Fußball

Von Erstklassigkeit keine Spur Der HSV kickt sich aus der Bundesliga

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Niedergeschlagen: André Hahn nach dem verlorenen Spiel in Bremen.

(Foto: imago/Nordphoto)

Die Bundesliga-Uhr können sie bald abschalten, Maskottchen Dino Hermann droht die Arbeitslosigkeit: Beim Hamburger SV sieht es finster aus. Nur mit einer Siegesserie ist der Abstieg noch zu vermeiden. Aber wie soll das gehen?

Es herrscht Untergangsstimmung beim Hamburger SV: Nach dem 0:1 in Bremen ist der Abstieg des Gründungsmitglieds der Fußball-Bundesliga kaum noch abzuwenden. Bei den Fans macht sich Galgenhumor breit: "Wir sind dabei in Liga zwei." Seit geraumer Zeit gleichen die Züge der Massen nach Heimspielen durch den Volkspark zum S-Bahnhof Stellingen Trauermärschen.

Einige Kilometer vom "Ort der Schande" entfernt, in der Innenstadt, wird bei einem Bier erörtert, was die Lieblinge wieder so auf dem Platz angerichtet haben. Die Abschaltung der Bundesliga-Uhr im Volksparkstadion ist natürlich ein Thema. Auch Maskottchen Dino Hermann wird wohl seinen Job verlieren, denn nach einem Abstieg wird der HSV seinen Nimbus als Bundesliga-Dino los. Vielleicht gibt es für Hermann einen Hilfsjob im roten Dress in München, denn der FC Bayern hätte dann die längste ununterbrochene Ligazugehörigkeit aufzuweisen.

"Uns Uwe" schießt gegen Vorstand

Vereins-Ikone Uwe Seeler mag ebenfalls nicht mehr hinschauen und gibt sich illusionslos: "Es nimmt mich sehr mit, dass der HSV nichts auf die Beine bekommt." Dennoch tut sich der 81-Jährige immer noch die Heimspiele an. Die Spiel(un)kultur seiner Nachfolger mit der Raute auf dem Trikot lässt ihn aber leiden. Dazu kommt noch die Transferpolitik des Vereins, die "Uns Uwe" unterirdisch findet. So hätte im Winter etwas gemacht werden müssen, "denn man hat ja gesehen, wie die Hinrunde gelaufen ist", sagte er der "Hamburger Morgenpost". Ein klarer Seitenhieb gegen Vorstandschef Heribert Bruchhagen und Sportdirektor Jens Todt.

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Uwe Seeler leidet.

(Foto: picture alliance / Axel Heimken/)

Zudem ärgert den Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft das unprofessionelle Verhalten von Spielern wie Vasilje Janjicic - der 19-Jährige verursachte unter Alkoholeinfluss mit seinem Mercedes auf der A7 einen Unfall. Als hätte der HSV nicht schon genug Probleme. Immer mehr Anhänger finden sich damit ab, dass demnächst Mannschaften aus Sandhausen, Ingolstadt oder Heidenheim in den Volkspark kommen. Ihr Team, das sich seit Jahren in der unteren Tabellenregion aufhält und zwei Relegationen mit Ach und Krach für sich entscheiden konnte, hat das Glück überstrapaziert.

Wenigstens gibt es dann das Derby gegen den FC St. Pauli. Oder doch nicht? Vielleicht geht es noch weiter runter, denn den HSV drückt eine Schuldenlast von rund 105 Millionen Euro. Der neue Präsident Bernd Hoffmann sagt: "Ganz besonders wichtig - und das kann man sich in der boomenden Fußballkultur kaum vorstellen - ist, dass der HSV ein großes Problem damit haben wird, für die nächste Saison eine Erst- oder Zweitligalizenz zu bekommen." Auch der unter Druck geratene Sportchef Jens Todt klagt: "Es ist hier seit einem Jahr Krisenmanagement. Das belastet einen." Schließlich sei nicht klar, in welcher Liga der HSV in der kommenden Saison spiele.

Aufmischen auf den Rängen - nicht auf dem Platz

Diese Bemerkung lässt einige HSV-Anhänger schmunzeln, für sie ist eindeutig, dass es nicht das Fußball-Oberhaus sein wird. Man müsse alle rausschmeißen und den Neuaufbau mit jungen, unverbrauchten Spielern einleiten, sagte ein Fan während des mit 1:2 verlorenen Heimspiels gegen Bayer Leverkusen. "Ein Ende mit Schrecken ist besser als ein Schrecken ohne Ende." So weit ist die HSV-Spitze noch nicht. Es werden noch fleißig Sprüche geklopft. "Schon nächsten Sonnabend, 18.30 Uhr, kommen wir mit 4000 oder 5000 Anhängern zu Werder Bremen und dann werden wir dort mal so richtig aufmischen. In diesem Sinne: Nur der HSV", hatte Hoffmann nach seinem sehr knappen Sieg über den bisherigen Amtsinhaber Jens Meier getönt. Aufgemischt wurde seitens der Hamburger: allerdings nicht auf dem Platz, sondern mit Pyrotechnik auf den Rängen.

