Fußball

"Tiger" Gerland feiert die 65 Das legendäre Auge des FC Bayern

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Hermann Gerland (l.) ist eine anerkannte Größe beim FC Bayern München.

(Foto: imago images / kolbert-press)

Er ist mittlerweile eine der beliebtesten Figuren des FC Bayern München: Hermann Gerland. Die ehrliche, geradlinige Art des Bochumer Jungen kommt einfach an. Nun feiert das "Auge" des FC Bayern seinen 65. Geburtstag. Glück auf, Tiger!

Die Legenden des FC Bayern standen in einer Reihe, um dem neuen deutschen Fußball-Meister der Saison 2018/19 zu gratulieren. Es war eine Szene, die die Herzen vieler Fußballfans rührte. Es war der Tag, an dem unten auf dem Rasen die Schale überreicht wurde. Die Spieler klatschten die Legenden ab. Bei Hermann Gerland allerdings blieben sie stehen, umarmten und herzten ihn und genossen den kurzen Moment an seiner Seite. Und Gerland? Der strahlte aus lustig funkelnden Augen - und wirkte einfach nur glücklich.

Die Beliebtheit des gebürtigen Bochumers hat sicherlich viel mit seiner direkten und bodenständigen Art zu tun. Er hat einmal gesagt: "Ich bin froh, dass ich ein Arbeiterkind bin, nach wie vor. Und ich weiß, dass ich beim Kacken die Beine krumm machen muss wie jeder andere auch." Und über sein eigenes Selbstbild hat sich der "Hauptfeldwebel mit Herz" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") einmal so geäußert: "Ich bin heute noch stolz darauf, wenn gesagt wird: 'Der Gerland, das ist ein Klopper gewesen, ein Treter.'"

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Gerland spielte von 1972 bis 1984 beim VfL Bochum (Foto von 1977).

Als Spieler war Gerland eher einer unter vielen und als Bundesligatrainer keine große Nummer. Er blühte erst richtig auf, als er endlich seine eigentliche Profession leben konnte: Als Nachwuchscoach und als gute Seele des FC Bayern München. Wahrscheinlich rührt Hermann Gerlands später Ruhm auch daher, dass er heutzutage mit seinem Lebensstil schon fast aus der Rolle zu fallen scheint: "Ich bin ein altmodischer Trainer. 32 Jahre mit derselben Frau verheiratet, nicht tätowiert, ohne Ring im Ohr, nicht gepierct."

Seine "drei Leben" im Fußball hat der "Tiger" stets unter dem Motto "Hätte, wenn und aber, alles nur blödes Gelaber" gelebt. Eins jedoch kann auch die "Eiche" (so nannten ihn seine Mitspieler beim VfL Bochum) nicht abstreiten. Zu alldem wäre es nie gekommen, wenn er einen Spruch aus seinen frühen Jahren hätte wahr werden lassen: "In Bochum bin ich geboren, hier will ich auch sterben. Mehr als 30 Kilometer gehe ich von da nicht weg!"

Unverständnis über neue Profigeneration

Nach 14 Jahren als Spieler und Co-Trainer beim VfL wechselte Hermann Gerland 1986 erst einmal auf den Posten des Cheftrainers. Und als ihn der langjährige Geschäftsführer Otto Stratemeier daraufhin von einem auf den anderen Tag plötzlich mit "Herr Gerland" anredete, packte sich der "Tiger" ob so viel Förmlichkeit an den Kopf: "Otto, sag mal, bist du bescheuert?" Es war der Startschuss zu seinem zweiten Leben: dem des Trainers. Damals legte sich Gerland folgende Devise zurecht: "Als ich Trainer wurde, habe ich mir gesagt: Du darfst ein Spiel verlieren, du darfst auch fünf Spiele verlieren. Aber du darfst nie dein Gesicht verlieren."

Der Frust saß damals jedoch häufiger mal tief. Gerland haderte dann mit seinem Job und der neuen Profigeneration, die er trainierte: "Schon in der Jugend gibt's Vitaminbomben für die Freunde. Wie die Götter kommen die sich vor. Das dicke Geld kassieren sie, kriegen Puderzucker hinten rein. Und ruf mal einen an - da meldet sich keiner mit Namen, da heißt es: Ja, hallo? Wie in der Villa Hammerschmidt."

Aber das war nicht das Einzige, das ihn mit der Zeit nervte. Als Trainer von Arminia Bielefeld war er nicht unbedingt ein Anhänger der außergewöhnlichen Psycho-Aktionen des Leverkusener Übungsleiters Christoph Daum, der Spieler über Scherben laufen ließ: "Scherben oder heiße Kohlen gibt es auf dem Platz nicht. Vor Jahren hat ein Kollege seine Spieler mal über die Dünen von Maspalomas laufen lassen. Ich habe noch vor keinem Tor eine Düne gesehen, über die ich laufen muss, um ein Tor zu erzielen. Deshalb mache ich das nicht!"

