Fußball

Bergamos kleines Fußballmärchen "Die Göttin" ist bereit für die Krönung

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(Foto: imago images / HochZwei/Syndication)

Mit furiosem Fußball mischt Atalanta Bergamo die erste italienische Liga auf. Nun steht das Team auch noch im Finale der Coppa Italia und könnte eine überraschende Saison mit einem Titel krönen. Vor dem Duell mit Lazio Rom ist die Stimmung aufgeheizt.

Auch Cristiano Ronaldo konnte "La Dea" nicht auf ihrem Weg durch die Coppa Italia aufhalten: "Die Göttin" - so der Spitzname von Atalanta Bergamo - fegte mit 3:0 über Titelverteidiger Juventus Turin und seinen portugiesischen Fußballstar hinweg. Das war Ende Januar, im Viertelfinale des italienischen Pokals. Nun, nach dem Halbfinaltriumph über den AC Florenz, steht Atalanta erstmals seit 1996 wieder im Endspiel. In der heutigen Partie gegen Lazio Rom (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) im römischen Stadio Olimpico gilt der Klub aus der Lombardei als Favorit - und kann jetzt schon eine bemerkenswerte Saison mit einem Titel krönen.

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Beim jüngsten Liga-Duell mit Lazio Anfang Mai erzielte Bergamos Duván Zapata sein 22. Saisontor.

(Foto: imago images / HochZwei/Syndication)

Mit ihrem erfrischend offensiven Fußball begeistern die Nerazzurri, die Schwarz-Blauen, weit über die Grenzen Bergamos hinaus. In der laufenden Erstligasaison hat Atalanta 73 Tore erzielt. Das ist Spitzenwert in der Serie A. Mehr noch: Nach elf Spielen ohne Niederlage in Serie - davon acht Siege - hat sich das Team von Trainer Gian Piero Gasperini auf Tabellenplatz vier vorgeschoben. Bei nur noch zwei ausstehenden Ligapartien, bei Meister Juve und zuhause gegen US Sassuolo, könnte ein Sieg sogar reichen, um die fünft- und sechstplatzierten AC Milan und AS Roma auf Distanz zu halten. Dann wäre die erste Champions-League-Teilnahme in der Vereinsgeschichte perfekt - und Bergamo stünde Kopf.

Es ist aber auch gut möglich, dass die lombardische Emotionsbombe schon heute Abend platzt. Die Teilnahme am Pokalendspiel passt zur jüngsten Entwicklung des Klubs. Viele Jahre lang galt Atalanta als Ausbildungsverein, nicht zuletzt aufgrund seines international anerkannten Jugendsystems. Doch seit Gasperini 2016 den Trainerjob übernommen hat, ist der nach der mythologischen Gestalt Atalante benannte Klub mehr als nur ein Steigbügelhalter der Großen.

Enorme Euphorie bei Bergamasken

Der 61-jährige Coach vermochte es, ewigen Talenten wie dem kolumbianischen Stürmer Duván Zapata oder dem deutschen Verteidiger Robin Gosens doch noch zum Durchbruch zu verhelfen und bei Altstars wie dem Argentinier Papu Gómez noch eine Leistungssteigerung herauszukitzeln. Der Qualifikation für die Europa League in der ersten Gasperini-Saison als Liga-Vierter folgte im Jahr darauf mit Platz sieben immerhin das Erreichen der Qualifikationsrunde. In dieser Saison scheint deutlich mehr möglich. Und Atalanta steht im Finale der Coppa Italia. Zum erst vierten Mal.

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Die Fans von Atalanta Bergamo fiebern dem zweiten Pokalsieg der Klubgeschichte entgegen.

(Foto: imago/Gribaudi/ImagePhoto)

Die Euphorie in Bergamo ist enorm. Längst wird das Atleti Azzurri d'Italia um- und ausgebaut. Das Stadion gehört dem Verein - für italienische Verhältnisse extrem untypisch. Nun träumen Tausende in der norditalienischen 120.000-Einwohner-Stadt vom größten Vereinstriumph nach dem einzigen Pokalsieg von 1963. Erfolgstrainer Gasperini befeuerte den Enthusiasmus vor dem Spiel: "Wir haben bereits bewiesen, dass wir Lazio in der Serie A schlagen können", sagte er mit Blick auf den 3:1-Ligasieg der Atalantini vor zehn Tagen in Rom. Dann fügte er hinzu: "Und ich denke, wir haben auch hier unsere Gewinnchancen."

Aufgeheizte Stimmung

Auch wenn Lazio so etwas wie der Dauerbrenner der jüngeren italienischen Pokalgeschichte ist - zum vierten Mal binnen sechs Spielzeiten stehen "die Adler" im Finale -, so gilt der Hauptstadtklub bei der Partie im heimischen Olympiastadion als sportlicher Außenseiter. Das liegt nicht nur an der Niederlage gegen Bergamo vor zwei Spieltagen, aber auch. Beim Blick auf die Formkurven der beiden Klubs sind nahezu konträre Verläufe erkennbar. Mit Platz acht in der Serie A wird es für Lazio schwer, noch einen Europa-League-Platz zu erklimmen. Bei dieser verkorksten Saison können die Römer ihre Fans wohl nur mit dem Pokalsieg milde stimmen.

Apropos Lazio-Fans: Gestern hat der Klub seine berüchtigten Anhänger um besonnenes Verhalten rund ums Pokalfinale gebeten. "Ich wünsche mir, dass das Spiel morgen ein großartiges Fußball-Event wird und dass sich die Fans im Einklang mit den Werten des Sports verhalten", sagte Präsident Claudio Lotito. Es dürfe keine Vorfälle geben, die "das Ereignis ruinieren können". Gemeint dürften damit rassistische und faschistische Aktionen sein, mit denen Lazio-Fans regelmäßig auffallen. Vor dem Pokal-Halbfinale beim AC Milan etwa marschierten Dutzende mit einem Banner des Diktators Benito Mussolini durch die Mailänder Innenstadt.

Doch auch Konflikte zwischen beiden Fanlagern sind am Finalabend nicht ausgeschlossen. Die Anhänger beider Klubs sind, mitunter wegen unterschiedlicher politischer Ansichten, verfeindet. So brachten Lazio-Ultras im Oktober vergangenen Jahres ein Transparent mit der Aufschrift "Atalanta du Wurm, für dich gibt es Messerklingen!" an einer römischen Brücke an. Wenige Tage zuvor hatten Bergamo-Ultras gemeinsam mit Frankfurter Ultras beim Europa League-Spiel der Eintracht gegen Lazio (1:4) geklaute Fanmaterialien sowie ein Banner mit der Aufschrift "Scheiß Lazio" präsentiert. Ultras aus Bergamo und Frankfurt pflegen eine langjährige Freundschaft miteinander.

Mehr als 21.000 Fans reisen nach Rom, um die Fußballer der Atalanta Bergamasca Calcio gegen Lazio zu unterstützen. Trainer Gasperini hofft auf "eine große Party". Doch auch er mahnt die Anhänger zur Besonnenheit: "Wir bitten unsere Fans, den Abend zu genießen, denn es darf nur ein Fußballfinale sein." Nach dem bisherigen Verlauf des bergamaskischen Fußballmärchens klingt das allerdings etwas zu normal.

Quelle: n-tv.de

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