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Im HSV-Block in Bremen.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Hirnrissige Aktionen, die eine deftige Geldstrafe nach sich ziehen werden. Auch zu Hause wird die Stimmung zunehmend aggressiver. "Bevor die Uhr ausgeht, jagen wir euch durch die Stadt", war beim Leverkusen-Spiel auf einem Plakat zu lesen. Derweil sendet Bruchhagen Durchhalteparolen. "Wir haben noch zehn Spiele", so der 69-Jährige. Ebenso André Hahn: "Wir sind der HSV. Wir haben es immer geschafft", bellt der bislang enttäuschende Offensivspieler nach der Pleite in Bremen ins Mikrofon. Allerdings verkennen Bruchhagen und Hahn dabei, dass die mit viel Geld falsch zusammengestellte Mannschaft in der Bundesliga nicht konkurrenzfähig ist - sie ist zweitklassig. Gegen den ebenfalls akut abstiegsgefährdeten 1. FSV Mainz 05 soll zu Hause nun ein Sieg her. "Wir werden unsere Restchancen in Angriff nehmen und werden sie nutzen", gibt sich Bruchhagen kämpferisch. Doch mit Worten werden keine Spiele gewonnen. Die Realität auf dem Platz sieht anders aus.

Kleiner Lichtblick Walace

Um die womöglich allerletzte Chance zu wahren, setzen sie auf teambildende Maßnahmen. So bittet Trainer Bernd Hollerbach, dem noch kein Sieg gelungen ist, die Mannschaft ab Donnerstag ins Hotel Treudelberg im Norden Hamburgs. Trainiert wird aber weiter im Volkspark. Hollerbach, der im Januar Markus Gisdol abgelöst hatte, steht vor der nahezu unlösbaren Aufgabe, seinem Team Torgefährlichkeit einzuimpfen. 18 Tore in 24 Punktspielen haben die Hamburger lediglich erzielt - so wenig wie kein Team in der Bundesliga. Und dabei ist guter Rat teuer: Denn die Hamburger spielen sich zu wenige Torchancen heraus, weil sie kein schlagkräftiges Mittelfeld und vor allem beim Spielaufbau riesige Probleme haben.

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HSV-Trainer zu sein, ist derzeit kein Vergnügen. Unter Bernd Hollerbach gab es bislang noch keinen Sieg.

(Foto: dpa)

Hollerbachs experimentiert und nimmt den bei Gisdol in Ungnade gefallenen Walace in die Startelf. Der 22-jährige Brasilianer macht seine Sache nicht schlecht auf der Sechserposition, bei der Heimpleite gegen Leverkusen ist er noch der beste HSV-Spieler auf dem Platz. Walace sei "ein Teamplayer, der sich in schwierigen Situationen auch zeigt, immer den Ball haben will und sich nicht versteckt", sagt Hollerbach. Walace ist allerdings der einzige Lichtblick in einer völlig verunsicherten Mannschaft. Und auch Hollerbach muss sich eine unangenehme Frage gefallen lassen. Warum wechselt er im Spiel gegen Bremen die Stürmer Bobby Wood und Jann-Fiete Arp so spät ein? Die Konzentration ausschließlich auf gute Defensivarbeit reicht nicht, der HSV braucht - will er überhaupt den Hauch einer Chance auf den Klassenverbleib haben - eine Siegesserie.

"Risikospiel" gegen Mainz

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Dino Hermann bangt um seine Existenz.

(Foto: picture alliance / dpa)

Neues Spiel, neues Unglück? Die Partie gegen Mainz ist wieder einmal ein Schicksalsspiel. Egal wie, es müssen drei Punkte her, um überhaupt noch den Relegationsplatz in Sichtweite zu haben. Nach den Ereignissen in Bremen stufen die HSV-Verantwortlichen die Begegnung als "Risikospiel" ein, obwohl die Mainzer in Hamburg nicht zu den "verhassten Klubs" zählen. Es gibt nur alkoholfreies Bier - die Fans kommentieren diese Maßnahme auf ihre Weise. Ihrer Meinung nach kann man ein HSV-Spiel nur mit Alkohol ertragen. "Ich glaube, das Stadion bleibt leer", wird in den sozialen Netzwerken gewitzelt.

Das Restprogramm hat es in sich. Nach der Mainz-Partie müssen die Rothosen zum FC Bayern München. Dort gibt es in der Regel für sie nicht viel zu holen, die letzten sieben Bundesligapartien an der Isar endeten für die Hamburger mit 0:6, 0:5, 2:9, 1:3, 0:8, 0:5 und wieder 0:8 - alles in allem stehen 3:44 Tore zu Buche. Dazu gibt es für den HSV noch weitere schwere Auswärtsspiele: in Stuttgart, Sinsheim, Wolfsburg und Frankfurt. Am letzten Spieltag kommt dann Borussia Mönchengladbach nach Hamburg. Bleibt zu hoffen, dass die Fans im Volksparkstadion das Abstellen der Uhr mit Fassung tragen.

Auch Hoffmann hat den Worst Case im Blick. Dennoch werde beim Hamburger SV nicht das Licht ausgehen, sagt er. "Wir sind ein Klub, der schon viele Krisen überstanden hat. Selbst wenn wir eine Runde in der zweite Liga gehen sollten, geht die Welt nicht unter." Natürlich bedeutet ein Abstieg nicht das Ende der Welt. Aber ob es nur bei einer Runde in der Zweitklassigkeit bleibt, ist doch mehr als fraglich. Es sei denn, die Neuzugänge werden in Hamburg wie in den letzten Jahren nicht schlechter, sondern besser, und das Geld des in der Schweiz lebenden milliardenschweren HSV-Edelfans Klaus-Michael Kühne wird richtig eingesetzt.

"Hamburg, meine Perle", singt Lotto King Karl vor jedem Heimspiel. Ohne Zweifel ist Deutschlands zweitgrößte Stadt sehr schön. Was die populären Mannschaftssportarten angeht, herrscht aber Tristesse. Die Handballer sind unterklassig, auch die Eishockey-Cracks der Freezers verabschiedeten sich aus der obersten Spielklasse. Bemerkenswert für die Stadt der Kaufleute: Immer fehlte Geld. Nun wird es nach Lage der Dinge den HSV erwischen. Das ist schon traurig.

Quelle: n-tv.de

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