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Video, Transfers, Verletzungen Darum endet Kölns Seuchenjahr im Abstieg

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Drama in Freiburg - passend zur gesamten Saison des 1. FC Köln.

(Foto: imago/Sportnah)

Vor einem Jahr liegt sich ganz Köln in den Armen, jetzt steigt der FC nach einer beispiellosen Seuchensaison ab. Auch die Verhältnisse in der Fußball-Bundesliga sind verantwortlich dafür. Eine Analyse.

Am Ende war es wieder Drama. Wie ein siechender Kranker hatte sich der 1. FC Köln durch das Fußballjahr geschleppt. Beim SC Freiburg verlor der FC erneut, 2:3 (0:1), nachdem das Team zuvor ein 0:2 aufgeholt hatte. Es war der passende Sargnargel der Kölner Saison. Der Klub ist damit am drittletzten Spieltag aus der Fußball-Bundesliga abgestiegen, insgesamt zum sechsten Mal in der Vereinsgeschichte. Nur Nürnberg und Bielefeld mussten häufiger den Gang in die zweite Liga antreten. Köln hat wohl noch nie in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine emotional so wechselhafte Spielzeit erlebt. Dagegen wirkte der Straßenkarneval im Februar wie eine prüde Parade ohne Kamelle.

Doch warum ist Köln abgestiegen? Nach einem so umjubelten Vorjahr, in dem sich die Geißböcke für die Europa Liga qualifiziert hatten? Es gibt viele Antworten auf diese Frage, aber manche davon werden der restlichen Bundesliga nicht gefallen. Die einfachste wäre, sich einfach nur die Tabelle anzusehen. Und Ja, der FC war zwischenzeitlich dem Negativrekord von Tasmania Berlin auf den Fersen. Aber nicht nur Kölner Versagen führte zum Abstieg, sondern auch das der Liga.

Der Erfolg

Im Mai 2017 wurden die Kölner Bundesliga-Fünfter, waren das erste Mal seit einem Vierteljahrhundert für den europäischen Klubwettbewerb qualifiziert; die Fans beseelt, die Spieler verehrt, die Verantwortlichen kritiklos. Eine gefährliche Verblendung begleitete die anschließende Sommerpause. Die Mannschaft schickte Gruppen-Selfies aus dem gemeinsamen Urlaub, Trainer Peter Stöger wurde auch außerhalb der Domstadt zum Sympathieträger und sogar das unwürdige Hin und Her beim Wechsel von Stürmer Anthony Modeste vor der Spielzeit war irgendwie egal. Die Grundstimmung: Wir müssen uns keine Sorgen machen, denn wir spielen jetzt oben mit.

Es gab natürlich auch kritische Stimmen im Hinblick auf das Potenzial der Mannschaft, aber die wurden zum größten Teil unterdrückt. Was sollte schon schiefgehen, bei solch einer jungen, hungrigen, vielseitigen Mannschaft mit einem Coach, der zumindest äußerlich nie in Aktionismus oder gar Panik verfällt? Die Fans konnten endlich einmal zufrieden sein mit ihrem Trainer und dem Team. Das hatten sie sich nach langer Leidenszeit verdient. Der Klub und seine Verantwortlichen jedoch waren es auch. Ein Fehler. Trotz des kurzfristigen Erfolgs sollte Skepsis herrschen, Schwachstellen müssen konstant gesucht, identifiziert und angegangen werden. Länger als eine Saison spielt eine Mannschaft schließlich selten über ihren Möglichkeiten. Nun trifft die Krise den Klub umso heftiger, das Resultat erlebt er in Form des Abstiegs.

Die Mannschaft

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Die nötigen Transfers wurden Stöger verwehrt.

