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Extrem bitter, sagt Müller über den nicht gegebenen Elfmeter in der Nachspielzeit.
Extrem bitter, sagt Müller über den nicht gegebenen Elfmeter in der Nachspielzeit.(Foto: imago/Sportfoto Rudel)
Sonntag, 20. Mai 2018

Elfmeter-Klau und Feierflucht: Der FC Bayern motzt den Frust weg

Von Stefan Giannakoulis und Tobias Nordmann, Berlin

Eine Niederlage im DFB-Pokalfinale, das ist der FC Bayern nicht gewohnt. So ist es vielleicht zu erklären, dass die Münchner sich nicht an die Etikette für die Siegerehrung halten. Eine Respektlosigkeit? Eher Ausdruck des maximalen Frustes.

Die Sache war ihnen hinterher dann doch ein wenig unangenehm. Da hatten die Fußballer des FC Bayern also an diesem Samstagabend das Endspiel um den DFB-Pokal gegen Eintracht Frankfurt mit 1:3 (0:1) verloren und ihre Trostmedaille bekommen. Und was machen sie? Marschieren direkt in Richtung Kabine anstatt zu warten, bis die Sieger im Berliner Olympiastadion geehrt werden. Nur die nicht eingesetzten Torhüter Manuel Neuer und Tom Starke sowie Sportdirektor Hasan Salihamidzic blieben auf dem Rasen und applaudierten. Eine Respektlosigkeit gegenüber der Mannschaft von Niko Kovač, ihrem zukünftigen Trainer? Nein, nein, auf gar keinen Fall - behaupteten die Münchner und gaben sich alle Mühe, diesen Vorwurf schnell zu entkräften.

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"Es ist so, dass der Pokalsieger für die unterlegene Mannschaft Spalier steht. Und das haben die Frankfurter gemacht. Nicht, dass da jetzt eine Diskussion aufkommt", sagte Kapitän Thomas Müller. Und so überraschend wenige Frankfurter die den Bayern vorgetragene Empörung mitschnaubten, so überrascht waren die Münchener, dass ihr Abgang plötzlich ganz groß zum Thema gemacht wurde. "Das hatte nie was mit Respektlosigkeit zu tun", sagte Innenverteidiger Mats Hummels: "Es war eher so, dass wir links reingeleitet wurden. Einer hat den Anfang gemacht und alle anderen sind wie eine Entenfamilie hinterher gedackelt. Aber ich kenne nicht den Knigge, wie man sich da verhält."

"Mit Engagement, Ehrgeiz und Aggressivität"

Das wiederum könnte daran liegen, dass sie es beim FC Bayern nicht gewohnt sind, ein Pokalfinale zu verlieren. Trainer Jupp Heynckes jedenfalls hatte nach seinem allerletzten Spiel seiner ebenso langen wie erfolgreichen Karriere selbstverständlich den Anstand, auf der Pressekonferenz als allererstes den Frankfurtern zum Sieg zu gratulieren. Die Eintracht habe "mit großem Engagement, mit Ehrgeiz, mit Aggressivität und mit Zweikampfhärte agiert" und somit nicht unverdient gewonnen. Sein Team hingegen habe "nicht über 90 Minuten alles abrufen können. Natürlich war auch ein bisschen Pech dabei". Das aber solle den Sieg der Frankfurter schmälern. Und zur Feierflucht seiner Spieler sagte er: "Ich denke nicht, dass das Absicht war. Ich persönlich habe da in dem Moment überhaupt nicht dran gedacht, sonst hätte ich die Spieler aufgefordert, zu bleiben. Das war ein Missverständnis."

Den Pokal sieht Müller in diesem Jahr nur im Vorbeigehen.
Den Pokal sieht Müller in diesem Jahr nur im Vorbeigehen.(Foto: dpa)

Tatsächlich waren die Bayern mit vielen anderen Gedanken beschäftigt. So fragten sie sich, warum sie es nicht geschafft hatten, ihrem Trainer zum Abschied noch einmal das Double zu schenken. Und eine Antwort darauf fanden sie in der vierten Minute der Nachspielzeit, als Schiedsrichter Felix Zwayer ihnen trotz des Videobeweises einen Strafstoß verwehrte - verursacht von Kevin-Prince Boateng an Javier Martínez. Torwart Sven Ulreich monierte: "Das ist eine Entscheidung, die ich nicht nachvollziehen kann. Der Schlag war eindeutig zu hören. Er trifft ihn am Fuß." Das sei lächerlich. "Dann können wir das mit dem Videobeweis auch sein lassen." Zwayer, der am Samstag 37 Jahre alt wurde, habe "an seinem Geburtstag Geschenke verteilt".

"Es ist extrem bitter"

"Das ist eine klare Geschichte", schimpfte auch Müller. "Er trifft den Ball nicht. Ich verstehe nicht ganz, warum es diese Einrichtung gibt. Ich verstehe, dass da Druck drauf ist bei einem Elfmeter in der Nachspielzeit. Aber das war kein 50:50-Ding. Es ist extrem bitter." Das war es wirklich. Frankfurts Boateng nämlich berichtete dem Bezahlsender Sky: "Ich treffe ihn ganz klar, danach muss der Schiedsrichter entscheiden. Ich dachte, den muss er pfeifen." Und auch Kovač räumte ein, dass seiner Einschätzung nach der Schiedsrichter auf Elfmeter hätte entscheiden müssen.

So wie schon vor drei Wochen, als der türkische Unparteiische Cüneyt Cakir im Halbfinalrückspiel in Madrid nach einem klaren Handspiel des brasilianischen Verteidigers Marcelo davon absah, auf den Elfmeterpunkt zu zeigen. Letztlich reichte es für einen starken FC Bayern gegen Real nur zu einem 2:2, was nach dem 1:2 im Hinspiel nicht reichte, um ins Endspiel der Champions League einzuziehen. In beiden Fällen gaben die Sünder ihr Vergehen im Nachgang zu. In beiden Fällen hadern die Bayern - zurecht. Und dennoch ist das fehlende Glück nur Teil der Wahrheit. Zu der gehört nämlich auch, vorwiegend sogar, dass Aufwand und Ertrag seit ein paar Wochen aus dem Gleichgewicht geflogen sind. Wie schon im Bernabéu schossen die Bayern nun auch in Berlin 22 Mal aufs Tor, bei jeweils neun (gegen Real) und acht (gegen Frankfurt) Versuchen des Gegners. Es liegt also nicht nur am Pech und an Schiedsrichtern, die bisweilen falsch entscheiden. Es hapert vor allem an der Effizienz wenn es darum geht, den Ball ins Tor zu schießen.

Während für die frustrierten Münchner die Saison mit dem verkorksten Pokalfinale nun zu Ende ist, spielt Real am kommenden Samstag, dem 26. Mai, in Kiew gegen den FC Liverpool um den wichtigsten Titel im europäischen Vereinsfußball. Den Bayern bleibt nur die Feier der deutschen Meisterschaft an diesem Sonntag auf dem Marienplatz, die bei den Spielern wenig Begeisterung hervorruft. "Auf den Balkon und die Feier habe ich keine Lust", sagte Ulreich in Berlin. Und den Sonntag wolle er am liebsten mit seiner Familie verbringen. Und Heynckes konstatierte: "Das gehört zum professionellen Dasein dazu." Er habe sich noch gar nicht informiert, was auf dem Marienplatz geplant sei. "Das werden wir dann auch noch überstehen." Vielleicht gehen sie auch einfach nicht hin.

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Quelle: n-tv.de