Fußball

Die Lehren des 9. Spieltags Der BVB ist eben einfach kein FC Bayern

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Bei Borussia Dortmund gibt es mal wieder einen Rückschlag. Und der tut richtig weh.

(Foto: Maik Hölter/TEAM2sportphoto)

Borussia Dortmund scheitert mal wieder an seiner Borussiadortmundhaftigkeit: Der notorische Vize-Meister findet nach einer starken Phase zurück zu alten Schwächen. Beim FC Bayern tun sie sich auch schwer, machen aber keine Krise daraus. Der BVB sollte sich davon etwas abschauen.

1. Die untrennbaren Probleme des FC Bayern

Schlechter war der FC Bayern zuletzt unter Jürgen Klinsmann, in einer Zeit, an die wohl kaum jemand in München so richtig gerne zurückdenkt. Damals, in der Saison 2008/09, hatte der Rekordmeister an den ersten neun Spieltagen 15 Tore kassiert, ein Negativrekord für das aktuelle Jahrtausend. Wobei, zugegeben, es läuft gerade auch erst das 21. Jahr dieses Jahrtausends. Aber: Mit 13 Gegentreffern in neun Partien stellt die Elf von Trainer Hansi Flick nur die sechstbeste Abwehr der Bundesliga.

"Wir machen zu viele Fehler, auch mit Ball, und laden den Gegner ein", haderte Leon Goretzka nach dem 3:1-Erfolg in Stuttgart, bei dem seine Mannschaft einen Rückstand zu drehen hatte. Und der 25-Jährige lieferte die Begründung für diese Fehler gleich mit: "Ich bin sehr müde." Das gilt nicht nur für Goretzka, sondern für den gesamten Kader, wie Flick feststellte: "Spiel, Regeneration, Spiel", mehr steht gerade nicht im Kalender, in den vier Wochen vor dem Jahresabschluss gegen Bayer Leverkusen am 19. Dezember muss der FC Bayern neun Mal ran.

Der komprimierte Spielplan fordert Tribut, nicht nur bei Leon Goretzka. Lucas Hernández humpelte vom Feld, Jérôme Boateng ebenso, Corentin Tolisso droht ein längerer Ausfall und auch bei Javi Martínez zwickte es in der Muskulatur. Allesamt Defensivspieler, sodass Flick erst den wegen Trainingsrückstandes degradierten Niklas Süle einwechseln musste, dann den 18-jährigen Tanguy Nianzou, eigentlich ein Mann für die Zukunft und schließlich Javi Martínez, der im Sommer schon aussortiert schien.

"Die Mannschaft ist am Limit", resümierte Flick nach dem erarbeiteten Sieg, bei dem die defensiven Schwächen nur deshalb ohne Folgen bleiben, weil vorne die mit 31 Toren klar beste Offensive der Liga pro Partie im Schnitt 3,44-mal trifft. Die Sorgen in der Abwehr - sowohl personell als auch müdigkeitsbedingt - werden in den kommenden Wochen nicht kleiner werden und vor allem nicht einfach so verschwinden. Der Spielplan bleibt kräftezehrend, für nachhaltige Erholung ist im Drei-Tages-Rhythmus keine Zeit. Was Flick aber nicht als Bürde sieht, sondern als Herausforderung begreift: "Der, der die Bedingungen am besten annimmt, hat den größten Erfolg. Und das wollen wir sein."

2. Der BVB muss von Bayerns Öffentlichkeitsarbeit lernen

Unter denselben Bedingungen spielt auch Borussia Dortmund, doch anders als beim FC Bayern scheint die wachsende Belastung dort kein größeres Thema zu sein. Gut, der BVB spielte anders als die Münchner kein Champions-League-Finalturnier und hatte deswegen eine etwas längere Sommerpause. Aber den flick'schen Rhythmus aus Spiel, Regeneration, Spiel lebt auch der Vizemeister.

