Fußball

Gehirnerschütterung als Gefahr DFL verpasst Signal für mehr Verantwortung

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Eine Entscheidung, die Kopfschmerzen verursacht.

(Foto: picture alliance / SvenSimon)

Seit Anfang Februar darf im englischen Fußball ein zusätzliches Mal gewechselt werden, sollte ein Spieler Anzeichen einer Gehirnerschütterung zeigen. Auch die Bundesliga hätte bei dem Testlauf mitmachen können. Doch die DFL lehnt ab und beharrt weiter auf ihrem eigenen Weg.

Im Fußball hält sich noch immer so manche krude Vorstellung. Wenn Marius Wolf trotz doppelten Bänderrisses für den 1. FC Köln spielt, feiert ihn sein Trainer als "harten Hund". Der zweifache Deutsche Meister Neven Subotic erzählte mal der ARD, dass er erlebt hat, dass Schmerztabletten in der Kabine wie Smarties verteilt werden. Auch das kurze WM-Finale 2014 von Christoph Kramer taugt als Beispiel. Nachdem er nach einem Kopftreffer K.o. gegangen war, fragte der Mittelfeldspieler den Schiedsrichter Nicola Rizzoli, ob das Spiel wirklich das Finale sei.

Worüber oft gewitzelt wird, stellt sich für die Betroffenen oft als weniger spaßig heraus. Kramer kann sich bis heute an nichts erinnern, was vor sieben Jahren im Maracanã in Rio passiert ist. Kopfverletzungen im Fußball sind ein Problem. Im Dezember 2020 starteten die Regelhüter des International Football Association Board (IFAB) deshalb eine Testphase, in der sie Ligen ermöglichten, eine zusätzliche Auswechslung bei Verdacht auf Gehirnerschütterungen zu erlauben. Konkret geht es dabei um das "Second Impact Syndrom", vor dem Mediziner warnen. Gibt es einen zweiten Schlag gegen den Kopf, kann dieser im schlimmsten Fall tödlich enden.

Die "Kommission Fußball" der Deutschen Fußball-Liga (DFL) entschied nun, sich diesem Testversuch nicht anzuschließen. Gegenüber dem "Kicker" wurde das damit begründet, dass es in Corona-Zeiten sowieso möglich ist, fünfmal zu wechseln und viele Mannschaften diese Möglichkeit häufig nicht komplett ausreizen (in mehr als der Hälfte der Spiele). Ein Team darf für ihre fünf Wechsel (abgesehen von der Halbzeit) die Partie nur dreimal unterbrechen. So kann es sein, dass das Kontingent nicht ausgereizt ist, ein Verletzter dennoch nicht ausgetauscht werden darf.

Anderorts ist man schon weiter

Den Regelhütern ging es nicht nur um das Wechselkontingent. Klar, in erster Linie sollte es durch eine Gehirnerschütterung nicht belastet werden. Doch dahinter steckt der Gedanke, einen Anreiz zu setzen, dass Spieler nicht erst dann das Feld verlassen, wenn sie völlig orientierungs- oder sogar bewusstlos sind, sondern schon früher. Es sollte den Druck aus der Entscheidung nehmen und die Gesundheit der Profis schützen. Es geht auch um ein Zeichen. Die DFL aber will die Lage erst dann "neu bewerten", wenn die Bundesliga zur Drei-Wechsel-Regel zurückgekehrt ist.

Die englische Premier League hat die Lage komplett anders bewertet. In der zweiten Corona-Saison gilt die Fünf-Wechsel-Sonderregel dort nicht mehr, aber umso mehr begrüßte man die Initiative des IFAB. Teams dürfen deshalb seit Anfang Februar zum vierten Mal wechseln, sollte ein Spieler Symptome einer Gehirnerschütterung zeigen, sie später entwickeln oder das Bildmaterial darauf hindeuten. Am Wochenende kam es erstmalig zum Einsatz, als Manchester Citys João Cancelo mit dem Knie am Kopf von Rob Holding hängen geblieben ist. Der Arsenal-Spieler blieb daraufhin liegen und Gunners-Coach Mikel Arteta musste zum vierten Mal wechseln.

Ende 2020 hat sich das Bewusstsein für Kopfverletzung auf der Insel gewandelt. Im November wurde öffentlich, dass Nationalheld Sir Bobby Charlton an Demenz leidet. So wie ihm geht es vielen hochbetagten britischen Fußballspielern. 2019 bewies die Universität Glasgow, dass Fußballspielen das Risiko für eine degenerative Hirnerkrankung erhöht. Aktuell untersucht eine Studie die Auswirkungen für ehemalige Profis.

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Im American Football, der Sport, bei dem spektakuläre Tacklings auf der Tagesordnung stehen, ist man viel weiter als der Fußball. Seit 2009 gibt es in der NFL das "Concussion Protocol". Es ist das Ergebnis eines jahrelangen Rechtstreits zwischen Profis und Offiziellen. Die NFL musste in einem Vergleich Hunderte Millionen US-Dollar an zahlreiche Ex-Spieler auszahlen. Die jüngste Fassung sieht vor, dass zwei unparteiische Beobachter, sogenannte "Spotter", per Fernglas und mit Bildschirm das Geschehen auf dem Feld verfolgen und eingreifen, wenn sie eine potenzielle Gehirnerschütterung erkennen. Weckt das Verhalten eines Spielers den Verdacht einer Kopfverletzung, muss er sich am Seitenrand einem Test unterziehen. Anschließend beurteilt ein neutraler Neurologe, ob eine kurzfristige Rückkehr aufs Feld möglich ist.

In der Bundesliga wird es vorerst dabei bleiben, dass Spieler ohne größere Untersuchung wieder auf den Rasen zurückkehren können. Zwar werden sie seit 2019/20 vor jeder Saison bei einem sogenannten "Baseline Screening" untersucht, den zusätzlichen Wechsel lehnt die DFL aber weiterhin ab. Dabei hätte es zur Not auch einen Kompromiss geben können: Die Obergrenze von fünf Wechseln bleibt bestehen, dafür wird aber neu geregelt, wann gewechselt werden darf. Die DFL hätte aus den Erfahrungen der Premier League und der NFL lernen können. Sie hätte einen wichtigen Impuls setzen können. Profis, die mit Kopfverletzungen weiterspielen, sind eben keine "harten Hunde", sondern sie gefährden langfristig ihre Gesundheit. Stattdessen will DFL die Lage später "neu bewerten".

Quelle: ntv.de

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