Entdecker und Fürsprecher von Lahm

Recht bald machte sich Gerland dann als Entdecker von talentierten Nachwuchsspielern einen Namen. Sein außergewöhnliches Talent beschrieb er im Magazin "11 Freunde" einmal so: "Der liebe Gott hat mir ein Auge dafür gegeben. Ich kann übrigens auch für meine Frau einkaufen gehen und hinterher bekommt sie Komplimente: 'Was hast du ein schönes Kleid an.' Ich habe mal mit meiner Frau vorm Fernseher gesessen und sie gefragt: 'Was fällt dir an Kai Pflaume auf?' Sie hatte keine Ahnung und wahrscheinlich fällt es auch sonst niemandem auf, aber ihm fehlt eine Fingerkuppe."

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Wer einen Weltmeister entdeckt, darf diesen getrost auch mal ordentlich bierduschen.

(Foto: imago/DeFodi)

Eines Tages verliebte sich Hermann Gerland in einen Spieler: "Oft bin ich vom Training nach Hause gekommen und habe zu meiner Frau gesagt: Gudrun, dem Philipp Lahm beim Training zuzusehen, ist wie Bratwurst essen. Ein richtiger Genuss." Immer wieder aufs Neue meinte er in diesen Tagen zu Uli Hoeneß: "Wenn der kein großer Spieler wird, werde ich Wasserball-Trainer!" Doch die Bayern-Bosse konnte Gerland mit seiner Leidenschaft anfangs nicht anstecken. Sie wollten Lahm verkaufen - doch es gab ein Problem: "Den wollte keiner haben. Den habe ich angeboten wie sauer Bier." Hermann schaffte es, dass man Lahm letztendlich nach Stuttgart auslieh. Er kam zurück und wurde Weltmeister.

"Junge, es hat sich alles gelohnt!"

Als Gerland Trainer von "Bayern II" war, dichteten die Fans eine Ode an ihn: "Hermann Gerland, du bist wunderbar. Hermann Gerland ist ein Freund fürs Leben. Du bist immer für uns da, egal was auch passiert. Bist ein großer Trainer, mit dem Bayern nicht mehr verliert. Hermann Gerland, bleib für immer, geh nicht mehr fort!" Und tatsächlich hat Gerland jeden Tag aufs Neue immer noch große Lust an der Arbeit beim FC Bayern: "Es macht mir sehr viel Freude, wenn ich zur Säbener Straße fahre. Ich bin auch oft an freien Tagen da, dann fragt Rummenigge: 'Kriegst du zu Hause nichts zu essen?' Und ich: 'Kalle, seh' ich so aus?'"

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Besonderer Moment in Gerlands Laufbahn: Die erste Titelfeier - als Co-Trainer des FC Bayern München.

(Foto: imago sportfotodienst)

Als Bochumer Junge im Trikot des FC Bayern freute er sich 2010 ganz besonders über seine erste Meisterschaft: "Wissen Sie, ich bin ein besessener Fußballer, aber ich hatte noch nie einen Titel gewonnen. Da habe ich an meine Bochumer Zeiten als Profi gedacht, als Mutter meine Trainingsklamotten waschen musste. Und wir Spieler, wir durften uns beim Mittagessen entweder für Suppe oder Nachtisch entscheiden. Da gab es nur entweder oder, beides kriegte keiner. Und jetzt stand ich da auf dem Balkon und war überwältigt von dem Gefühl: Junge, du hier oben - es hat sich alles gelohnt!"

In diesen Momenten erinnert sich Gerland gerne an zu Hause. Vor vielen Jahren hat sein bester Freund, der Rekordspieler des VfL Bochum, Ata Lameck, einmal gesagt: "Okay, ich will die Ehe von Hermann Gerland nicht gefährden, aber wenn er zu Hause gefragt wird: Wo willst du leben, in München oder in Bochum, dann würde Hermann sofort Bochum sagen. Gar kein Thema!"

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Noch ist Hermann Gerland in München unabkömmlich. Aber sein Freund Ata kann den Tag nicht erwarten, wenn Hermann endlich wieder nach Hause kommt. Und in Bochum fiebern nicht wenige Menschen mit Ata Lameck zusammen, dass dieser Tag nicht mehr zu fern sei. Wohl wissend, dass sie Hermann Gerland in München dann sehr vermissen würden. Wie dem auch sei. Heute heißt es erst einmal: Alles Gute zum 65. Geburtstag und ein dreifaches Glück auf, lieber Hermann Gerland!

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Quelle: n-tv.de

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