Fußball

So läuft's in Liverpools Anfield Der FC Bayern stemmt sich gegen den Untergang

Als Außenseiter tritt der FC Bayern beim FC Liverpool an. Im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League geht es für die Münchner Fußballer von Trainer Kovac zuerst darum, nicht unterzugehen. Dafür müssen sie das prägende Problem dieser Saison beheben.

Worum geht's?

Wäre das die Schlagzeile nach diesem Fußballspiel, in München würde sich mutmaßlich niemand beschweren. "Bayern ganz toll! 0:0 in Liverpool", titelte der "Kicker" am 9. April 1981, nachdem der FC Bayern zum bisher letzten Mal an der Anfield Road gespielt hatte. Seinerzeit war es das Hinspiel im Halbfinale des Europapokals der Landesmeister, heute (ab 21 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) ist es das Hinspiel im Achtelfinale, der Wettbewerb heißt nun Champions League. Und ohne den Münchnern und Trainer Niko Kovac zu nahe zu treten - ein torloses Remis wäre ein Geschenk.

So könnten sie spielen

FC Liverpool: Alisson - Alexander-Arnold, J. Matip, Fabinho, Robertson - Wijnaldum, Henderson, Milner - Salah, Firmino, Mané. Trainer: Klopp
FC Bayern München: Neuer - Kimmich, Süle, Hummels, Alaba - Martínez, Thiago - Gnabry, Goretzka, Coman - Lewandowski. Trainer: Kovac
Schiedsrichter: Rocchi (Italien)

Das prägende Problem der Bayern ist, dass sie defensiv nicht so stark sind, wie sie es gerne wären. Keines der sechs Spiele in diesem Jahr beendeten sie ohne Gegentreffer, zehn Mal landete der Ball in ihrem Tor. All ihre Auftritte wurden von der drängenden Frage begleitet, wie das gegen die vom deutschen Trainer Jürgen Klopp trainierten Liverpooler werden soll, die in der Tabelle der Premier League hinter Manchester City punktgleich auf Platz zwei stehen und noch ein Nachholspiel haben. Die Antwort mag sich selbst der gewogene Betrachter nicht ausmalen. Sie folgt dann aber, wie stets, erst auf dem Platz. Das Rückspiel am 22. April 1981 im Münchner Olympiastadion endete übrigens 1:1, die Engländer zogen dank der Auswärtstorregel ins Endspiel ein. Der "Kicker" lag also nicht ganz richtig, als er den Bayern nach dem Hinspiel attestiert hatte: "Mit einem Bein im Finale!" Aber wie sagte es Kovac am Tag vor der Partie: "Ich gehe nicht davon aus, dass es morgen 0:0 ausgeht."

Wie ist die Ausgangslage?

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Einst war's: Der heutige Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge (l., hier im Duell mit Alan Kennedy) erkämpft am 9. April 1981 mit dem FC Bayern München ein 0:0 beim FC Liverpool.

(Foto: imago sportfotodienst)

Wobei: Auch wenn er es nie zugeben würde, wäre Kovac nach seinem ersten K.-o.-Spiel als Trainer in der Königsklasse wohl nicht allzu böse, wenn alles am Ende wieder so kommen würde wie vor 38 Jahren. 0:0 und 1:1, seine Bayern wären nicht untergegangen und hätten sich achtbar geschlagen. Das wäre auch ein Argument für Kovacs längerfristige berufliche Zukunft in München. Er und seine Chefs wissen, dass der FC Bayern bei diesem englisch-deutschen Kräftemessen der Außenseiter ist.

Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge hatte schon vor einer Woche der "Sportbild" gesagt, dass er sich für das Hinspiel ein Unentschieden mit mindestens einem eigenen Tor wünsche, auf das im Rückspiel am 13. März noch alles offen sei. Das wäre im Vergleich mit 1981 ein Fortschritt, als er als einziger Münchner Angreifer in Liverpool 90 Minute lang vergeblich den lang geschlagenen Bällen hinterhersprintete. Auch Uli Hoeneß würde gerne ein Remis mitnehmen. Alles andere, sprach der Präsident und oberste Fan des Klubs, sei überheblich. Das hört sich nicht nur ein bisschen so an, als ginge es vor allem darum, nicht unterzugehen. Mia san mia klang auch schon mal anders.

Wie ist der FC Bayern drauf?

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Seit Montag 21.20 Uhr Liverpooler Ortszeit vermutlich ganz gut. Da stand fest, dass der Spitzenreiter aus Dortmund zum Abschluss des 22. Spieltags der Bundesliga beim Schlusslicht in Nürnberg nur ein 0:0 erreicht hatte. Somit steht der BVB in der Tabelle nur noch drei Punkte vor den Münchnern. Für die Partie in der Königsklasse hilft das zwar eher nicht, es erhöht aber die Chance auf die siebte deutsche Meisterschaft in Folge. Aber kommen wir noch einmal zum bajuwarischen Kernproblem. Die Münchner hatten just durch ein 3:2 nach Verlängerung bei der Berliner Hertha das Viertelfinale des DFB-Pokals erreicht, da sagte Kovac auf die Frage, ob seine Mannschaft denn gerüstet sei für einen Gegner wie den FC Liverpool, nur ein Wort: "Ja." Und nach dem 3:2 am vergangenen Freitag in der Bundesliga beim FC Augsburg sagte er auf die Frage, was seine Mannschaft denn verbessern müsse: "Alles." Das klingt jetzt etwas hart, aber es ist ja was dran.

