Fußball

Feiertag nach Frustwochen Der BVB - zwischen Rausch und Rätsel

Die Fußballer von Borussia Dortmund rehabilitieren sich mit einem wuchtigen Bundesliga-Sieg gegen Eintracht Frankfurt für zwei rätselhafte Auftritte zuletzt. Während das Team nun gelobt wird, bleibt die Frage: Wie nachhaltig ist diese Leistung?

Nach dem Abpfiff herrschte am Freitagabend im Dortmunder Stadion Festtagsstimmung unter Flutlicht: Die Fußballer in schwarz und gelb versammelten sich kollektiv vor der "Gelben Wand", um sich von der weltweit größten Stehplatztribüne gebührend feiern zu lassen. "Den BVB-Walzer tanzen wir", intonierten mehr als 25.000 glückselige Anhänger, die Spieler schunkelten munter mit. Mannschaft und Fans sind mal wieder ein Herz und eine Seele nach dem zu keinem Zeitpunkt gefährdeten 4:0 (1:0) Sieg gegen Eintracht Frankfurt, mit dem die Borussia in der Tabelle zumindest über Nacht auf Platz zwei kletterte.

Nach 90 kurzweiligen Bundesliga-Minuten vor 81.365 Besuchern im ausverkauften Stadion war nichts mehr zu spüren von der grassierenden Depression, die sich beim Revierklub nach dem Pokal-Aus in Bremen und der Niederlage in Leverkusen breitgemacht hatte. Für die Frankfurter, die zuletzt unter anderem mit zwei Siegen gegen Leipzig (einer in der Liga, einer im Pokal) geglänzt hatten, war es die erste Pflichtspielniederlage im Jahr 2020 – und die fiel nach den Toren von Łukasz Piszczek (33.), Jadon Sancho (49.), Erling Haaland (54.) und Raphael Guerreiro deftig aus. Der ehemalige Dortmunder Sebastian Rode wurde bei seiner Ursachenforschung deutlich: "Wir waren viel zu harmlos, die Räume waren zwar da, aber wir haben sie einfach nicht bespielt. So hast du gegen einen Gegner wie Dortmund keine Chance."

Wie wahr, es war frappierend, wie leicht es dem BVB fiel, seinen Widersacher von der gefährlichen Zone wegzuhalten. Es geht also wieder bergauf für die Borussia, und das kann eigentlich niemanden ernsthaft überraschen, der sich mit den jüngsten Gesetzmäßigkeiten beim achtmaligen Deutschen Meister ein wenig auskennt. Seit Lucien Favre seinen Dienst auf der Dortmunder Bank angetreten hat, befinden sich die Dortmunder mit ihrem kapriziösen Übungsleiter auf einer nicht enden wollenden Achterbahnfahrt: Teilweise berauschend herausgespielten Erfolgen folgen mit zuverlässiger Regelmäßigkeit Abstürze, die sämtliche Entscheidungsträger im börsenorientierten Fußballunternehmen ratlos zurücklassen.

Und täglich grüßt der Murmel-Favre

Genauso kontinuierlich beginnen danach die Debatten um den Schweizer Trainer, der sich immer wieder mit den gleichen Kritikpunkten konfrontiert sieht. Es gelinge ihm nicht, Leidenschaft, Kontinuität und das reichlich vorhandene fußballerische Potenzial im mit viel Aufwand und noch mehr Geld aufgepäppelten Kader so dauerhaft zu wecken, dass der BVB ein ernsthafter Kandidat auf Titel sein kann. Dortmunder Insider sprechen bereits von "Murmeltiertagen", wenn das Wirken des Trainers alle paar Monate in der Öffentlichkeit und auch intern mal wieder auf dem Prüfstand steht. Favre entgegnet den Diskussionen mit einer achselzuckenden Attitüde, die ihm die einen als Souveränität, andere als Schicksalsergebenheit auslegen. An diesem kühlen Freitagabend durfte der Trainer nun durchatmen. Vier Tore erzielt, keines kassiert, wobei vor allem die defensive Momentaufnahme allenthalben mit Genugtuung aufgenommen wurde. Schließlich gibt die viel zu oft schwächelnde Defensive immer wieder Rätsel auf.

Dortmund - Frankfurt 4:0 (1:0)

Tore: 1:0 Piszczek (33.), 2:0 Sancho (49.), 3:0 Haaland (54.), 4:0 Guerreiro (74.)

Dortmund: Bürki - Piszczek, Hummels, Zagadou -  Can (64. Dahoud), Witsel - Hakimi, Guerreiro - Sancho (75. Reyna),  Haaland (79. Mario Götze), Hazard. - Trainer: Favre
Frankfurt: Trapp - Toure, Abraham, Hinteregger, Ndicka -  Ilsanker, Rode (78. Sow) - Chandler, Gacinovic (46. Dost), Kostic - Silva (82. Paciencia). - Trainer: Hütter

Schiedsrichter: Dankert
Zuschauer: 81.365 (ausverkauft)

Abwehrchef Mats Hummels stufte es als "sehr wichtig ein", dass die Null nun gegen Frankfurt stand: "Wir haben so gut wie nichts zugelassen, weil wir auf allen Positionen engagiert und konsequent agiert haben." So etwas wünschen sie sich beim BVB regelmäßig, weil die Erfolgsaussichten exorbitant steigen würden. "Bei der Qualität unserer Offensive", so Hummels, "kommen wir doch in jedem Spiel zu Chancen." Wie richtig der Abwehrchef mit dieser Einschätzung liegt, ist in der Statistik abzulesen: 63 Tore, so treffsicher waren die Dortmunder zu diesem Zeitpunkt einer Saison noch nie. Damit egalisierten sie auch den vom FC Bayern und dem Hamburger SV gehaltenen Rekord nach 22 Spieltagen. Und noch mehr: Der norwegische Himmelsstürmer Erling Haaland markierte in seinem fünften Punktspiel in Deutschland seinen achten Treffer. Das bedeutet eine neue Bestmarke in der fast 60-jährigen Geschichte der Bundesliga.

In der Fremde klemmt's

Das sind durchaus erbauliche Zahlen, doch die Diskrepanz zwischen Abwehrverhalten und der Wucht im Spiel nach vorn bleibt offenkundig. Das ist jedoch nicht die einzige Schieflage bei der Borussia. Auffällig ist auch das eklatante Missverhältnis zwischen den Darbietungen daheim und den Gastspielen. In der Heimtabelle liegt der BVB mit 27 Punkten auf Position eins, auswärts rangiert der selbsternannte Titelanwärter dagegen mit gerade Mal 15 Zählern abgeschlagen auf Rang fünf.

Auch daran gilt es zu arbeiten, um eine Kontinuität zu generieren, die sicherstellt, dass der Edelkader sein Potenzial künftig so zuverlässig abliefert, wie sich die Verantwortlichen das vorstellen. Die nächste Probe steht bereits am Dienstag auf der Agenda, wenn in der Champions League mit Paris Saint Germain ein Gegner in Dortmund vorspielt, der sehr viel mehr Gegenwehr leisten wird als biedere Hessen. Es wird nicht nur deshalb ein brisantes Kräftemessen, weil mit Thomas Tuchel ein Trainer ins Ruhrgebiet zurückkehrt, der vor drei Jahren im Unfrieden geschieden ist. Hummels fühlt sich und seine Kollegen für das Highlight in der Königsklasse gewappnet. Natürlich sei die Truppe um die Weltstars Kylian Mbappé und Neymar eine Klassemannschaft, "aber die wissen, was sie hier erwartet".

Quelle: ntv.de