Die überraschende 1:2-Niederlage, von der Trainer Lucien Favre "tief enttäuscht" war, gegen den bis dahin 18-mal nacheinander sieglosen 1. FC Köln, war aber eines dieser Spiele, die den Schwarzgelben seit Jahren immer wieder passieren und die die kleine Chance, die Münchner zu ärgern, noch kleiner werden lassen. Unabhängig von eventueller Müdigkeit präsentiert sich Dortmund in jeder Saison tageweise völlig außer Form und spielt sich damit immer wieder ein bisschen Krise herbei.

So auch diesmal, weshalb Ex-Nationalspieler Benedikt Höwedes resümierte: "Lucien Favre ist kein Meistertrainer." Was angesichts der bajuwarischen Dominanz allerdings ohnehin eine Zuschreibung ist, die seit 2013 exklusiv an den jeweiligen Übungsleiter des FC Bayern vergeben wird. Aber mal ernsthaft: Borussia Dortmund steht und fällt mit Erling Haaland, der gegen Köln nicht traf, was fast noch überraschender ist als die Niederlage. Dass er aber kurz vor Schluss die riesige Chance zum Ausgleich vergab, könnte auch einfach ein Zeichen von Erschöpfung sein.

Denn Favre merkte nach Abpfiff an, dass der Offensive die "Läufe in die Tiefe" gefehlt hätten. Seine Mannschaft lief insgesamt zehn Kilometer weniger als der Gegner, größer war diese Differenz nur beim ähnlich überraschend-enttäuschenden 0:2 beim FC Augsburg am zweiten Spieltag. Da wiederum war die Saison noch jung, die Belastung des dauerhaften Drei-Tages-Rhythmus noch ungewiss. Vielleicht sollten sie sich in Dortmund ein Beispiel am FC Bayern nehmen und zumindest ein bisschen der öffentlichen Aufmerksamkeit auch darauf lenken, statt immer nur den Trainer Favre wechselweise in Schutz zu nehmen und herauszufordern.

3. Ein Sieg reicht zum (momentanen) Klassenerhalt

Egal, welche Gründe der Aussetzer von Borussia Dortmund hatte - genutzt hat ihn auf jeden Fall der 1. FC Köln. Zum ersten Mal seit Beginn der Geisterspiele gewinnt der Effzeh, zum ersten Mal seit 18 Spielen. Die Wartezeit dürfte sich ewig angefühlt haben, schon allein deshalb, weil sich in diesen acht Monaten des Hoffens auf ein neues Erfolgserlebnis ja jeder Tag wie der vorherige anfühlt, der Pandemie sei Dank. Oder wie es Trainer Markus Gisdol ausdrückte: "Es ist ein Anfang gemacht in die Richtung, dass wir Zählbares haben, diese Serie, die unendlich schien, endlich vorbei ist und dass wir trotz des Drecksvirus nicht verflucht sind und trotzdem Spiele gewinnen können."

Weil außerdem Mainz gegen Hoffenheim nicht über ein Unentschieden hinauskommt und Bielefeld in Leipzig verlor, verlassen die Kölner mit dem ersten Erfolg sogar die Abstiegsränge. So eine schwache Leistung des Gegners gilt es aber natürlich auch erst einmal anzunehmen, denn "dieses Spiel war eine Schlacht", analysierte Gisdol und lobte den Einsatz seiner Spieler: "Wir haben eine abartige Laufleistung absolviert."

Als entscheidend "für den Erfolg" machte der Coach den "guten Zugriff" aus, also die konsequente Attacke bei gegnerischen Angriffen. Und in der Tat erlaubten die Domstädter dem BVB kaum einmal eine Großchance, vielleicht ist es ein Schritt in Richtung Aufschwung. Was aber jetzt schon feststeht, ist, dass der Effzeh für ein Kuriosum in der Tabelle sorgte: Denn nach Abschluss des 9. Spieltags liest sich die Punktespalte von Platz zwölf abwärts wie folgt: Neun (Hoffenheim), acht (Hertha BSC), sieben (Freiburg), sechs (Köln), fünf (Mainz), vier (Bielefeld), drei (Schalke).

