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Fußball-Zeitreise, 28. Juni 2012 Der verrückte Mario Balotelli zieht blank

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Mario Balotelli bejubelt Italiens 2:0, wie nur er es kann - DFB-Kapitän Philipp Lahm dreht nach seinem Patzer missmutig ab.

(Foto: imago sportfotodienst)

Die Schlagzeile "Bye Bye Germania" packt sich Italiens extravaganter Superstar Mario Balotelli nach dem EM-Halbfinalsieg gegen Deutschland auf seine Schuhe. Doch das ist bei Weitem nicht seine verrückteste Aktion. Seine Trainer und Mitspieler können ein Lied davon singen!

Ausgerechnet Mario Balotelli - haben nicht wenige Deutsche damals gedacht, als am 28. Juni 2012 im EM-Halbfinale der verrückte Italiener mit seinen zwei Toren den deutschen Traum vom Titelgewinn brachial zerstörte und anschließend blank zog. Ein Bild, das wohl allen Fußballfans hierzulande nicht mehr aus dem Kopf gehen wird. Balotelli feierte seinen zweiten Treffer beim 2:1-Sieg der Italiener so überschwänglich, dass er nach seiner gelben Karte wegen Trikotausziehens ab der 36. Minute deutlich gedämpfter zur Sache gehen musste.

Eine dieser typischen Balotelli-Aktionen, die die Italiener ihm nur nachsahen, weil am Ende der Einzug ins Finale stand. So wurde es der persönlich schönste Tag im Trikot der Nationalmannschaft für Mario Balotelli, der es in seiner Karriere nicht immer leicht hatte - vielleicht, weil er es sich auch nicht immer leicht machte.

Mit der Mafia durch Neapel

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Torhüter Joe Hart, sein Mannschaftskamerad in der Zeit bei Manchester City, hat einmal gemeint, es gebe "zwei Marios". Balotelli hat diesem Urteil nie widersprochen, aber er hat dem ehemaligen englischen Nationalkeeper über einen Journalisten ausrichten lassen, dass Hart sich glücklich schätzen dürfe, beide zu kennen und "nicht nur den bösen Mario". Denn den gibt es tatsächlich auch. Vor allem kennen wir aber den tollpatschigen, häufig etwas unbedarften und stets von sich selbst überzeugten ewigen Jungstar ("Ich denke, dass Mario niemandem etwas beweisen muss", Balotelli über Balotelli) - mit einem ausgeprägten Hang zum ungewöhnlichen Leben. Und dieses Leben ist geprägt von unzähligen, teilweise fast schon unglaublichen Geschichten unterschiedlichster Prägung.

Als Balotelli beispielsweise 2010 mit Mafia-Bossen durch Neapel zog und Fotos für die sozialen Netzwerke machte, reagierte er auf die Kritik an seinem höchst speziellen Verhalten leicht irritiert: "Man wird doch wohl noch einmal ein Viertel besuchen dürfen, das wegen seiner hohen Kriminalitätsrate in aller Munde ist." Selbstverständlich. Und natürlich ist es auch überhaupt kein Problem, öffentlich verführerische Anreize zu setzen, die womöglich den einen oder anderen, vielleicht sogar die eigene Partnerin, staunend zurücklassen - wie im Frühjahr 2013, als Balotelli dieses zweifelhafte Angebot nach einer 1:4-Hinspielklatsche von Real beim BVB via Medien in die Welt hinausposaunte: "Sollte Real Madrid gegen Borussia Dortmund eine Aufholjagd und der Einzug ins Champions-League-Finale gelingen, lasse ich meine Freundin mit allen Spielern schlafen." Gott sei Dank flüchtete die Dame von seiner Seite, noch bevor es zu irgendwelchen Verrichtungen hätte kommen können.

Peter Pan prügelt seinen Trainer

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Auch der damalige Frankfurter Mohamadou Idrissou versuchte sich 2012 am "Balotelli".

