Fußball

Leistungsträger außer Dienst Der FC Bayern ist plötzlich alarmiert

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Auch bei Jérôme Boateng läuft's diese Saison nicht so richtig stabil.

(Foto: Christian Kolbert/kolbert-press/Pool)

Es ist Klagen auf einem sehr hohen Niveau: Der FC Bayern ist Tabellenführer der Bundesliga, er steht souverän im Achtelfinale der Champions League. Und auch im DFB-Pokal läuft alles. Aber: Hansi Flick hat reichlich Probleme. Und sein Wunsch zur Lösung wird wohl nicht erhört.

Eigentlich hat Hasan Salihamidzic einen Satz gesagt, der mächtig Zunder besitzt. Aber zu einem gewaltigen Inferno hat er (noch) nicht geführt. Das ist beim FC Bayern ja durchaus überraschend. Denn nirgends wird das gesprochene Wort medial intensiver auf explosive Inhalte untersucht, als beim Rekordmeister. Hasan Salihamidzic hatte gesagt, dass es gut wäre, wenn die Mannschaft die Spiele mal frühzeitiger entscheiden würde. Dann könne nämlich auch Robert Lewandowski "mal rausgehen". Der Sportvorstand sagte bei Sky: "Ich brauche ihn nicht in der 90. Minute auf dem Platz. Er muss gesund bleiben, das ist das Wichtigste!"

Das ist auf der menschlichen Ebene sehr empathisch, auf der sportlichen Ebene zwingend erforderlich. Denn radikal verdichtet ist es so, dass der FC Bayern seine Spiele derzeit vor allem gewinnt, weil Manuel Neuer mit seinen Paraden, Thomas Müller mit seinem müllerthomasen und eben Lewandowski mit seinen Toren regelmäßig maximalen Schaden (eine Niederlage) abwenden. Weil nun auch Joshua Kimmich zurück ist, dieser gierige Stabilitätsanker, wird er in den künftigen Erzählungen nicht fehlen. Und sollte Kingsley Coman mit konservierter Form aus seiner Verletzungspause zurückkehren, ist er auch jemand, an dem man Siege festmachen wird. Andere potenzielle Matchwinner wie Serge Gnabry und Leroy Sané sind derzeit eher außer Dienst, beziehungsweise noch nicht abschließend zum Dienst gemeldet.

Nun gehen die Sätze des Sportvorstands doch ziemlich unverhohlen als Kritik am Rest der Mannschaft durch. Mutmaßlich vor allem an den Abwehrkräften. Auch wenn im internationalen Fußball die Grenze zwischen den Teamressorts bei kritischen Tönen als aufgehoben gilt. Verteidigen, das weiß man ja mittlerweile, fängt beim vordersten Stürmer an. Der, Robert Lewandowski in diesem Fall, hat sich tatsächlich am allerwenigsten vorzuwerfen. 19 Treffer, fünf Vorlagen in 15 Spielen, das sind höchst anständige Werte. Das sind Werte, die den ewigen Saison-Rekord von Gerd Müller (40 Treffer) gefährden. Und es waren sehr viele, sehr wichtige dabei: Zu den acht Aufholjagden in Serie (fünf Siege, drei Remis) steuerte der 32-Jährige neun Treffer bei.

Innenverteidiger suchen die Top-Form

Tatsächlich passt es beim FC Bayern derzeit vor allem im Ergebnis. Die Art, mit der die Spiele gewonnen werden, sind Mentalitätssiege. Nicht mehr die Dominanz-Demütigungen der vergangenen Saison. Dafür gibt es natürlich gute Gründe: Sehr kurze Sommerpause, enger Spielplan, wenig Training, viele verletzte Leistungsträger. Und ein doch schmerzlich vermisster Thiago. Das sind die Gründe, die erklärlich sind. Eher weniger erklärlich sind die ständigen Weckrufe, die die Mannschaft bislang erfolgreich annimmt, dafür aber jede Menge Kraft aufwenden muss, und die anhaltenden Formschwächen von beinahe allen Stützen in der Abwehr. Bereits 21 Gegentreffer nach 14 Spieltagen, so anfällig waren die Münchner zuletzt 2008 unter Jürgen Klinsmann.