4. Der FC Schalke schaltet in den Abstiegsmodus

Jubiläum in königsblau, aber keines, das Freude macht. 25 Bundesliga-Spiele ist der FC Schalke 04 nun saisonübergreifend ohne Sieg, und genau so viele Spiele sind in der Saison noch zu absolvieren. "Wir müssen jetzt in den Abstiegsmodus schalten", sagte Sascha Riether nach dem 1:4 bei Borussia Mönchengladbach und man möchte den Koordinator der Lizenzspielerabteilung fragen: Habt ihr das nicht schon längst?

Natürlich meint Riether damit, dass die Mannschaft sich gegen den Sturz in die Zweitklassigkeit wehren müsse. Doch angesichts von drei Punkten aus neun Spielen, dem mit -22 bei weitem schlechtesten Torverhältnis der Liga und Platz 18 sieht alles danach aus, als hätte irgendwer beim Saisonziel "Nichtabstieg" vergessen, den Wortteil "Nicht" auch mit aufzuschreiben und weiterzugeben.

Etwas mehr als eine halbe Stunde hielt Schalke in Gladbach ganz annehmbar mit, glich die Führung sogar aus, fiel dann aber wie so oft in diesem Jahr auseinander. Weder Trainer Manuel Baum ("Natürlich machen wir uns Gedanken darüber, wie wir die Klasse halten") noch Sportvorstand Jochen Schneider ("Man stellt sich der Aufgabe und versucht, da im Team herauszukommen") versprühen das, was nicht nur im Fußball gerne als Aufbruchstimmung verkauft wird.

Riether stellte fest: Mit derartigen Leistungen "kannst du nicht überleben". Richtig viel Hoffnung auf Besserung ist rund um Gelsenkirchen allerdings nicht auszumachen. Schließlich konstatierten die Fans mit einem großen Banner am Trainingsgelände schon vor klaren Niederlage: "Beschämende Außendarstellung, planloser Vorstand und charakterlose Mannschaft. Das Ergebnis eurer jahrelangen Misswirtschaft." Vom gerne zitierten "GEmeinsam" scheint kaum noch etwas übrig.

5. Max Kruse tut dem 1. FC Union ziemlich gut

Der Pass von Christopher Trimmel hoppelte ein bisschen, für Max Kruse war das aber kein Problem. Mit dem linken Spann traf der Angreifer des 1. FC Union den Ball perfekt, um ihn aus knapp 20 Metern in den rechten oberen Winkel zu "nageln", wie der "Kicker" schrieb. Bei den "Kickers", einer japanischen Fußball-Zeichentrickserie, hätte sich ein solch harter wie platzierter Treffer noch sekundenlang im Tornetz gedreht, bevor der Ball zu Boden gefallen wäre.

Wohl einer der Gründe, wegen derer Kruse sich sein Kunststück zum 3:3 gegen Eintracht Frankfurt noch einmal in der Wiederholung anschaute: "Solche Tore schieße ich ja nicht so häufig. Da darf ich sie auch ein bisschen genießen." Genießen ist ohnehin ein gutes Stichwort, die Berliner standen nach dem zwischenzeitlichen 2:0 sogar mal kurz auf Platz drei der Tabelle, der am Saisonende in die Champions League führen würde.

Kruse ist für diesen Höhenflug - der mit Platz sechs und 16 Punkten aus neun Spielen unzweifelhaft auch trotz der verschenkten Führung weitergeht - mindestens mit-, vermutlich sogar eher hauptverantwortlich. Elf der 21 Union-Treffer hat er selbst erzielt oder direkt vorbereitet, mittlerweile gelten die Köpenicker so manchem als Außenseiter-Kandidat für die Europa-League-Plätze, auch wenn sie das im Südosten der Hauptstadt nicht gerne hören. Viel lieber ist den Eisernen derzeit ein Lob wie das von Frankfurts Bas Dost: "Der Kruse, der kann einfach gut schießen, Traumtor."

Quelle: ntv.de