Fußball

BVB gibt die Meisterschaft auf "Der Titel ist verspielt"

Borussia Dortmund geht im Revierderby gegen den FC Schalke 04 früh in Führung. Doch dann hadert der Fußball-Bundesligist mit einer Schiedsrichter-Entscheidung und verliert anschließend die Nerven. Der Sieg des Erzrivalen ist eine Schlappe, die Spuren hinterlässt.

In der Schlussphase des Revierderbys in der Fußball-Bundesliga war im Dortmunder Stadion ein Lied zu hören, das im Repertoire der Fans zu den Klassikern gehört: "Wer wird Deutscher Meister? BVB Borussia, wer wird Deutscher Meister? Borussia BVB." Komisch nur, dass die gastgebende Mannschaft hinten lag und noch komischer obendrein, dass die Gesänge im Norden der größten Fußballarena des Landes angestimmt wurden, wo sich die Anhänger des Gegners aufhalten. Tatsächlich waren es die Schalker, die sich lautstark Gehör verschafften, und tatsächlich hätte die Häme kaum heftiger ausfallen können.

Die 176. Auflage des ewig jungen Klassikers zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 hatte einen Verlauf genommen, den niemand ernsthaft in Erwägung gezogen hätte, der sich jemals mit Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten beschäftigt hat. Sage und schreibe 42 Punkte betrug der Abstand zwischen Dortmund und Schalke vor dem jüngsten Kräftemessen der beiden Rivalen aus dem Ruhrpott, nie zuvor war er dermaßen exorbitant. Schwarz-Gelb und Königsblau hatten sich nicht nur tabellarisch Lichtjahre voneinander entfernt.

Und dann das: 2:4 in einem irren Spektakel, in dem es tolle Tore, den Einsatz des Video-Schiedsrichters, Rote Karten und auch sonst viele Kapriolen gegeben hatte, die ein Fußballspiel unvergesslich machen. Am Ende fühlten sich viele Beobachter an das Jahr 2007 erinnert, als Schalke zum Nachbarn aufbrach, um Deutscher Meister zu werden und nach der Niederlage mit Häme überschüttet wurde. Nun, zwölf Jahre später, lief es genauso - nur mit umgekehrten Vorzeichen: Schalke feierte ausgelassen, während die Spieler des BVB nach einer Niederlage, die tiefe Spuren hinterlassen wird, wie geprügelte Hunde vom Rasen schlichen.

BVB in Leidenschaft unterlegen

"Mit diesem Spiel kann Schalke seine Saison retten - sie werden alles geben, was sie haben", hatte Dortmunds Abwehrspieler Abdou Diallo vor dem Anpfiff verkündet. Am Ende wird sich der junge Franzose gewundert haben, wie richtig er mit dieser Einschätzung gelegen hat. Wobei sich die Dortmunder fragen lassen müssen, warum sie sich nicht wehrhafter auf diese Partie eingelassen haben. Leidenschaft, Aggressivität - was die Grundtugenden der Sportart Fußball betrifft, waren die Borussia ihren Rivalen aus Gelsenkirchen eindeutig unterlegen.

Dabei hatte alles für den eindeutigen Favoriten gesprochen: Dortmund diktierte das Spielgeschehen, generierte in der ersten Halbzeit fast 80 Prozent Ballbesitz, ging nach künstlerisch unvergleichlicher Vorarbeit von Jadon Sancho durch Mario Götzes Kopfball früh in Führung, um dann doch zu verlieren.

"Lächerlich"

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BVB-Coach Lucien Favre ist sicher: Die Bayern werden jetzt Meister.

(Foto: imago images / Beautiful Sports)

Wie - um Himmels Willen - konnte das passieren? Unter anderem sprach die Dramaturgie des Spiels an diesem Nachmittag nicht für die Gastgeber: Nach der Führung von Götze bekam Sancho während der Jubelarie ein Feuerzeug an den Kopf, das aus dem Schalker Block geworfen worden war. Sancho fehlte hinten, als Dortmunds Manndecker Julian Weigl im Duell mit Schalkes Breel Embolo den Ball aus kurzer Entfernung an die Hand bekam, was Schiedsrichter Felix Zwayer dazu bewog, nach Ansicht der Fernsehbilder, auf den Elfmeterpunkt zu zeigen.

Es war eine Entscheidung, die Lucien Favre fassungslos zurückließ. Der Schweizer ist in seinem Auftreten normalerweise immer äußerst zurückhaltend bis introvertiert, nun regte er sich maßlos auf. Nicht nur über den Unparteiischen, sondern vor allem über die Regelhüter seines Sports: "Der Fußball ist peu a peu sehr lächerlich geworden", schimpfte der 61-Jährige. Und weiter: "Die Leute haben keine Ahnung von Fußball. Das ist der größte Skandal im Fußball seit Jahren. Eine totale Schande."

Es war tatsächlich eine krasse Szene, doch wäre es zu leicht, die Dortmunder Niederlage auf diese Szene zu reduzieren. Schließlich stand es nach diesem wahrlich fraglichen Strafstoß 1:1und der BVB hätte noch alle Möglichkeiten gehabt, das Schicksal zu seinen Gunsten zu wenden. Doch angesichts des Rückstands durch den Kopfballtreffer von Schalkes Manndecker Salif Sané verloren die Dortmunder nach dem Seitenwechsel komplett die Kontrolle.

Favre resigniert

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Marco Reus muss nach diesem Foul vorzeitig gehen.

(Foto: imago images / Laci Perenyi)

Rot für Nationalspieler Marco Reus und Rot für Verteidiger Marius Wolf durch üble Foulspiele von hinten sprechen Bände über das filigrane Nervenkostüm einer Mannschaft, die mental überfordert zu sein scheint, wenn es darum geht, Großes zu vollbringen. Der Protagonist der Niederlage heißt Reus und trägt bei der Borussia die Kapitänsbinde. Der gebürtige Dortmunder leitete den Untergang mit einer fatalen Grätsche von hinten ein, er musste danach nicht nur vom Platz, der folgende Freistoß von Caligiuri schlug auch noch brachial im Winkel ein.

Es war ein Niederschlag, von der sich die Borussia in den drei verbleibenden Begegnungen dieser Spielzeit wohl kaum erholen wird. Zumindest, wenn man der Meinung von Lucien Favre folgt. Auf die Frage, ob diese 90 Minuten die Entscheidung über den Ausgang der Deutschen Meisterschaft bedeuten, hatte Dortmunds Trainer eine ebenso kurze wie prägnante Antwort parat: "Ja, der Titel ist verspielt. Das ist schwer zu verdauen."

Quelle: n-tv.de

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