Fußball

Gewaltige Hypothek fürs EM-Jahr Sechs Argumente gegen Joachim Löw

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Trübe Aussichten.

(Foto: dpa)

Wenn es die Pandemie zulässt, wird im kommenden Jahr eine Fußball-EM ausgetragen. Bei der möchte die deutsche Mannschaft eigentlich eine gute Rolle spielen. Doch die zarten Fortschritte zuletzt werden in der Nations League von Spanien zertrümmert.

Die Frage, ob er sich nun Sorgen um seinen Job macht, die konnte Joachim Löw am Dienstagabend nicht beantworten. So spontan, erklärte der Bundestrainer, sei das nicht möglich. Und überhaupt müsse man doch eh eher andere Leute mit diesem Thema konfrontieren. Oliver Bierhoff wäre ein geeigneter Kandidat. Und so wurde der dann auch gefragt, ob er dem Bundestrainer immer noch vertraue - trotz der verdienten 0:6-Klatsche im Gruppenfinale der Nations League gegen Spanien.

Ja, bekräftigte der geschockte DFB-Direktor in der ARD. Er bekräftigte seine Überzeugung in die Arbeit von Löw an diesem Dienstag bereits zum zweiten Mal. Das erste Mal hatte er das vor dem Spiel getan. Es war eine wohl dringend notwendig gewordene Einordnung seines erst am Montag gegenüber der "FAZ" geäußerten und zur nationalen Überschrift erhobenen Satzes, dass sich der Trainer an Ergebnissen messen lassen müsse. Gerne wären sie beim DFB mit einem guten aus diesem komplizierten Jahr geschieden. Nun nehmen sie nichts weniger als die maximal schwerste Hypothek mit in die EM-Vorbereitung.

Wäre nur das Ergebnis der Schmach von Sevilla ausschlaggebend für die Zukunft von Löw, dann läge diese nicht mehr beim Deutschen Fußball-Bund. Zu desaströs spielte die deutsche Mannschaft, leblos, führungslos. Auf dem Platz, aber auch an der Seitenlinie. Denn der ewige Bundestrainer ertrug die Grausamkeit seiner Elf, die der derzeit bestmöglichen recht nah kam (von den Stammspielern fehlte nur der gierige und wirklich unverzichtbare Joshua Kimmich), mit einer erstaunlichen Teilnahmslosigkeit. Kampfgeist, Feuer, Leidenschaft? Unter dunklen Wolken.

Vertrauen wird weiter sinken

Nun wird Löw wissen, dass ihn dieses Spiel nicht aus dem Amt kickt. Aber der 60-Jährige wird auch eine sehr konkrete Ahnung davon haben, dass sich die Stimmung rund um die Nationalmannschaft weiter gegen ihn richtet. Schon nach dem ruckeligen Länderspiel-Dreiakter im Oktober hatte eine Umfrage ergeben, dass nur noch vier Prozent der Befragten das totale Vertrauen in ihn haben. 76 Prozent dagegen hielten Löw vor rund fünf Wochen für den falschen Mann auf dem wichtigsten Trainerstuhl der Nation.

Dass sich diese Umfragewerte nun noch einmal verschlechtern werden, dafür muss man kein Demoskop sein. Wobei die Gattung der Meinungsforscher ja im Zuge der bizarren US-Wahl ohnehin amtlich Schaden erlitten hat. Sei's drum. Ungeachtet der Analyse, die Bierhoff und Löw nach dem Debakel durchführen wollen, wird sich an der Führungsverantwortung für die DFB-Elf nichts ändern. Der Direktor hatte ja bekannt, dass er den Weg mit dem Coach bis zur EM mitgehen wolle und werde.

Doch trotz aller Bekräftigungen wird es Bierhoff nicht gelingen, die Diskussionen um Löw zu kontrollieren. Kritik an Kritik, wie zuletzt in einem langen Monolog von ihm ausgeführt, würde kaum auf Verständnis stoßen. Die Diskussionen werden dieses Mal faktengedeckt reichlich Schwung aufnehmen. In all den Beiträgen zum letzten Länderspiel des Jahres, aber noch mehr, wenn am Wochenende wieder alle möglichen Experten in ihren Talkrunden zusammensitzen, oder ihre scharfen Kolumnen veröffentlichen. Sechs Gegentore gegen indes auch brutal starke und spielfreudige Spanier, die werden in den Runden und Spalten in sechs Argumente gegen Löw umgewandelt.

Alle Schwächen offengelegt

Diskutiert werden wird über die defensive Anfälligkeit, über das System, über Toni Kroos und dessen dynamischen Wert für die Mannschaft, über die undurchsichtige Spielidee. Darüber, welche Entwicklung das Team unter Löw in diesem schwierigen Pandemie-Jahr tatsächlich genommen hat. Vor allem auch verglichen mit den Top-Nationen um Frankreich und Spanien. Oder auch mit den talentierten Engländern.

Und natürlich wird in größter Hitzigkeit über die Hierarchie dieser stillen Truppe debattiert. Was eng mit den Namen Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng verwoben wird. Wann immer die Nationalmannschaft nicht das liefert, was der (anspruchsvollen) nationalen Erwartungshaltung entspricht, entbrennt dieses leidige Rückkehr-Thema der von Löw Ausgebooteten. In eiligster Sorge um das Team nominierten der entsetzte Bastian Schweinsteiger (Experte in der ARD) und Mesut Özil den bayrischen Hünen Boateng noch am Dienstag herbei. Über Müller und Hummels wird schon länger und intensiver verhandelt - ohne Löw.

Ob dieser nun tatsächlich ins Wanken kommt, angesichts der hilflosen Vorstellung in Sevilla, für die Serge Gnabry nicht mal mehr nach Ausreden suchen wollte, das scheint wieder möglich, wenn auch nicht wahrscheinlich. Einmal mehr sagte Löw: "Wir müssen die Situation zum richtigen Zeitpunkt bewerten. Das Vertrauen in unsere Spieler ist jetzt nicht völlig erschüttert. Wir müssen die richtigen Schlüsse ziehen." Gut vier Monate hat er nun Zeit dafür, erst am 24. oder 25. März steht wieder ein Länderspiel an. Es sind Monate, in denen sich Löw trotz aller Debatten und Kommentare keine Sorgen um seinen Job machen muss. Das gilt dann aber umso akuter, sollten im Frühjahr wieder weder Leistung noch Ergebnis stimmen.

Quelle: ntv.de