregender Defensive verbindet. Denn auch Southampton traf dreifach und Chelsea hatte am Ende trotz 2:0- und 3:2-Führung sogar etwas Glück, nicht als Verlierer vom Platz zu gehen. Weshalb Werner hinterher einen bekannten Spruch bemühte, "den wir in Deutschland immer sagen: Es ist nicht die Offensive, die Titel gewinnt, sondern die Defensive." Und in dieser Defensive "müssen wir besser werden". Coach Frank Lampard sollte sich dem "Guardian" zufolge "Sorgen machen, dass all die gute Arbeit von Timo Werner und Kai Havertz nicht verschwendet wird".

"Turbo Timo" bald wie Drogba?

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Gemeinsam mit Pulisic bereitete Werner das Tor von Havertz vor.

(Foto: Pool via REUTERS)

In der jungen Mannschaft - gegen Southampton waren nur vier Startelf-Spieler älter als 25 Jahre - ist Werner schon jetzt ein Fixpunkt. Der US-Sender "CBS Sports" bescheinigte ihm seine bisher "beste Leistung für Chelsea", der nach einem verhaltenen Saisonstart langsam in Fahrt zu kommen scheint. Werner ist dabei als Abschlussspieler vorgesehen und bekommt damit die Aufgabe, der seit dem Abgang von Diego Costa im Sommer 2017 niemand nachhaltig gewachsen schien. Seitdem gelang es nämlich keinem Chelsea-Stürmer, 20 oder mehr Tore in einer Premier-League-Saison zu erzielen.

"Wer ihn in Leipzig nicht spielen gesehen hat, bekam [gegen Southampton] eine Demonstration seiner Stärken präsentiert", so der "Independent", der Werners Geschwindigkeit hervorhob, seine Geistesgegenwart und sein Gespür für unkonventionelle Wege zum gegnerischen Tor. Das Offensiv-Quartett - Werner, Havertz, Pulisic, Mount - wechselte immer wieder die Positionen, wodurch Werner bei seinem ersten Treffer über die linke Seite kam, bei seinem zweiten einen Pass durch die Mitte veredelte und seine Vorlage von der rechten Außenbahn aus einleitete.

Diese Vielseitigkeit macht Werner nicht nur für Chelsea wertvoll, sondern könnte ihn auch in der deutschen Nationalelf endgültig unverzichtbar machen. Dann nämlich, wenn er zusätzlich zu seinem Tempo seine Torgefahr aus dem letzten Jahr in Leipzig wiederfindet. In England nennen sie ihn "Turbo Timo", was ihn "etwas überrascht hat", wie er dem "Guardian" im September verriet: "Aber es ist nicht der schlechteste Spitzname." Denn: "Schnell zu sein bedeutet, dass ich Chancen kreiere. Vielleicht sagen die Leute dann bald, dass 'Turbo Timo' viele Tore schießt."

Die jüngere Klubgeschichte ist durchaus gespickt von großen Angreifern, vor Costa prägten Fernando Torres, Didier Drogba oder Nicolas Anelka die Offensive, auch Jimmy Floyd Hasselbaink ist vielen im Gedächtnis geblieben. Für seine ersten zwei Treffer brauchte Werner zwar fünf Spiele, dazu kommen aber immerhin schon zwei Vorlagen. Um der nächste große Chelsea-Stürmer zu werden, muss der 24-Jährige den nächsten Schritt in seiner Karriere machen - den nicht nur Trainer Frank Lampard ihm absolut zutraut.

Werner konkurriert mit Bayern-Profis

Gegen Southampton demonstrierte der 24-Jährige erstmals eindrücklich, wieso er in der vergangenen Bundesliga-Saison 28 Mal jubeln durfte. Der Druck ist dabei hoch auf den Deutschen, weil die Londoner einerseits viel Ablöse für ihn bezahlten und er andererseits in diesem Sommer bei weitem nicht der teuerste Neuzugang bei Chelsea war.

Allein für Havertz investierten die Blues rund 100 Millionen Euro, insgesamt liegen die Ausgaben für die beiden deutschen Offensivspieler, Abwehrmann Chilwell, Spielmacher Hakim Ziyech und Torhüter Edouard Mendy bei mehr als einer Viertelmilliarde Euro. Das Ziel ist klar: Nach den Plätzen vier, drei und fünf in den vergangenen Jahren soll bald die siebte Meisterschaft her.

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Die (öffentlichen) Erwartungen sind beim FC Chelsea deutlich größer als in Leipzig. Werner wechselte auch deshalb nach London, weil er sich selbst herausfordern wollte. Eine neue Liga, eine neue (Alltags-)Sprache, ein größerer Verein mit deutlich mehr Tradition. Gelingt dieser Reifeprozess, profitiert nicht nur sein Klub davon, sondern auch Bundestrainer Joachim Löw. Denn diesen Druck, Titel zu gewinnen, haben sonst im DFB-Kader nur die Profis des FC Bayern und Toni Kroos bei Real Madrid. Für zweite Plätze gibt niemand 250 Millionen Euro aus.

Wenn es Werner gelingt, an dieser Aufgabe zu wachsen, prägt er das Spiel des FC Chelsea über Jahre. Es würde ihm aber auch dabei helfen, eine feste Achse im DFB-Team zu finden. Besonders dann, wenn er und Kai Havertz ein Zusammenspiel entwickeln, schließlich ist auch der Ex-Leverkusener unter Joachim Löw bisher eher auf der Bank zu finden. Der Bundestrainer aber hat vom Verband die Vorgabe, bei der Europameisterschaft im nächsten Sommer mindestens das Halbfinale zu erreichen. Ein druckresistenter Timo Werner würde dabei sicherlich helfen.

Quelle: ntv.de