Fußball

Ex-Erzfeinde würdigen Hoeneß Der "Volksverhetzer" grüßt den "Totengräber"

Ebenso legendär wie das Wirken für "seinen" FC Bayern sind die zahlreichen Fehden, die sich Uli Hoeneß mit handverlesenen Erzfeinden aus der Bundesliga-Geschichte liefert. Zum Abschied des Machers überraschen Christoph Daum und Co mit neuen Anekdoten.

"Totengräber des deutschen Fußballs" hatte Willi Lemke, damals Manager des SV Werder Bremen, seinen Münchener Kollegen Uli Hoeneß einst genannt. Der wiederum blieb seinem Rivalen aus dem Norden nichts schuldig, ätzte ein "Volksverhetzer" zurück, "hassen gelernt" habe er gar durch Lemke. Und weiter: "Der Willi Lemke ist ja einer der größten Opportunisten in dem Geschäft", schimpfte der nun scheidende Präsident des FC Bayern: "Er ist der Erste, der nachher die Hand aufhält. Nur die Prügel, die lässt er gerne den Hoeneß einstecken, das Geld, das steckt er dann ein. Der ist nicht ernstzunehmen." Lemke wiederum keilte im "Zeit"-Interview gen München: "Entweder er war betrunken oder er will das Feuer gegen uns noch weiter entfachen!" Es sind Worte, die auf eine lebenslange Rivalität in einem Geschäft schließen ließen, das der Sage nach sowieso nur wenige Freundschaften zulässt. Umso überraschender kam es, als Anfang 2015 eben jener "Volksverhetzer" dem "Totengräber" übermitteln ließ: "Ich würde ihm die Hand reichen." Später kam es tatsächlich zur Versöhnung der einstigen Rivalen.

Nach einem kritischen Interview Lemkes zur legendären Polter-Pressekonferenz der Bayern-Granden soll die Nord-Süd-Sympathie wieder abgekühlt sein. Dennoch veröffentlichte der Bremer zum Abschied im klubeigenen Magazin "51" einen langen Offenen Brief an Hoeneß - und da menschelt es doch überraschend stark. "Ich wurde oft gefragt, ob das Show war, fürs Geschäft - oder ob wir uns tatsächlich nicht gemocht haben. Ich antwortete immer: Wir haben uns nicht gemocht", sagte Lemke, bedankte sich bei seinem früheren Widersacher aber für dessen karitatives Engagement. "Vor einigen Jahren aber hast du den ersten Schritt gemacht. Ich habe längst einen Uli Hoeneß kennengelernt, dem ich nie permanent widersprechen würde. Du bist ein unglaublich sozialer Mensch, der karitativ ungeheuer viel macht, ohne darüber zu reden. Exemplarisch dafür kann ich mich nur für deine Unterstützung bei einem Projekt in Simbabwe bedanken, bei dem wir Mädchen auf ihrem Weg zum Abitur helfen. Du kämpfst wie ein Löwe, wenn die Deinen angegriffen werden, das spricht für dich", schrieb der 73-Jährige. Außerdem verriet Lemke, dass er der Richterin geschrieben habe, bevor diese Hoeneß vorzeitig aus der Haft entließ. "Ich berichtete der Richterin von den Veränderungen. Du bist als Mensch gereift, was mich sehr beeindruckt hat."

"Das ist ein Ball über dir - kein Heiligenschein"

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Christoph Daum und Willi Lemke waren Erzfeinde von Uli Heneß. Das wussten nicht nur die Bayern-Fans.

(Foto: imago sportfotodienst)

Ebenso legendär wie die Fehde, die sich Hoeneß lange mit Lemke lieferte, sind die Auseinandersetzungen mit Christoph Daum. Mit dem Ex-Coach zankte sich der heute 67-jährige Hoeneß regelmäßig. Bundesliga-Folklore sind der Polter-Auftritt Daums im ZDF-"Sportstudio", vor dem der damalige Kölner Coach Bayern-Trainer Jupp Heynckes lächerlich machen wollte - und sich dafür den Zorn von Hoeneß zuzog. "Nach dem Sieg gegen Inter Mailand ging es ihm mal für ein paar Stunden besser", hatte Daum in Richtung von Heynckes getönt, "da war eine Hirnwindung mehr durchblutet. Im Grunde genommen ist er völlig kaputt." Im Studio dann hatte Hoeneß Daum unter anderem zu mehr Demut erziehen wollen: "Du überschätzt dich hier maßlos! Das ist ein Ball über dir – kein Heiligenschein." Worauf Daum erwiderte: "Um das Maß an Überschätzung zu erreichen wie du, muss ich hundert Jahre alt werden." Und dann war da ja noch der durch eine Kontroverse provozierte Drogentest - eine "wahnsinnige Entscheidung", wie Hoeneß später sagt - bei dem Daum Kokain-Konsum nachgewiesen wurde und der ihn den Job als Bundestrainer kostete. Jahre später trafen sich beide zu einem Gespräch, "das mir gezeigt hat, dass du ein äußerst nachdenklicher und verzeihender Mensch bist. Ein Charakterzug, der in der öffentlichen Darstellung deiner Person zu kurz kommt", schrieb Daum in einem Brief an Hoeneß, den "51" veröffentlichte.

