Fußball

Nun dringend erforderlich Der überzeugendste Löw, den es je gab

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Noch einmal so überzeugend wie damals?

(Foto: imago images/HJS)

Das "entsetzliche" Debakel der deutschen FußballNationalmannschaft gegen Spanien hat für Bundestrainer Joachim Löw bislang keine Folgen. Ob es dabei aber bleibt? Der DFB bittet offenbar doch nochmal um eine Analyse und um einen überzeugenden Plan.

Exakt 18 Mal (!) soll Joachim Löw am späten Dienstagabend das Wort "irgendwie" verwendet haben, um den "Schock von Sevilla" mit ARD-Moderator Matthias Opdenhövel und dem völlig "entsetzten" Bastian Schweinsteiger, Experte im Ersten, aufzuarbeiten. 18 Mal (!) "irgendwie", das klingt wie 18 Mal (!) ratlos. Und diese sehr verzweifelte Ratlosigkeit (!), die sei dem Bundestrainer in den ersten Momenten seiner höchsten Niederlage als Angestellter des Deutschen Fußball-Bundes gestattet. Denn hätte er sofort eine griffige Erklärung parat gehabt, warum seine deutsche Nationalmannschaft mit 0:6 (!) gegen Spanien so brutal kollabiert war, man hätte sich gefragt: Warum hat Löw während des Spiels nicht reagiert? Denn reagiert hatte er an diesem Abend, an dem die "Welt über uns lacht" (so ließ Franz Beckenbauer über die "Bild" ausrichten), nicht. Löw offenbarte eine erschreckende Teilnahmslosigkeit.

So still und leidenschaftslos sich seine Mannschaft blamieren ließ, so still und leidenschaftslos schlich sich der Bundestrainer aus dem coronakomplizierten Länderspieljahr 2020. Dass er sich nun zurückzieht und erst im kommenden Jahr, wenn das DFB-Team im März gefordert ist, wieder auftaucht, dass will man dem 60-Jährigen indes nicht durchgehen lassen. Nicht in all den Kommentaren, Kolumnen und Talkrunden. Aber auch nicht beim Deutschen Fußball-Bund (DFB). Denn entgegen einer schnellen Beratung zwischen Löw, Co-Trainer Marcus Sorg, DFB-Direktor Oliver Bierhoff sowie Boss Fritz Keller und der Entscheidung, dass der Bundestrainer weitermachen dürfe, will man sich im Präsidium noch einmal ausführlicher mit dem "Schock von Sevilla" befassen. Das berichtet die "Bild"-Zeitung.

Deckmäntelchen "Umbruch" trendet nicht mehr

So soll Bierhoff am 4. Dezember vorsprechen und vorlegen, wie er und Löw (mit seinem Trainerteam) die gedemütigte Mannschaft im kommenden Jahr so wettbewerbstauglich machen soll, dass das erklärte Ziel "EM-Halbfinale" erreicht werden kann. Die Analyse, wie diese Mannschaft, die sich mit mehr Schwächen als Stärken durch die Spiele quält, wieder auf höchstem Niveau wehrhaft gemacht werden soll, sie wird mutmaßlich viel präziser ausfallen müssen, als jene, mit der das WM-Debakel von Russland aufgearbeitet(chen) wurde. Denn das einst so schmucke Deckmäntelchen "Umbruch" trendet nicht mehr.

Zu etabliert und erfolgreich in ihren Vereinen sind die Spieler, denen Löw vertraut. Zu lang ist die Liste der Probleme, für die der Bundestrainer zuletzt keine Lösungen mehr fand - was sich in aktuellen Umfragen übrigens in radikalen Unzustimmungswerten niederschlägt. Die Liste der Probleme reicht von einer nach wie vor nicht klar erkennbaren Spielidee, über unerklärliche defensive Aussetzer sowie ungeklärte System- und Personalfragen - dabei geht es nicht nur um eine Rückkehr von Thomas Müller Mats Hummels und Jérôme Boateng - bis hin zu einer Hierarchie, die eigentlich keine ist.