(Foto: imago sportfotodienst)

Balotellis Berater versuchte einmal zu erklären, wie sein Mandant denn tatsächlich so ticke und wählte dafür die Romanfigur des "Peter Pan", dem Jungen, der nicht erwachsen werden wollte, als Blaupause. Balotelli fand den Vergleich passend – ohne allerdings zu verraten, ob er das Buch oder einen Film zu der fiktiven Figur je gelesen oder gesehen habe: "Peter Pan lässt die Leute lachen, ich könnte also Peter Pan sein. Ich bin frei, ein bisschen anders. Aber ich bin erwachsener als Peter Pan."

Peter Pan also. Jahre zuvor hatte der "Guardian" in dem italienischen Nationalspieler einen der Hauptschuldigen am fortdauernden Versagen von Manchester City ausgemacht und eine vernichtende Generalabrechnung über den Italiener verfasst: "Balotelli ist die spatzenhirnige Verkörperung des Niedergangs von City." Auch einer seiner ehemals größten Förderer wendete sich in diesen Zeiten von ihm ab. Lange hatte sich Coach Roberto Mancini selbst eingeredet, die Sache mit Balotelli laufe trotz aller Widrigkeiten unter dem Gesichtspunkt des Erfolgs ganz ordentlich: "Er hört mir nicht zu. Aber wenn er trifft, ist das okay." Anfangs gelang es dem City-Trainer noch, die eigene Wut auf Balotelli in kleine spaßige Aussagen zu verpacken: "Wenn du mit mir vor zehn Jahren zusammengespielt hättest, hätte ich dir jeden Tag einen Schlag gegen den Kopf verpasst." Doch irgendwann reichte es auch ihm. Mancini hatte einfach die Schnauze voll. Die alltäglichen Berichte in den Zeitungen und die Undiszipliniertheiten in Spiel und Training brachten das Fass zum Überlaufen. Als es im Januar 2013 während einer Übungseinheit wieder einmal zwischen den beiden Italienern verbal krachte, kam es tatsächlich zu einer kurzen Schlägerei zwischen Balotelli und seinem Coach. Das Ding war nicht mehr zu kitten, der Nationalspieler wechselte zum AC Mailand.

Forsch wider Rassismus

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In Mailand wurde Balotelli ebenfalls nicht recht glücklich, freundete sich aber mit dem ehemaligen italienischen Staatspräsidenten und damaligen Besitzer des AC, Silvio Berlusconi, an. Auch wenn der stets braun gebrannte "Bunga-Bunga"-Lebemann Berlusconi nicht immer nur nette Sachen über seinen Spieler sagte. Einmal meinte er beispielsweise mit seinem berühmten, süffisanten Ganoven-Lächeln, dass Balotelli ja ebenfalls ein Italiener sei, "auch wenn er zu viel Sonne abbekommen" habe. Vermutlich hatte der Boss des AC Mailand Glück, dass sein Spieler in diesem Augenblick nicht in seiner Nähe stand. Denn gegen jede Form von Rassismus wehrte sich Balotelli schon immer forsch, direkt und selbstständig: "Wenn mich jemand auf der Straße mit einer Banane bewirft, werde ich ins Gefängnis gehen müssen, weil ich denjenigen umbringen werde."

Lammfromm ist Balotelli aber auch ansonsten nicht immer. Eine seiner zahlreichen Schwachsinnsideen: Er schmiss mit Dartpfeilen auf ein Nachwuchsteam von City. Seine Begründung für den hochgefährlichen Fauxpas klang haarsträubend: "Ich wollte, dass die Zeit rumgeht. Mir war echt langweilig!" Und nach dem Aus der Italiener bei der Weltmeisterschaft 2014 postete Balotelli im Internet ein Foto von sich mit einer Pumpgun im Anschlag und dazu den Satz: "Ein fetter Schmatzer für alle, die mich hassen." Sein Tattoo auf die Brust, das vom Mongolen-Führer Dschingis Khan stammt, könnte er sich gut für die Deutschen stechen lassen haben – nach diesem denkwürdigen 28. Juni 2012 mit seinen zwei Treffern bei der EM in Polen und der Ukraine: "Ich bin die Strafe Gottes. Und hättet ihr nicht so furchtbare Sünden begangen, so hätte Gott mich nicht als Strafe über euch kommen lassen."

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Quelle: n-tv.de

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