Eine richtig starke und souveräne Saison (wie die vergangene) spielen bislang weder Jérôme Boateng noch David Alaba. Die Zukunft der Innenverteidiger ist nach wie vor ungeklärt. Bei Alaba deutete zuletzt alles allerdings darauf hin, dass er den Klub nach den zermürbenden, unschönen und schließlich geplatzten Vertragsverhandlungen verlässt. Real Madrid soll der Favorit sein. Wie es bei Boateng weitergeht, das ist unklar. Bleibt als Stammkraft im Zentrum vorerst nur Niklas Süle, um den es im November noch eine arg kuriose Pfunde-Posse gab. Und dann ist da noch Lucas Hernández, der zwischen Mitte und Links pendelt. Weil dort Alphonso Davies mit Form und Verletzungen zu kämpfen hatte (und hat).

Das dringlichste Problem aber ist die rechte Abwehrseite. In der vergangenen Saison wurde sie noch von Benjamin Pavard bestens betreut. Doch mittlerweile hat der französische Weltmeister die Souveränität verloren. Gegen den FSV Mainz 05 sah sich Flick sogar gezwungen, Kimmich aus dem Mittelfeld auf seine alte Position zu verschieben, um das Problem zu lösen. Die Idee war gut. Kimmich traf zum 1:2, bereitete das 2:2 vor und trat die Ecke vor dem 3:2. Mehr Argumente, wie diese Position zu spielen ist, kann man vermutlich nicht liefern. Zumal er defensiv auch nichts zuließ. Was in der Vergangenheit als rechter Mann in der Kette übrigens nicht immer der Fall war. Da war er gelegentlich doch zu sehr abstinent.

"Kader ist nicht so dolle, wie wir dachten."

Dass Kimmich wieder dauerhaft an die Seite gedrängt wird, das ist für Flick und seine Münchner absolut keine Option. Zu unverzichtbar ist der 25-Jährige als zentraler Spieler geworden. Gemeinsam mit Leon Goretzka. Kimmich zu versetzen, ist wie eine zu kurze Bettdecke zu ziehen. Irgendwo ist's dann immer blöd. Wie die "Bild"-Zeitung berichtet, wünscht sich Flick bereits im Winter frische Kräfte. Und der Zugewinn an Qualität sollte wohl deutlich größer sein, als der des sommerlichen Blitz-Angriffs auf dem Transfermarkt: Bouna Sarr (zu viele Fehler, zu wenig Power) und Marc Roca (bislang nur ein gutes Spiel) hat man gefühlt schon wieder vergessen, von Douglas Costa kommt viel zu wenig und auch Eric Maxim Choupo-Moting ist nicht die erhoffte Entlastung für Lewandowski.

Recht bekommt Flick in seiner Einschätzung übrigens von Lothar Matthäus, der nämlich findet, dass der Kader der Münchner "ab der Nummer 15 deutlich abfällt" und damit in der Breite schwächer ist, als jene der Konkurrenten aus Dortmund und Leipzig. Und auch Marcel Reif bekennt in seiner Funktion als "Bild"-Analyst: "Der Kader ist nicht so dolle, wie wir dachten." Dass es im Winter jedoch wuchtige Neuzugänge gibt, etwa den gehandelten Innenverteidiger Dayot Upamecano (RB Leipzig) oder aber Gladbachs neuen Nationalspieler Florian Neuhaus (zentrales Mittelfeld), scheint angesichts der auch in der Bilanz des FC Bayern wütenden Pandemie eher unwahrscheinlich. Ebenso wie die Bereitschaft der Konkurrenten, ihre Stammspieler nach München zu schicken (gegen ein mutmaßlich sehr solides Entgelt).

Bedeutet also: Flick muss Lösungen aus dem eigenen Bestand finden. Lösungen für die Formschwächen, Lösungen für Auszeiten seiner überanstrengten Stars. Lösungen für eine weniger strapaziöse Spielweise. Und er muss darauf hoffen, dass alle gesund bleiben. Nicht nur Robert Lewandowski.

Quelle: ntv.de