Fußball

Niemand konnte ahnen, was kommt Der zsmmnbrch von "Die Mannschaft"

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Der #zsmmnbrch war erst der Anfang.

(Foto: imago/photothek)

Im dritten Spiel der WM 2018 muss Titelverteidiger Deutschland gegen Südkorea gewinnen, um in die K.o.-Phase des Turniers in Russland einzuziehen. Doch das Team von Joachim Löw verliert. Der Neuanfang nach dem Debakel misslingt, der Fußball gerät in Verruf und auch sonst wird nichts mehr gut.

Der 27. Juni 2018 war ein sonniger Tag. Auf der Fanmeile vor dem Brandenburger Tor vertrieben sich die Zuschauer die Zeit bis zum Anstoß des dritten WM-Spiels der deutschen Mannschaft. Die Fans schossen auf das von einer Agentur aus Rio eingeflogene Tor aus dem Finalspiel 2014. Sich einmal wie Mario Götze fühlen. Einmal ein Tor für die Ewigkeit erzielen. Lange Schlange unweit des Sowjetischen Ehrenmals an der Straße des 17. Juni. Jeder will treffen. Jeder will einmal Mario Götze sein.

Klar, der WM-Held von 2014 hatte es vier Jahre später für Russland nicht einmal mehr in den Kader geschafft und in die Spur hatte "Die Mannschaft" bislang auch noch überhaupt nicht gefunden. Die Auftaktniederlage gegen Mexiko und der durch den Kroos-Freistoß in letzter Sekunde erstolperte Sieg gegen Schweden waren eine unzureichende Antwort auf die massive Unruhe vor dem Turnier.

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Das Foto war der Startschuss für eine vollkommen misslungene WM.

(Foto: picture alliance / Uncredited/Po)

İlkay Gündoğan und Mesut Özil hatten mit ihrem gemeinsamen Bild mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan den Ton für den missglückten Auftakt gesetzt, aber nach Schweden war die Hoffnung groß. Auch, weil Bundestrainer Joachim Löw so tiefenentspannt an einer Laterne in Sotschi gelehnt und das Turnier doch gerade erst begonnen hatte. In den Jahren nach dem WM-Triumph von Rio hatte sich die Nationalmannschaft zwar zunehmend von der Basis entfremdet, war plötzlich größer als das Land, das sie repräsentierte. Der Marketingbegriff "Die Mannschaft" war der Höhepunkt dieser Entfremdung, die mit hanebüchenen Hashtags wie #zsmnn nur noch größer geworden war.

"Das Spiel knirschte wie die Gelenke von Ötzi"

Aber ein Sieg gegen Südkorea und alles würde irgendwie vergessen sein. Mit der K.o.-Phase beginnt bekanntlich immer ein ganz neues Turnier. Davor eben 90 Minuten Südkorea. Was sollte schon schiefgehen? Alles! Blick zurück auf die Worte des Kollegen Tobias Nordmann, der den Zusammenbruch damals blitzanalysierte.

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Schon wieder nicht getroffen.

(Foto: picture alliance/dpa)

"Die ersten 45 Minuten waren so feurig wie Benjamin Blümchen beim Lambada, die zweite Halbzeit knirschte wie die Gelenke von Ötzi. ZDF-Mann Béla Réthy sah sich gleich mehrfach in der Not, den gelangweilten TV-Zuschauern zu erklären, dass es sich bei den gezeigten Szenen um Echtzeitbilder handelt", schrieb er und fand kein Ende: "Die deutschen Mühen waren behäbig, träge und ideenlos wie Länderspiele Ende der 90er-Jahre. Pass-Monster Toni Kroos leitete zwar 114 Pässe an seine Kollegen weiter - seiner Zählart nach damit 286 weniger als gegen Schweden - ein cleverer Einfall war indes ebenso wenig dabei, wie ein fataler Fehler. Und dass die Statistik-Experten der Fifa Deutschland 26 Torschüsse ins Fleiß-Heftchen schrieben, nennt man wohl Weltmeister-Bonus."

Die Welt war fasziniert vom Untergang des deutschen Teams, das sich kurz vor den beiden späten Treffer sogar noch eine gute Chance erarbeitet hatte. Aber Mats Hummels traf eine Flanke Özils mit der Schulter und nicht mit dem Kopf. Ein Tor hätte gelangt. So eben: Untergang oder eben Hashtag #zsmmnbrch.

Für die letzten verbliebenen Fans des bierhoffschen Kunstprodukts "Die Mannschaft" war das quälend langsame Aus ein "Wo warst Du?"-Moment. Niemand wird vergessen, wo er die derbste Pleite der deutschen Turniergeschichte verfolgt hat, aber niemand hätte damals erahnen können, welch wilder Ritt folgen würde. Nicht nur für den Fußball, sondern für die Welt. Die Erschütterungen im deutschen Fußball waren massiv, die Verwerfungen in der Gesellschaft sind es immer noch und sie werden bleiben. Für lange Zeit.

