Fußball

Herthas großes Fußball-Kino Der FC Bayern ist verwundbar

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Neulich in Berlin: Thomas Müller und Sandro Wagner.

(Foto: AP)

Jérôme Boateng erwischt einen gebrauchten Abend, seinen Kollegen fällt vor dem Tor nichts ein, und die Berliner Hertha spielt schon wieder erfrischenden Fußball. Und so verliert der FC Bayern sein erstes Spiel mit Trainer Niko Kovac. Und nun?

Niko Kovac war bemüht, die ganze Sache nicht allzu hoch zu hängen. "Ich sehe es ganz entspannt", sagte der Trainer des FC Bayern im Keller des Berliner Olympiastadions. Sein FC Bayern hatte dort just vor 74.669 Zuschauern und somit ausverkauftem Haus an diesem Freitagabend zum Auftakt des sechsten Spieltags der Fußball-Bundesliga mit 0:2 verloren. Es war, nach sieben Siegen im Super-Cup, DFB-Pokal, Champions League und nationaler Liga, die erste Niederlage in dieser Saison. Weil Kovac erst seit diesem Sommer in München arbeitet, war es für ihn die erste Niederlage überhaupt mit seinem neuen Klub. Und die Hertha hat die Frage beantwortet, ob der FC Bayern verwundbar ist. Ja, das ist er.

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Nach dem 1:1 am Dienstag gegen den FC Augsburg hat der FC Bayern in dieser Woche von sechs möglichen Zählern nur einen Punkt geholt. Das haben sie sich, so viel ist gewiss, anders vorgestellt. Da konnte Kovac erzählen, was er wollte: "Wenn man 0:2 mit Bayern in Berlin verliert, glaubt einem keiner, dass ich mit der Leistung zufrieden bin. Was fehlt, sind die Tore, dass wir die Vielzahl der Chancen nicht nutzen. Das ist das Einzige, was ich zu bemängeln habe."

Er hätte bemängeln können, dass eine sehr clevere, mutige und effiziente Hertha verdient gewonnen hatte; dass die Münchner vor allem nach der Pause sehr oft und viel den Ball hatten, ihnen aber die Ideen fehlten, wie der engagierten und gut organisierte Berliner Defensive beizukommen sei; dass Robert Lewandowski, Franck Ribéry, Arjen Robben und Kollegen zwar oft aufs Tor schossen, aber selten gefährlich - im Gegensatz zu den Berlinern. Und auch als Kovac nach der Pause nacheinander Thomas Müller für Robben, Serge Gnabry für Renato Sanches und Sandro Wagner für James Rodriguez brachte, wurde es nicht besser. Alle anderen Klubs in der Bundesliga können von solchen Wechselmöglichkeiten nur träumen.

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Und er hätte bemängeln können, dass seine Mannschaft nicht nur keine Treffer erzielte, sondern auch zwei kassierte. Was er dann schließlich auch tat: "Wir haben zwei Tore zugelassen, zwei, die nicht passieren dürfen." Kapitän Vedad Ibisevic hatte nach 23 Minuten mit einem sehr selbstsicher verwandelten Elfmeter für das 1:0 gesorgt. Danach versammelte sich die gesamte Mannschaft auf der blauen Tartanbahn vor der Ostkurve, um mit den Fans zu jubeln. Ein Träumchen für jeden, der es mit der Hertha hält. Dem 2:0 durch Ondrej Duda eine Minute vor der Pause ging ein feiner Spielzug voraus, der bewies, dass die Berliner in dieser Saison bisher nicht nur erfolgreich sind, sondern auch schönen Fußball spielen.

Keine Scheu vor den Über-Bayern

Hertha BSC - FC Bayern München 2:0 (2:0)

Tore: 1:0 Ibisevic (23., FE), 2:0 Duda (44.)
Berlin: Kraft - Lazaro, Stark, Rekik, Mittelstädt - Skjelbred, Arne Maier - Kalou (71. Leckie), Duda, Dilrosun (90.+1 Jastrzembski) - Ibisevic (53. Selke). - Trainer: Dardai
München: Neuer - Kimmich, Süle, Jerome Boateng, Alaba - Thiago - Robben (52. Thomas Müller), James (72. Wagner), Sanches (63. Gnabry), Lewandowski, Ribery. - Trainer: Kovac
Schiedsrichter: Marco Fritz (Korb)
Zuschauer: 74.669 (ausverkauft)
Torschüsse: 6:24 - Ecken: 1:14
Ballbesitz: 36:64 % - Zweikämpfe: 79:91

Kalou hatte den Ball auf die rechte Seite zu Valentino Lazaro gepasst, der lief bis zur Grundlinie und spielte zurück an den Fünfmeterraum, wo Duda wartete und den Ball vorbei am machtlosen Torhüter Manuel Neuer unter die Latte hämmerte. Nicht erst ab da war die Stimmung im Westend prächtig, die Fans in Blau und Weiß sangen, tanzten und feierten den ersten Sieg gegen die Münchner seit Februar 2009. Sie freuten sich und waren vielleicht auch ein wenig erstaunt darüber, dass ihr Team so gar keine Scheu vor den angeblich doch so übermächtigen Bayern zeigte. Das war großes Fußball-Kino. Trainer Pal Dardai zeigte sich zufrieden: "Für uns ist es eine gute Sache. In der ersten Halbzeit waren wir einen Tick besser. Das war fast perfekt." Weniger perfekt war auf Seiten der Münchner, dass Innenverteidiger Jérôme Boateng einen gebrauchten Abend erwischte. Vor dem Elfmeter hatte er in eher tölpelhafter Manier den Berliner Salomon Kalou gefoult. Und vor dem zweiten Tor der Gastgeber ließ er Lazaro einfach ziehen. Er war es also, der an beiden Toren nicht ganz unschuldig war. Vor allem seine ungeschickte Grätsche gegen Kalou hätte er sich besser gespart. Sein Trainer kommentierte das ebenso kurz wie scharf: "Eigentlich geht das nicht."

Uneigentlich auch nicht, wie es Rechtsverteidiger Joshua Kimmich relativ deutlich sagte: "Wir haben die Qualität, um jedes Spiel zu gewinnen. Aber wenn du hinten immer wieder solche Dinge drin hast, wird's schwierig." Und David Alaba, sein Kollege vom anderen Ende der Viererkette, befand: "Es ist ein Faktor, dass wir die Chancen nicht genutzt haben. Dann bekommst du zwei Tore, und dann wird es schwierig." Wenn der FC Bayern am kommenden Dienstag (ab 21 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) in der Champions League gegen Ajax Amsterdam spielt, könnte es gut sein, dass Mats Hummels, der in Berlin auf der Bank saß, mit dem offenbar gesetzten Niklas Süle die Innenverteidigung bildet.

Besser als das Spiel der Berliner übrigens, die ihren Fans diese Momente des Glücks geschenkt hatten, war nur ihre Aktion vor der Partie. Seit einiger Zeit hängen in der Hauptstadt Plakate, die selbstironisch die Menschen dazu bewegen wollen, dem lokalen Fußballklubs ihre Sympathie zu schenken: "In Berlin kannst Du alles sein. Auch Herthaner." Beim Aufwärmen trugen die Spieler Trikots, auf denen stand: "In Berlin kannst Du alles sein. Außer Rassist." Auch das war ganz großes Kino.

Quelle: n-tv.de

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