Fußball

Maier schlief, Cognac für Kalle Dettmar Cramer, legendär und Weltklasse

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An der Seitenlinie: Dettmar Cramer im Jahr 1975 als Trainer des Fc Bayern.

(Foto: imago sportfotodienst)

Sepp Maier nannte ihn beim FC Bayern "Laufender Meter". Franz Beckenbauer schätzte seine Univorträge. Dettmar Cramer aber war vor allem ein überragender Trainer, wunderbarer Mensch und toller Rhetoriker. Eine humorvolle Würdigung.

Von seiner Ehefrau Anne-Marie ist der Spruch überliefert: "Er redet über Fußball, bis der letzte Mann am Boden liegt." Er selbst sagte einmal: "Meine größte Schwäche ist meine Unfähigkeit, nein zu sagen. Meine Frau hat es mal so erklärt: Wenn du ein weibliches Wesen wärst, wärst du schon längst keine Dame mehr!" Von Dettmar Cramer, dem großen Trainer, werden seine Erfolge, aber auch seine herrlichen Sätze in Erinnerung bleiben: "Wenn ihr Kopfball-Duelle nicht gewinnen könnt, dürft ihr sie wenigstens nicht verlieren".

Mit dem österreichischen Lästermaul und Kollegen Max Merkel verband Cramer während seiner Laufbahn ein ganz besonderes Verhältnis, das in einem legendären Dialog gipfelte. Merkel sagte: "Der Dettmar Cramer hat doch nur den Schwarzen im Senegal beigebracht, wie man Kakteen umdribbelt." Cramer antwortete: "Hier ist der Kollege Merkel schlecht in Geografie: Im Senegal gibt es gar keine Kakteen." Wegen dieser und anderer Geschichten konnte Max Merkel Cramer nicht leiden. Immer wieder stichelte er gegen den Meistertrainer: "Der Cramer, wenn er so dasteht, den halten S' doch nie für einen Fußball-Trainer. Er ist ein Klassekerl, aber er sieht aus wie ein Hochschullehrer, ein Kernphysiker oder ein U-Boot-Kapitän. Der hatte einen Weltklasse-Vortrag vom Fachlichen her, aber wenn ich ihn seh', hab ich ein Armutsgefühl. Acht Pfund Papier braucht der für seine Taktik, und die Klosterschwestern beten für ihn. Zu mir ist noch nie ein Pastor gekommen, Herr Merkel: Wir beten für ihren Erfolg." Ein wenig später ergänzte er: "In der Theorie ist Cramer Weltmeister. Der Dettmar füllt zwar kiloweise Papier mit Strichen, wie die Spieler zu laufen und Bälle abzuspielen haben, trotzdem zählte der Präsident neulich 43 Abspielfehler in Frankfurt."

"Die Blinden, die schlagen wir 4:0"

Und so wundert es nicht, dass der Vorsitzende des FC Bayern München, Wilhelm Neudecker, ebenfalls an seinem Trainer kein gutes Haar ließ. Der sei den Spielern gegenüber zu weich: "Cramer trainiert nur ihre Hinterköpfe. Am Ende haben alle Abitur, aber der FC Bayern zu wenig Punkte." Erst als Cramer 1975 und 1976 mit der Mannschaft den Europapokal der Landesmeister gewann, gab Neudecker Ruhe. Cramer erinnerte sich: "Damals hat man sich eben suspekt gemacht, wenn man drei gerade Sätze am Stück formulieren konnte". Einer seiner bekanntesten: "Es hängt alles irgendwo zusammen. Sie können sich am Hintern ein Haar ausreißen, dann tränt das Auge."

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Gemeinsam für den DFB: Dettmar Cramer und Sepp Herberger 1969.

(Foto: imago/WEREK)

Tatsächlich hat sich Cramer nach dem Zweiten Weltkrieg vieles selbst beigebracht. Er schaffte seine Fußballlehrer-Prüfung, obwohl er von "Schiller und Goethe mehr als vom Fußball" wusste, wie Bundestrainer Sepp Herberger lächelnd erzählte. Vor dem Weltmeistertrainer von 1954 hatte Cramer riesigen Respekt. Franz Beckenbauer erzählte einmal über seinen Trainer: "Er hielt uns in der Mannschaftssitzung regelrechte Univorträge. Vor jedem Training hat er uns im Keller des Vereinsgeländes versammelt, in einem Kämmerchen, in dem wir alle gerade Platz hatten, wenn wir ganz eng zusammenrückten. Die Fenster wurden geschlossen, weil draußen immer ein paar Kiebitze lauerten, die aber nichts hören sollten. Es dauerte keine zehn Minuten, dann war der Sauerstoff verbraucht. Als Erster schlief immer Sepp Maier ein. Gerd Müller raunte immer nur: Was erzählt der? Die Blinden, die schlagen wir 4:0."

Zwei Cognacs für Rotbäckchen Rummenigge

Einen seiner Spieler mochte Cramer zu Münchener Zeiten ganz besonders. Den Lippstädter Karl-Heinz Rummenigge hatte er unter seine Fittiche genommen. Auf seine ganz spezielle Art versuchte er dem Jungstürmer einige kluge Ratschläge zu vermitteln, um in gewissen Spielsituationen fixer reagieren zu können: "Versuche beim Autofahren vorherzusehen, wie dein Vordermann oder Gegenüber sich verhalten wird. Schau schneller hübschen Mädchen nach und merke dir, wie sie aussehen."