Immerhin berichtete der Trainer, dass Kingsley Coman, Linksaußen und formstärkster Münchner der vergangenen Woche, nach seiner Fußverletzung zumindest dabei ist und vielleicht auch spielen kann. "Es wird von Stunde zu Stunde besser." Jérôme Boateng, der vermutlich eh nicht gespielt hätte, plagt ein Magen-Darm-Infekt. Franck Ribéry, auch nicht unbedingt Kandidat für die Startelf, reiste dem Team am Montagabend hinterher, weil seine Frau Wahiba just ihr fünftes Kind geboren hat. Und Thomas Müller ist wegen einer Rotsperre zum Zuschauen verdammt.

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Die Bayern-Kicker Rodríguez, Lewandowski und Thiago haben ein hartes Spiel beim FC Liverpool vor sich.

(Foto: imago/MIS)

So stellt sich die Mannschaft im Grunde von selbst auf. Einzig offene Frage ist, ob Kovac die Sache offensiver angehen will und Spielmacher James Rodríguez aufstellt. Oder ob er die Defensive stärkt und auf Javier Martínez setzt. Wir tippen auf die Sicherheitsvariante, aber urteilen Sie selbst. Einerseits sagte Kovac: "Wir wollen nicht aus der Defensive agieren. Wir müssen Chancen kreieren." Andererseits warnte er vor Liverpools Wucht: "Das ist Umschaltspiel in Perfektion."

Was macht der FC Liverpool?

Klopps Team dürfte vor allem eines sein: ausgeruht. Clevererweise sind die Liverpooler aus beiden nationalen Pokalwettbewerben ausgeschieden, sodass sie zehn Tage Zeit hatten, um im sonnigen Spanien zu regenerieren und zu üben. Wobei sich der Trainer angeblich gar nicht so sicher ist, ob das vorteilhaft war. "Was ist besser? Im Rhythmus sein oder eine Pause haben? Ich weiß es nicht", sagte Klopp. Von der Rolle als Favorit will er nichts wissen. "Wenn München in einer schwierigen Situation steckt, dann ist das für mich Jammern auf hohem Niveau." Und dass die Bayern in der Liga nun den BVB jagen, mache sie "sogar noch gefährlicher. Sie sind noch bedrohlicher als zuvor. Zudem ist die Champions League ein Wettbewerb, in dem sie immer gut unterwegs waren".

Tatsächlich hat Klopp das Problem, dass mit dem gelb-gesperrten Abwehrchef Virgil van Dijk einer seiner Besten fehlt. Manche sagen gar, er sei der Kopf der Mannschaft. Da noch nicht klar ist, ob Dejan Lovren fit ist, dürfte wohl Mittelfeldspieler Fabinho mit dem ehemaligen Schalker Joel Matip die Innenverteidigung bilden. Vielleicht appellierte Klopp auch deshalb an die Fans: "In Deutschland sprechen die Menschen immer von der speziellen Atmosphäre an der Anfield Road." Und ja, Liverpool gelte als der "vielleicht emotionalste Klub im Weltfußball. Lasst uns das morgen Abend zeigen. Macht die Anfield Road sowohl auf dem Feld als auch auf der Tribüne zu einem emotionalen, zu einem lebhaften Ort".

Wie es einem in Liverpool ergehen kann, musste im vergangenen Jahr der große Josep Guardiola erleben. Mit Manchester City lag der Trainer im Viertelfinale der Champions League nach einer guten halben Stunde mit 0:3 zurück. Es trafen Mohamed Salah, Alex Oxlade-Chamberlain und Sadio Mané. Dem englischen Nationalspieler Oxlade-Chamberlain rissen dann im Halbfinale gegen die AS Rom mehrere Bänder, er verpasste die Niederlage im Finale gegen Real Madrid und die Weltmeisterschaft. Mittlerweile trainiert der Mittelfeldspieler wieder, kann aber noch nicht spielen. Dafür haben der Ägypter Salah und der Senegalese Mané den Brasilianer Roberto Firmino an ihrer Seite. Der fehlte beim Abschlusstraining - ein Virus, hieß es. Dieses Angriffstrio von Weltklasseformat hat in dieser Saison 38 der 59 Liverpooler Tore in der Liga geschossen, insgesamt sind es 44. Noch Fragen? Ja, eine. Hat jemals eine deutsche Mannschaft in Anfield ein Fußballspiel gewonnen? Nein. Da spricht es in gewissem Sinne für die Ironiefähigkeit der Münchner, dass die Mannschaft im Liverpooler Hotel "Titanic" an den Stanley Docks am River Mersey logiert.

War sonst noch was?

Kommen wir noch mal zum Stadion an der Anfield Road, das mit seinen 53.394 Plätzen ausverkauft ist. Innenverteidiger Mats Hummels war mit Borussia Dortmund schon mal da. "Leider", wie er sagt. Im April 2016 verloren er und der BVB dort im Viertelfinale der Europaliga mit 3:4. Eine "unfassbare Stimmung habe geherrscht: Wir waren 3:1 vorne, hatten das Spiel gefühlt im Sack. Die Fans haben das Team nach vorne gepeitscht. Man muss 90 Minuten dagegen halten, sonst verliert man oder kann so untergehen". Einen Plan für die Partie gegen seinen ehemaligen Trainer hat Hummels aber: "Entscheidend wird sein, vor dem gegnerischen Pressing nicht zu kapitulieren, nicht quer oder nach hinten zu spielen, sondern mutig nach vorne." Wir fassen zusammen: Keine Panik auf der Titanic.

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Quelle: n-tv.de

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