(Foto: imago/Moritz Müller)

Der Fall ist tief: Das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit war eine Kölner Mannschaft im Vorjahr dazu fähig gewesen, während einer Partie verschiedene Spielsysteme erfolgreich anzuwenden: ein Verdienst von Trainer Peter Stöger. Um das langfristig zu etablieren, hätte Stöger allerdings vor allem in der Offensive nachrüsten müssen, doch Sportdirektor Jörg Schmadtke versagte ihm die gewünschten Neuzugänge. Hinten stabil und vorne hilft Modeste, das hatte ja vorher wunderbar geklappt, aber Nachfolger Jhon Córdoba hat den Franzosen nicht einmal im Ansatz ersetzt. Der (verletzungsgeplagte) Kolumbianer schoss in der Saison zwei Tore, keines davon in der Liga. Noch immer versteht in Köln niemand, warum für ihn rund 17 Millionen Euro zum FSV Mainz 05 flossen. Der FC hätte stattdessen klug in Breite und Spitze des Kaders investieren sollen, um die Chance auf eine Wiederholung des Erfolgs zu erhöhen.

Schmadtke hatte neben Córdoba vor der Saison nur junge Defensivspieler geholt: Jannes Horn, Jorge Meré, Tim Handwerker und João Queirós. Das passte zwar zur Prämisse, erstmal hinten dicht zu machen, aber selbst die beste Defensive ist nicht fehlerlos. Und als vorne kaum was lief, wurde auch die Hintermannschaft nervös und fehleranfällig. Später im Saisonverlauf, wo Köln dann doch so etwas wie Offensivstärke entwickelte und öfter auch mal Führungen herausspielte, hielt die Abwehr nicht dicht. Beide Versionen waren in Kombination tödlich. Es kostete nicht nur fast alle Punkte der Hinrunde, sondern auch das Duo Schmadtke-Stöger den Kopf.

Hinzu kam die historisch einmalige Verletzungswelle, die Köln bis in die Rückrunde hinein verfolgte. Auf dem Höhepunkt waren 13 Spieler nicht einsatzfähig, darunter fast die komplette erste Elf. Und so musste Stögers Nachfolger Stefan Ruthenbeck etwa beim FC Bayern oder in der Bengalohölle von Roter Stern Belgrad, als der FC trotz Ligamisere in der Europa Liga sogar noch hätte weiterkommen können, mit mehreren Amateuren antreten.

Die Schlüsselspiele

In der Hinrunde holte der FC sechs Punkte, bestehend aus drei Remis sowie einem Sieg am 17. Spieltag. Nun, zwei Spieltage vor Saisonende, sind es 22 Zähler. Zu wenig, um auch nur die Relegation zu erreichen. Der FC würde heute womöglich liebend gern die Siege aus Pokal und Europapokal gegen Ligapunkte eintauschen, aber das ist nicht möglich. Zu häufig ließ Köln eigentlich verdiente Punkte liegen. Zwar gewann der FC große Spiele gegen den FC Arsenal London in Europa, in der Liga gegen Borussia Mönchengladbach, RB Leipzig und Bayer Leverkusen. Aber weil die Geißböcke gegen fast alle direkten Konkurrenten verloren, waren diese Erfolge nahezu wertlos. Ein Schlüsselspiel war sicher das furiose 3:4 gegen Freiburg im Schneegestöber, als der FC es nicht schaffte, eine 3:0-Führung zum Sieg zu verwalten.

Zudem täuschten die anderen Wettbewerbe darüber hinweg, wie prekär die Lage in der Liga tatsächlich war. Beim 3:1 gegen Hertha BSC im DFB-Pokal ließ nichts erahnen, dass Köln abgeschlagener Tabellenletzter war. Die völlig unnötigen Niederlagen bei Bate Borisov und zuhause gegen Roter Stern Belgrad verunsicherten die Mannschaft weiter. Die "magische Nacht von Müngersdorf", als Borisov trotz Rückstands mit 5:2 aus dem Stadion geschossen wurde und natürlich der 1:0-Sieg gegen den großen FC Arsenal ließen manche glauben, die Schwäche in der Liga sei nur eine Phase, die schnell wieder vorbei sein würde.