"Überall brodelt es"

Wahrscheinlich noch nie seit dem Zweiten Weltkriegs hat sich die Welt zwischen zwei Turnieren so massiv in eine kritische Richtung verändert. "Die gesellschaftlichen Umwälzungen in den letzten vier Jahren haben doch eine ganz andere Qualität", sagt Matthias Gehrhus. Seine Familie betreibt seit 1954 im Prenzlauer Berg die Bornholmer Hütte, nur wenige hundert Meter von dem historischen Ort des Mauerfalls 1989. "Überall brodelt es. In den vier Jahren zwischen 1986 und 1990 ist viel passiert, aber die Welt veränderte sich letztendlich in eine positive Richtung. Das hat sich gedreht. Damals ging es in die Freiheit." Gehrhus verweist auf die drückenden Themen dieser Tage: den Krieg in der Ukraine, die im Hintergrund lauernde Pandemie, die Inflation. Der Kneipier ist besorgt. Damit ist er nicht allein.

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Vor seiner Haustür fiel die Mauer, aber für Kneipier Gehrhus sind die Umwälzungen jetzt dramatischer.

(Foto: picture alliance/AP Images)

Vier Jahre nach Südkorea ist wieder Krieg in Europa. Ausgehend vom Ausrichter der WM 2018, der international seit dem 24. Februar 2022 isoliert ist. Dazu eine Pandemie, die noch lange nicht beendet ist und die seit über zwei Jahren auf der Gesellschaft lastet. Eine richtige Antwort auf den Umgang ist noch nicht gefunden, wie auch auf die zunehmend drängenden Fragen des Klimawandels, der längst nicht mehr Zukunft ist. Die Inflation, die steigenden Energiekosten, die Furcht vor weltweiten Hungersnöten, die allgemeine Ungewissheit, was überhaupt sein wird. Nervöses Zucken überall. Über zwei Jahre Alarmzustand seit Ausbruch der Pandemie haben ihre Spuren hinterlassen.

Die Jahre im Schnelldurchlauf, da muten die Erschütterungen im deutschen Fußball natürlich wie ein Witz an, aber natürlich sind auch sie real. Joachim Löw ist nicht mehr Bundestrainer, er bekam noch ein Turnier. Das war ähnlich schwach. Nach dem folgerichtigen Aus gegen England waren die zum Schluss bleischweren Löw-Jahre Geschichte. Der ewige Bundestrainer hatte vorher noch einige Rettungsversuche unternommen.

Immerhin ist Götze wieder da

Auf die Schlammschlacht um Mesut Özil, folgte das kurzzeitige Ende der Deutschland-Karrieren von Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng nach wenig überzeugenden Auftritte in der Nations League, einem dieser neuen Wettbewerbe. Doch die Pandemie und die dadurch verschobene EM brachten zumindest Hummels und Müller zurück. Auch der DFB mit seinen stets wechselnden Präsidenten hatte weiter erst mit einbrechenden Zuschauerzahlen und während der Pandemie mit überzogenen Erwartungen zu kämpfen. Die Versuche, sich wieder der Basis zu nähern, wurde torpediert und wirkten vorher schon hilflos. Die Eintrittspreise blieben hoch, das Interesse gering. Zu viel Fußball für zu viel Veränderungen im sonstigen Leben.

Nach der EM ging nicht nur Löw, sondern auch Kroos, ein unverstandenes Genie des deutschen Fußballs. Der Mittelfeldspieler sorgt immer noch für Schlagzeilen, nur nicht mehr im Dress der Nationalmannschaft. Mit Hansi Flick zog neuer Optimismus ein. Noch ungeschlagen, liegen die großen Aufgaben vor ihm. Die umstrittene Winter-WM beginnt erst im November. Vielleicht sogar wieder mit Mario Götze. Der, mittlerweile 30, ist nach zwei Jahren im niederländischen Exil zurück in der Bundesliga und hofft noch auf einen Platz im Kader in Katar.

Am Morgen des 28. Juni 2018 macht sich nicht nur Joachim Löw Sorgen um seine Zukunft. Auch die Händler auf der Fanmeile am Brandenburger Tor bangen. Das große Geschäft sollte ab dem Achtelfinale beginnen. Doch nur noch vereinzelte Zuschauer verirren sich in den letzten Wochen im Tiergarten. Die Weltmeisterschaft ist eine zum Vergessen. Bei der 2021 ausgetragenen Europameisterschaft 2020 gibt es keine Fanmeile mehr. Die Pandemie erfordert Abstand. Wenn das Weltturnier in Katar dann im November beginnt, werden die, die immer noch Fußball schauen wollen, die Kälte meiden. Wenn das überhaupt möglich sein wird.

Quelle: ntv.de

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