Zumindest nicht auf dem Rasen (der Einfluss von Manuel Neuer als Torwart ist nur begrenzt). Neben dem derzeit verletzten Joshua Kimmich bietet sich seit langer Zeit kein Feldspieler an, lautstark die Führung zu übernehmen. Wenn's läuft, egal. Aber es läuft eben nicht. Und so wankte gegen Spanien jeder Spieler einzeln und allein ins Debakel. Was an der Erkenntnis besonders erschreckend ist: Im Gruppenfinale der Nations League stand die derzeit mutmaßlich beste, von Löw berücksichtigte Mannschaft auf dem Platz. Mit Ausnahme eben des absolut unverzichtbaren Kimmich und mit Ausnahme von Kai Havertz, diesem spielerischen und spielmachenden Ausnahmetalent, das sich mit dem Coronavirus infiziert hatte.

Kimmichs Position ist nicht das Problem

Ungeachtet dessen, das die Bedeutung von Kimmich für die Mannschaft noch deutlich größer ist, als eh bekannt, taugt ein Rückzug auf dieser Personalie allein nicht. Denn gerade auf seiner Position, auf der Position im zentralen Mittelfeld, ist die Dichte an Qualität im Nationalteam so hoch wie nirgends. Mit Toni Kroos, dessen Rolle als unantastbarer Souverän in einer dynamischeren Idee indes zunehmend umstritten ist, mit Ilkay Gündogan und Leon Goretzka hat Löw drei Leistungsträger der Top-Klubs in Europa zur Verfügung. Und mit Florian Neuhaus - eine der ganz, ganz wenigen erfreulichen Erkenntnisse der vergangenen Länderspiele - nun auch noch eine überraschende Option, die Laufstärke mit Dynamik und Kreativität verknüpft.

Was der Mannschaft ohne Kimmich fehlt, ist das Chefige. Der Antrieb, die Leidenschaft, die Gier. In der Mannschaft, die 2014 in Brasilien Weltmeister war, war die Führung stabil verteilt. Da waren eben noch Müller, Boateng und Hummels. Aber auch Schweinsteiger und Philipp Lahm. Ein emotionaler "Blackout", wie am Dienstagabend, der war über mehrere Sicherheitsmechanismen (Führungsspieler) ausgeschlossen. Der Versuch, im Umbruch neue Sicherheitsmechanismen (Führungsspieler) auszubilden, ist nach bislang nicht über das Stadium "Versuch" hinausgekommen.

Ohne Hierarchie wird's eng

So mutig die begnadete Moped-Gang um Serge Gnabry, Leroy Sané und Timo Werner mit dem Ball am Fuß sind, so mutig sich Matthias Ginter, Niklas Ginter und Antonio Rüdiger in die defensiven Duelle mit ihren Gegnern werfen, so zurückhaltend sind sie indes auf dem Platz in der Ansprache. Und Kroos und Gündogan, die allein wegen ihrer Erfahrung und Zeit beim Team als Sprecher in Frage käme, sind eben auch keine Lautsprecher.

Der schnelle Aufbau einer funktionierenden Hierarchie, einer klaren Führung, wird für Löw entscheidend sein. Entscheidender als Fragen nach Dreier-, Vierer- oder sonst welchen Ketten. "Einen Freifahrtschein für Jogi Löw gibt es nicht", zitierte die "Bild" einen namentlich nicht genannten Teilnehmer der Schalte, in der beschlossen wurde, dass Bierhoff vorsprechen müsse. Der namentlich nicht genannte Teilnehmer werde sich sehr genau anhören, wie Löws Rückblick aussehe und welche Perspektive er aufzeige. Dazu gehöre auch die Frage, ob es mehr erfahrene Spieler brauche, die das Kommando übernehmen würden - "gerade dann, wenn es mal nicht gut läuft". Dabei geht es dann natürlich vor allem um die Ausmusterung der Ex-Weltmeister. Auf die will der Bundestrainer aber weiter verzichten. Für Unterstützung für sich und seinen Weg braucht es nun den überzeugendsten Löw, den es je gab. Ohne "wenn" und "irgendwie".

Übrigens schon einmal war Joachim Löw dabei, als die Stimmung um Deutschlands Fußballer im akuten Alarmmodus schrillte. Damals, 2006, nach einem krachenden 1:4 in Italien kurz vor der Heim-WM 2006 wollten Abgeordnete Bundestrainer Jürgen Klinsmann, Löw war sein Assistent, vor den Sportausschuss des Bundestages zitieren. Dazu kam es nicht, Klinsmann bekam auch so noch die Kurve und wurde drei Monate nach dem Fiasko von Florenz als Vater des Sommermärchens gefeiert.

Quelle: ntv.de