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Den mochte er: Dettmar Cramer und Karl-Heinz Rummenigge.

(Foto: imago/Fred Joch)

In einem anderen Fall griff Cramer noch tiefer in die Trickkiste. Er verabreichte Rummenigge vor dem Landesmeister-Finale 1976 alkoholische Getränke. Zur Beruhigung soll er "Rotbäckchen" zwei Cognacs eingeschenkt haben. Jahre später stritt er die Geschichte zwar nicht ab, betonte aber: "Das Finale war doch in Glasgow. Das kann höchstens Whiskey gewesen sein." Rummenigge selbst erzählte einmal eine Anekdote aus den Hinterzimmern des großen FC Bayern: "Als Dr. Spannbauer noch unser Vereinsarzt war, lud er mal die ganze Truppe in sein Landhaus ein, das über sämtliche Schikanen verfügt: Kegelbahn, Schwimmbad etc. Dort hingen auch Boxhandschuhe herum, und Dettmar Cramer schlug mir vor, mal ein paar Runden mit ihm zu boxen. Während es für mich ein unheimlicher Jux war, geriet Cramer nach und nach in Rage und bedrängte mich. Da habe ich ihm auf einmal blitzschnell eins voll auf die Nase gegeben. Das war es dann auch! Er wollte nicht mehr. Die anderen Spieler haben sich köstlich amüsiert. Aufgestellt hat mich der Trainer trotzdem wieder."

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Der Klassiker: Dettmar Cramer als Napoleon.

(Foto: imago/WEREK)

Damals entstand im Münchener Olympiastadion ein legendäres Foto, das Bundesliga-Geschichte geschrieben hat. Dettmar Cramer musste sich viel Kritik für dieses ganz spezielle Shooting gefallen lassen. Dabei ist die Erklärung doch so einfach. Er selbst erzählte die Geschichte der Napoleon-Fotos so: "Dr. Wiede, ein alter Freund von mir und Sportchef der Münchner AZ, rief mich an und bat mich um ein Exklusivfoto mit Dreispitzhut. Da er ein alter Freund war, wollte ich nicht gleich ablehnen. Wiede bekniete mich so lange, bis ich eines Tages sagte: Okay, ich mache das. Als ich im Stadion erschien, um das Foto mit dem Feldherrn-Hut aufzunehmen, stand Diana Sandmann, die jetzige Beckenbauer-Freundin und Fotografin, plötzlich mit einer kompletten Napoleon-Montur aus dem Kostümverleih da. Ich sagte, das wäre gegen unsere Absprache, und wollte nicht mitmachen. Da fing sie fast zu weinen an, meinte, sie stünde jetzt bei ihrem Chef als Versager da. Sie bettelte so lange, bis ich einfach ja sagen musste. Ich konnte nicht anders. Ich wusste damals nicht, dass Diana eine Agenturfotografin ist und das Foto bald die ganze Welt überschwemmen würde. Für mich als alten karnevalsgewohnten Westfalen war das Foto ein Witz, ein harmloser Kostümgag. Plötzlich war ich als Napoleon abgestempelt."

"Letzten Endes sind wir doch beide Suchende"

Die fehlende Größe des 1,65 Meter großen Fußball-Professors hat andere Menschen schon immer in ihrer Fantasie anregt. Hans Finne, der Zeugwart von Bayer Leverkusen, fragte nach der Verpflichtung Cramers: "Haben wir überhaupt einen so kleinen Trainingsanzug?" Und ein Bayern-Fan dachte beim Anblick des silbernen Supercup-Pokals sofort an den Trainer: "Das ist doch eine Badewanne für Dettmar Cramer!" Damals in der Saison 1983/1984 begann Dettmar Cramer damit, aus Leverkusen einen richtigen Verein zu machen und ging dabei bewusst nicht behutsam vor, wie er selbst recht bildhaft betonte: "Wer einen Eierkuchen backen will, kommt nicht umhin, zunächst Eier zu zerbrechen."

Ur-Bayer-Profi Walter Posner fand die Umwälzungen ebenfalls klasse: "Man kann zu Dettmar Cramer sagen, was man will, und nach draußen sieht auch einiges anders aus als intern: Aber vor Dettmar Cramer waren viele Arbeitsplätze nur Proforma-Stellen. Seitdem er da ist, wird wirklich gearbeitet, wenn der Fußball die Zeit dazu lässt. Vollborn macht jetzt seine Prüfungen, und Kohn kniet sich in seine Lehre als Regelmechaniker, was nicht einfach ist. So wie Bayer heute dasteht, ist das Cramers Werk. Das hätte ein anderer nicht geschafft!" Der große Rhetoriker Cramer hat nach der Karriere einen weiteren wunderbaren Satz gesagt: "Freundschaften schließen ist noch viel wichtiger als Tore schießen - mit Abstand." In Hennes Weisweiler hatte er einen Bruder im Geiste. Als Widmung schrieb er seinem Trainerkollegen Cramer in ein Buch: "Letzten Endes sind wir doch beide Suchende." Am Donnerstag nun ist Dettmar Cramer im Alter von 90 Jahren gestorben.

Im Oktober erscheint das neue Buch unseres Kolumnisten Ben Redelings: "Die Bundesliga, wie sie lebt und lacht: Zum Schießen komische Momente von Ahlenfelder bis Zebec".

Quelle: ntv.de