Der Videobeweis

Der neu eingeführte Bundesliga-Schiedsrichter am Bildschirm ist in einer Erprobungsphase – was Köln besonders in der Hinrunde deutlich zu spüren bekam. Auch deshalb holte der FC nur sechs Punkte aus 17 Spielen. Man könnte sagen: Erst hatte der FC nur Pech, dann kam noch der Videobeweis dazu.

Beispielsituationen dafür: Am 5. Spieltag bekommt Frankfurt in Müngersdorf einen umstritten Elfmeter durch den Videoschiedsrichter zugesprochen, Köln einen klaren für sich jedoch nicht. Der FC verliert 0:1. Am 8. Spieltag erzielt Köln nach starkem Spiel beim Aufsteiger VfB Stuttgart eine Viertelstunde vor Schluss den Ausgleich. In der 91. Minute entscheidet der Schiedsrichter auf Elfmeter für Köln – den er danach wieder zurücknimmt. Im Gegenzug erzielt das Heimteam seinerseits den Siegtreffer, der FC verliert 1:2. Am 12. Spieltag bestätigt der Videoschiedsrichter einen Elfmeter für Mainz, der keiner ist. Der FC verliert 0:1. Am 23. Spieltag erzielt Claudio Pizarro in der Nachspielzeit ein vermeintliches Siegtor gegen Hannover 96, welches dann aberkannt wird. Flankengeber Marcel Risse soll Zentimeter im Abseits gestanden haben. Das wird nur anhand der virtuellen Abseitslinie erkenntlich, die aber offiziell gar nicht zum Einsatz kommen soll.

Rechnet man diese Entscheidungen heraus und lässt die psychischen Auswirkungen beiseite, hätte der FC nun fünf Punkte mehr, inklusive möglicher erzielter Elfmeter sogar neun Zähler. Köln stünde im besten Fall auf einem Nichtabstiegsplatz. Aber selbstverständlich sind das nur Rechenspiele, denn alle Gründe abseits des Zufalls würden zu abwegigen Verschwörungstheorien führen, zumal auch andere Vereine unter den teils extrem strittigen Entscheidungen des Videoschiedsrichters gelitten haben.

Die Liga

Betrachtet man die "kleinen" Klubs, ist Köln exemplarisch für ein Muster. Abgesehen vom FC erreichten in den vergangenen 15 Jahren acht solcher Vereine die Europa Liga: Der VfL Bochum, Hertha BSC, der FSV Mainz 05, Eintracht Frankfurt, der 1. FC Nürnberg, Hannover 96, der SC Freiburg und der FC Augsburg. Viele steckten in ihrer Folgesaison im Abstiegskampf fest, in neun von 16 Fällen standen sie in der Winterpause auf oder knapp vor einem Abstiegsplatz. Im Schnitt beendeten die Klubs die nachfolgende Bundesligasaison auf Rang 11. Nur ein Team erreichte zugleich das Viertelfinale in der Europa Liga, Hannover in der Saison 2011/12. Es scheint also fast unmöglich, sich in der Folge einer guten Saison dauerhaft aus der Abstiegsgefahrenzone zu hieven.

Warum fällt es vielen Bundesligisten so schwer, an Erfolge wie die Qualifikation für die internationalen Wettbewerbe anzuknüpfen? Eine mögliche Antwort wäre: Köln und die oben genannten Vereine haben kein "Festgeldkonto" wie der FC Bayern, spielen nicht ständig international, haben keinen Konzern im Rücken und keine Mäzene. Qualifiziert sich solch ein Vereine unerwarteterweise für einen europäischen Wettbewerb, schafft er es offenbar nicht, seinen Kader für die zusätzliche Belastung entsprechend zu verstärken. Der 1. FC Köln ist da keine Ausnahme. Trotzdem ist Geld nicht alles, sonst hätte es der FC niemals in den internationalen Wettbewerb geschafft. Mindestens das macht vielleicht auch Hoffnung für den Gang in Liga zwei.

Quelle: n-tv.de

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