Hoeneß sei "nicht als Sieger oder als Attackierer auf die Welt gekommen, doch dein Gerechtigkeitsgefühl, deine Fürsorge und dein Wille haben dich zum Lokomotivführer des Fußballs auf und außerhalb des Spielfeldes geformt. In Bezug auf Uli Hoeneß gab es immer nur eine Möglichkeit: Entweder man mag dich oder man mag dich nicht! Meine Wertschätzung sowie die von vielen anderen Menschen ist dir gewiss. Du warst nie artig, aber stets einzigartig. Erhalte dir diese Gabe und bewahre dir dabei das notwendige Quäntchen Humor."

Auch eigene Trainer waren bisweilen nicht vor beißender öffentlicher Hoeneß-Kritik sicher, vor allem Louis van Gaal, immerhin Double-Coach und großer Förderer des Klubidols Thomas Müller, kritisierte der impulsive Bayern-Boss im Herbst 2010 in einer TV-Sendung als beratungsresistent, der Niederländer musste noch vor dem Ende der Saison gehen. Danach stichelten beide Alpha-Tiere noch jahrelang weiter. Dennoch schrieb der heute 68-Jährige an Hoeneß: "Für Ihre Lebensleistung schätze ich Sie sehr."

"Nur mit Reibung passiert was"

Als langjähriger Weggefährte hat auch Paul Breitner Hoeneß trotz vieler Differenzen gewürdigt. "Das Einzige, das ich zum Abschied von Uli Hoeneß sagen möchte - unabhängig von allen persönlichen Unstimmigkeiten - ist: Er ist der einzige Fußballmacher, den ich auf die Stufe mit Santiago Bernabéu stelle", sagte Breitner der Münchner "tz". "Das, was Uli Hoeneß für den FC Bayern geleistet hat, ist großartig - eben das, was auch Santiago Bernabéu für Real Madrid vollbracht hat." Santiago Bernabéu war von 1943 bis 1978 Präsident von Real. Nach ihm ist auch das Stadion der Königlichen benannt.

Breitner und Hoeneß verband früher einmal eine enge Freundschaft. Mittlerweile stehen Unstimmigkeiten zwischen den beiden, die möglicherweise nicht mehr auszuräumen sind. "Ich werde zu dem Thema nichts mehr sagen. Ich habe mit Paul Breitner gebrochen, als ich aus dem Gefängnis kam - und das war's für mich", hatte Hoeneß nach der Jahreshauptversammlung vor einem Jahr gesagt. Die Gründe oder den Auslöser für den Bruch mit dem langjährigen Fußballfreund und Teamkollegen schilderte er nicht.

"Hin und wieder Reizpunkte gesetzt"

Noch so einer, der immer wieder zum Ziel von öffentlichen Hoeneß-Attacken wurde, ist Oliver Bierhoff. Zuletzt musste der Nationalmannschafts-Direktor in der vom Bayern-Präsidenten beinahe im Alleingang hochgekochten Kontroverse um die Besetzung des Tores der DFB-Elf einstecken. Die Stärke der DFB-Verantwortlichen sei es "ja immer, in den Wald zu gehen und zu pfeifen", polterte Hoeneß im Oktober in Richtung von Bierhoff und Co., "Feuer machen" wolle er den Herren. "Wir haben ja schon mal so ein Chaos erlebt. Das war während der WM 2006. Da war der Herr Bierhoff auch mitverantwortlich bei Oliver Kahn und Jens Lehmann. Das will ich dem deutschen Fußball ersparen", erklärte der Noch-Präsident des FC Bayern.

Wie wir heute wissen: Die persönlichen Angriffe des zürnenden Hoeneß sorgten zumindest bei Bierhoff nur für Stirnrunzeln, nicht für Ärger. Behauptet wenigstens Bierhoff, wenn er seine Würdigung gen München sendet: "Jeder weiß, was er für Bayern München und den deutschen Fußball gemacht hat. Dass er hin und wieder Reizpunkte gesetzt hat und ich mich bei der Nationalmannschaft gefragt habe, warum macht er das jetzt? Aber wir wissen, nur mit Reibung passiert etwas", sagte DFB-Direktor Bierhoff in Düsseldorf. Er habe die "offenen Worte" des langjährigen Weggefährten "immer geschätzt".

Sorgen um zu viel Ruhe müssen sich Daum, Bierhoff, Lemke und all die anderen alten und neuen Widersacher sicher nicht: Hoeneß hat bereits angekündigt, wieder und weiter bereit zu sein, die "Abteilung Attacke" zu geben.

Quelle: ntv.de, ter/dpa